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Gesellschaft

Imkerboom in der Stadt

20. Mai 2018

Imkern hat sich von einer Art Geheimwissenschaft zum neuen Trendhobby in der Stadt entwickelt. Vor allem Frauen wollen so dem weltweiten Bienensterben etwas entgegensetzen. Doch es gibt auch Kritik.

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Hobbimker Lavent
Bild: DW/S. Höppner

Vorsichtig hält die 9-jährige Sonja ihre Hand hin: "Sind die niedlich!", ruft sie begeistert, als sich zwei Bienen von ihrem Stock lösen und sich auf ihrem Handschuh niederlassen. Angst gestochen zu werden, hat sie nicht. Ein weißer Imker-Anzug und pinke Plastikhandschuhe schützen sie. Gemeinsam mit Mutter Nicole und zwei Nachbarn lernt Sonja im Garten hinter ihrem Haus, einer Wohnsiedlung im Kölner Stadtteil Müngersdorf, die Grundlagen der Imkerei kennen. "Imkern in der Nachbarschaft" nennt sich das Kooperationsprojekt des Wohnungsanbieters GAG und der sogenannten HonigConnection aus Köln, einer Initiative zur Förderung der Bienen.

Vier Völker leben nun seit einigen Tagen in den bunt angestrichenen Zargen am hinteren Ende der Wiese. Die Lage ist ideal, erklärt Imkerin Kerstin Kopp, die für die HonigConnection das Projekt betreut. Denn das Gelände ist weitläufig und wird wenig genutzt. Die Gruppe sucht nach der Bienenkönigin, in dem summenden Gewimmel zwischen Arbeitsbienen und Drohnen keine einfache Aufgabe. Manchmal weisen nur die Eier auf den Waben auf ihre Existenz hin.

Honigconnection Bienenstock
Bienenstocks des Projekts "Imkern in der Nachbarschaft": Wo ist die Königin?Bild: DW/S. Höppner

Bereits erkannte Königinnen werden mit einem kleinen gelben Punkt gekennzeichnet, um sie das nächste Mal leichter wieder zu finden. Immer wieder pustet Teilnehmer Levent mit dem sogenannten Raucher, einer Blechkanne mit Blasebalg, würzig riechenden Qualm in Richtung der Tiere. Die Bienen wittern dann Gefahr und bleiben so in der Nähe der Wabe. Auch das soll gegen das gefürchtete Stechen helfen.

Weg vom Altherren-Hobby

Was früher eher als Exotenhobby für vorwiegend ältere Herren galt, ist mittlerweile auch für immer mehr jüngere Menschen in der Stadt attraktiv, darunter auch viele Frauen. Parallel zu Trends wie Urban Gardening, dem Gärtnern in der Stadt, ist auch die Bienenhaltung in der Stadt, neudeutsch Urban Beekeeping, gewachsen. Die Völker werden nicht nur in Gärten, sondern auch auf Balkonen gehalten. Allein in Köln hat sich die Zahl der Freizeit-Imker laut dem Kölner Imkerverein in den vergangenen Jahren auf knapp 300 fast verdreifacht. Imkern ist "in", wissen auch die beiden Hobbyimkerinnen Iris Pinkepank und Stephanie Breil. "Dieser ganze Trend kommt aus der Selbstversorgungs- und Anbaubewegung, der Rückbesinnung auf die Natur in der Stadt", sagt Pinkepank. "Es ist einfach faszinierend zu sehen, dass man diese wilden Tiere in der Stadt halten kann", sagt Breil. "Imkern ist jung, weiblich und auch etwas innovativer geworden."

Kölner Imkerinnen Iris Pinkepank und Stephanie Breil
"Honigertrag nicht mehr im Vordergrund": Die Imkerinnen Iris Pinkepank (l.) und Stephanie Breil (r.) Bild: DW/S. Höppner

Seit Februar 2018 läuft ihr Projekt HonigConnection. Gegründet wurde die Umweltinitiative vom Kölner Imkerverein. Ihr Ziel: Sie wollen mit der Plattform Menschen verbinden, die sich für Bienen einsetzen und zugleich für den Insektenschutz sensibilisieren. "Man imkert jetzt auch mit einem anderen Fokus: Es steht nicht mehr der Honigertrag im Vordergrund, sondern dass es den Bienen gut geht und sie wesensgemäß leben können", sagt Breil. Das ist auch bitter nötig: Denn Pestizide, Monokulturen und versiegelte Flächen sorgen vor allem auf dem Land dafür, dass den Bienen Lebensraum und Nahrung entzogen wird. Die Folge: massenhaftes Bienensterben weltweit. Experten fürchten, dass manche Bienenarten in einigen Jahren schon komplett ausgestorben sein könnten. 

Dabei sind Bienen nicht nur für die Produktion von Honig unersetzlich, sondern auch für den Arterhalt der Pflanzen. Ohne sie würden Obst und Gemüse zu unerschwinglichen Luxusgütern, denn die Tiere bestäuben rund 80 Prozent der Nutz- und Wildpflanzen. Nach Rind und Schwein gilt die Biene somit als das wichtigste Nutztier. 

Das Bild zeigt Bienen vor dem Bienenstock des Kölner Nachbarschaftsprojekt des Wohnungsanbieters GAG und der "Honigconnection"
Bienen vor dem Bienenstock des Kölner Nachbarschaftsprojekts: Gerade auf dem Land wird es immer schwieriger Bild: DW/S. Höppner

Die Lage in der Stadt stellt sich noch etwas günstiger dar als auf dem Land. Das wollen auch die Imkerinnen von HonigConnection nutzen. "Das Bienen- und Insektensterben wird nicht in der Stadt entschieden, aber in der Stadt finden die Trends statt und von dort aus kann man auf das Land strahlen", sagt Breil. "Man kann in der Stadt ansetzen und sagen, dass man nicht alles versiegelt und verschottert und zudem alles etwas unaufgeräumter lässt - das nützt nämlich den Tieren."

Imkerbund fürchtet Krankheiten 

Die wachsende Zahl von Freizeitimkern in deutschen Städten freut deshalb angesichts der Bienensterbens Umweltschützer und Imker - fast immer. Denn der Deutsche Imkerbund befürchtet, dass manch ein Freizeitimker sich vorab nicht ausreichend über eine artgerechte Haltung informiert hat. "Wie kann ich Gefährdungen vermeiden? Wie kann ich meine Bienen behandeln? Das sind so Dinge, die muss man einfach lernen und zwar nicht nur aus dem Internet, sondern praktisch am Bienenvolk", sagt Geschäftsführerin Barbara Löwer. 

Zudem sei in Städten mit vielen Bienenvölkern die Gefahr groß, dass sich Krankheiten schneller ausbreiten. "Gerade bei Faulbrut - einer bakteriellen Brutkrankheit - können ganz schnell alle Bienenvölker in dem Bezirk angesteckt werden", fürchtet Löwer. Berlin gilt beispielsweise schon als überbevölkert. 

Hobbyimkerin Nicole mit Tochter Sonja
Hobbyimkerin Sonja mit Mutter Nicole: Das Imkern soll auch die Menschen in der Nachbarschaft verbinden Bild: DW/S. Höppner

Die Imkerinnen der HonigConnection raten ebenfalls vorab zu intensiven Schulungen und einer Anmeldung im Veterinäramt, damit die Völker verortet werden können. Zudem hinterfragen sie auch die Motivation der angehenden Nachwuchsimker. "Wir fragen die Leute immer, was sie tun wollen: Wollen sie wirklich große Bienenstöcke mit stechenden Bienen und alles klebt? Oder wollen sie den Bienen auf andere Weise helfen, die ungefährlich ist, keine Arbeit macht und auch Kindern zugänglich ist?", sagt Pinkepank. Denn auch bienenfreundliche Pflanzen wie Lavendel und Löwenmäulchen oder ein Blechdosennistplatz und Insektenhotels für Wildbienen können zum Arterhalt beitragen. 

Für die Nachwuchsimker in Köln-Müngersdorf steht trotzdem erstmal die Faszination der Bienenhaltung im Vordergrund. Immer wieder schauen auch Nachbarn von ihrem Balkonen aus der kleinen Gruppe zu, wie sie gemeinsam mit Imkerin Kerstin Kopp behutsam die Wabenrähmchen aus dem Bienenstock ziehen und begutachten. Das ist auch das Ziel des Projekts, erklärt Kopp. Denn das Projekt "Imkerei in der Nachbarschaft " soll den Teilnehmern nicht nur die Bienen näher bringen, sondern auch die Menschen, die direkt neben ihnen leben. Nebenher scheint es auch das Selbstbewusstsein der Teilnehmer zu stärken. Levent hat an diesem Abend in einem Stock gleich zwei Bienenköniginnen entdeckt. "Das ist extrem selten", erklärt Kopp ihm. Levent ist stolz: "Und ich habe sie gefunden."

Stephanie Höppner Autorin und Redakteurin für Politik und Gesellschaft