Immer mehr chronische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen

Rheuma, Diabetes, Asthma, Darmerkrankungen & Co bringen wir meistens mit älteren Menschen in Verbindung. Stimmt nicht! Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden darunter - Tendenz steigend.

In Deutschland und anderen Industrieländern nehmen die chronischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in erschreckendem Maße zu. Darin sind sich Experten einig. Für diese Entwicklung gibt es verschiedene Gründe. "Es gibt immer mehr Frühgeborene", sagt Professor Michael Radke. "Sie haben ein hohes Risiko, chronische Krankheiten zu entwickeln. Wir verzeichnen eine dramatische Zunahme an Autoimmunerkrankungen, und seit etwa 50 Jahren einen deutlichen Rückgang von Infektionskrankheiten." Das hängt miteinander zusammen: Das Immunsystem lernt nicht mehr, die Infektionen zu bekämpfen und eine ausreichende Abwehr dagegen aufzubauen.

Wissen & Umwelt | 21.10.2012

Mehr als elf Prozent aller Mädchen und rund 16 Prozent aller Jungen unter 17 Jahren sind wegen chronischer Erkrankungen in ärztlicher Behandlung, so eine Studie des Robert-Koch-Instituts. Viele leiden unter Neurodermitis, unter Krebserkrankungen oder auch unter Zölikalie, also Glutenunverträglichkeit. 

Generation Sagrotan

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Kinder, die auf einem Bauernhof groß werden, wesentlich seltener etwa an Asthma leiden als zum Beispiel Kinder in wohlbehüteten Familien in der Stadt. Grund dafür ist unter anderem, dass die Landkinder täglich Bakterien aufnehmen und sich ihr Körper damit auseinandersetzen muss.

"Überzogene Hygiene und die fast hysterische Angst vor irgendwelchen kleinen Schmutzpartikeln, die ein Kleinkind so zu sich nimmt, das grenzt schon ein bisschen an irrationales Vorgehen und ist wahrscheinlich ein Teil des Problems", so Kinderarzt Radke.

Gesundheit | 12.05.2017

"Man muss nicht gleich hysterisch schreien, wenn ein Kind mal eine Möhre aus dem Garten der Oma zieht und die Möhre einfach isst, obwohl sie nicht zu 100 Prozent hygienisch ist. So kann natürlich auch Dreck in den Magen kommen. Wo ist da das Problem?"

Natürlich sei er gegen Hunde in Sandkästen und dafür, dass Hygienegrundsätze eingehalten würden. Viele Fachleute aber sind überzeugt, dass es falsch ist, alle Bakterien im Haushalt zu vernichten und dass es wahrscheinlich mehr Schaden als Nutzen bringt. Das gilt auch für Chemikalien und Putzmittel, die gerade in Haushalten oft bedenkenlos eingesetzt werden, mit besten Absichten.

Kind Spiel Stock

Im Matsch spielen hält gesund

Bakterien schützen

Antibiotika in der Massentierhaltung sind weitere Gründe für ein schlecht oder gar nicht funktionierendes Immunsystem. Lebensmittel von heute sind meist sehr lange haltbar. Sie sind sterilisiert, ultrahoch erhitzt oder pasteurisiert. Alle Bakterien sind abgetötet.

"Das Immunsystem eines Kleinkindes ist darauf angewiesen, sich mit Bakterien und Viren aus der Umwelt auseinanderzusetzen. Wenn das über lange Zeit fehlt, weil die Kinder mit sterilen Lebensmitteln ernährt werden, ist es kein Wunder, wenn das Immunsystem irgendwann auf Abwege gerät und dann gegen den eigenen Körper Entzündungsprozesse in Gang setzt."

Früher war alles besser?

In den letzten 20 bis 30 Jahren haben sich immer häufiger chronische Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen entwickelt. Michael Radke hat diese Erfahrung in seiner langjährigen Praxis als Kinderarzt und Leiter zweier Kinderkliniken immer wieder machen müssen. Er ist Spezialist für Magen-Darm-Erkrankungen.

"In den 1980er Jahren etwa gab es von 1000 Neugeborenen vielleicht zwei Kinder mit einer Glutenunverträglichkeit. Heute sind es fünfmal so viele". Auch viele andere Erkrankungen bereiten dem Arzt Sorge: "Wir haben heute in unserer Klinik jeden Monat einen neuen Patienten mit einem Diabetes. Wir haben sogar Säuglinge mit Diabetes. Das ist sehr beängstigend, denn das heißt für das Kind, dass es lebenslang Insulin nehmen muss – zumindest nach dem heutigen Stand der Wissenschaft."

Kaiserschnitt und Babymilch

Oft ziehen Frauen einen Kaiserschnitt einer natürlichen Geburt vor. Im Geburtskanal aber kommt das Neugeborene sofort mit Bakterien in Berührung, der Körper muss sich wehren. Auch Muttermilch ist dafür wichtig, denn sie wirkt wie eine erste Impfung. Sie hilft, ein gesundes Immunsystem aufzubauen und sich gegen Allergien zu wappnen. In den ersten Wochen unterstützt Muttermilch die Verdauung und schützt vor Darminfektionen. Kinder, die mit fertiger Babynahrung gefüttert werden, haben diese Vorteile nicht. Das muss nicht notwendigerweise zu chronischen Erkrankungen führen, kann aber ein erhöhtes Risiko dafür bieten. 

Ein Risikofaktor ist absurderweise auch der Fortschritt in der Medizin. Frühchen hatten vor etlichen Jahren kaum Überlebenschancen. Heute ist das in den meisten Fällen kein Problem mehr. Aber bei so manchem extrem frühgeborenen Kind ist die Gefahr, eine chronische Erkrankung zu entwickeln, größer.

Symbolbild zum Thema Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen

Schaltet mal ab! Ständige Erreichbarkeit und Bewegungsmangel sind nicht gut.

Zuviel Stress und falsche Ernährung

Kinder sind sehr vielen Umwelteinflüssen und verschiedenen Eindrücken ausgesetzt. In manchen Familien laste ein großer Druck auf den Kindern. Viele können diesen nicht bewältigen: hohe Anforderungen in der Schule, Freizeitstress, ständige Erreichbarkeit übers Handy. "Ich bin nicht sicher, ob Kindern heute noch genug Freiraum gelassen wird, ihre eigene Welt zu entdecken und sich zu entwickeln", sagt Radke.

Mangelnde Bewegung und falsche Ernährung, begünstigen ebenfalls chronische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Dazu gehört vor allem Adipositas, also Fettleibigkeit. Eine weltweite Studie der WHO von 2016 ergab, dass 41 Millionen Kinder zu dick sind. Auch hier ist die Tendenz steigend. Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder, die in der Nähe von Fastfood-Restaurants leben, erheblich häufiger unter Adipositas leiden.

Fachärzte sterben aus

Für Erwachsene gibt es Spezialisten in den verschiedensten Bereichen – von Kardiologen, über Diabetologen bis hin zu Neurologen. Für Kinder und Jugendliche ist dafür der niedergelassene Kinderarzt zuständig oder aber die nächstgelegene Klinik. Aber die Ausbildung etwa zum Kinderdiabetologen dauert lange. "Sie müssen sechs Jahre studieren, fünf Jahre Fachausbildung absolvieren und dann noch drei Jahre lang eine Spezialausbildung zum Kinderdiabetologen machen", erklärt Radke. "Für diese Spezialausbildung gibt es in Deutschland aber keine Resourcen. In fünf bis zehn Jahren gibt es keine Spezialisten mehr. Ein zweijähriges Kind mit Diabetes muss dann zum Diabetologen für Erwachsene, aber der kennt sich meist nur mit alten Menschen aus, nicht mit Kleinkindern."

Um Kinder und Jugendliche mit chronischen Krankheiten ist es in Deutschland also nicht gut bestellt. Und die Forschung steckt da im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Kinderschuhen.

Gesundheit

Zucker macht dick

Zucker wird im Körper zwei- bis fünfmal schneller zu Fett umgebaut als Stärke. Das heißt, durch Zucker füttern wir direkt unsere Fettzellen. Außerdem wird der Fruktosegehalt des Zuckers zusätzlich über die Leber verstoffwechselt, wodurch es zu einer Fettleber kommen kann. Das wiederum kann zu einer Insulinresistenz und schließlich zu Diabetes Typ 2 führen.

Gesundheit

Zucker kann süchtig machen

Zumindest bei Übergewichtigen reagiert das Gehirn auf Zucker ähnlich wie auf Alkohol oder andere Suchtstoffe und schüttet vermehrt Dopamin aus. Machen Sie den Selbsttest: Verzichten Sie einmal für zehn Tage auf alle zuckerhaltigen Getränke und Speisen. Wenn Sie nach ein bis zwei Tagen Kopfschmerzen, Reizbarkeit und starkes Verlangen nach Süßem verspüren, leiden Sie unter Entzugserscheinungen.

Gesundheit

Zucker ruiniert die Darmflora

Die gesunde Darmflora hilft dem Darm bei der Verdauung und schützt den Verdauungsapparat vor schädlichen Bakterien. Je mehr Zucker in den Darm gelangt, umso leichter können sich krankmachende Darmbewohner vermehren. Pilze und Parasiten lieben Zucker. Besonders der Candida-Pilz - ein Hefepilz - kann lästige Beschwerden verursachen. Zucker begünstigt auch Blähungen, Verstopfung und Durchfall.

Gesundheit

Zucker schwächt das Immunsystem

Zuviel Zucker macht es dem Immunsystem schwer, Krankheitserreger zu bekämpfen. Schon kurz nach dem Verzehr ist das Immunsystem um ganze 40 Prozent geschwächt. Ebenso raubt Zucker Vitamin C, das die weißen Blutzellen im Kampf gegen Viren und Bakterien brauchen. Zucker fördert auch die Entzündungsneigung im Körper. Schon kleine Entzündungsreaktionen können Auslöser für viele Krankheiten sein.

Gesundheit

Zucker steigert das Krebsrisiko

Tumorzellen brauchen zur Vermehrung sehr viel Zucker. Ein internationales Wissenschaftlerteam an der Harvard Medical School um Professor Lewis Cantley erforscht, welche Rolle Zucker bei der Entstehung von Krebszellen spielt. Der Biochemiker vermutet, dass in vielen Fällen ein hoher Zuckerkonsum Krebs überhaupt erst entstehen lässt. Cantley empfiehlt deshalb, so wenig Zucker wie möglich zu essen.

Gesundheit

Zucker lässt uns schneller altern

Schuld daran ist die sogenannte Glykation, die Verzuckerung des Hautgewebes. Die Folge: Zuckermoleküle heften sich an die Kollagenfasern und lösen eine Verhärtung des Gewebes aus. Die Kollagenfasern verlieren ihre natürliche Elastizität. Giftstoffe werden nicht mehr abtransportiert, was zu einer schnelleren Zellalterung führt.

Gesundheit

Zucker macht aggressiv

Menschen, die vermehrt Zucker zu sich nehmen, haben eine höhere Tendenz zu aggressivem Handeln. Man weiß auch, dass das so genannte ADHS-Syndrom bei Kindern durch Zucker beeinflusst wird: Bei erhöhtem Zuckerkonsum können sie sich schlechter konzentrieren, werden aufgedrehter und können nicht still sitzen.

Gesundheit

Zucker begünstigt Alzheimer!

Studien deuten darauf hin, dass zu viel Zucker das Risiko erhöht, an Alzheimer zu erkranken. 2013 zeigte ein Forschungsbericht, dass Insulinresistenz und hohe Blutzuckerwerte - die typischen Begleiterscheinungen von Diabetes - mit einem erhöhten Risiko für neurodegenerative Krankheiten zusammenhängen.

 

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