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Politik

Ohne Heimat - Iraks Jesiden

3. August 2018

Haben die Jesiden im Irak eine Zukunft? Ihre Heimat im kurdischen Norden des Landes ist befreit, doch der Genozid des "IS", der am 3. August 2014 begann, hat alles verändert. Sandra Petersmann berichtet aus Sindschar.

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Shingal
Bild: DW/S. Petersmann

Als hätte jemand einen großen Vorschlaghammer genommen und wie von Sinnen immer wieder draufgehauen. Ruinen und Trümmer, soweit das Auge reicht. Von Sindschar, der größten Stadt im gleichnamigen jesidischen Kernland im Nordirak, ist kaum etwas übrig geblieben. Dafür sind vor allem die US-Amerikaner verantwortlich.

Mit Hilfe ihrer Luftangriffe gelang es kurdischen Kämpfern, die Stadt Sindschar im November 2015 nach nur etwas mehr als einem Jahr von der IS-Tyrannei zu befreien. Doch es waren vor allem die US-Bombardements, die die inoffizielle Hauptstadt der irakischen Jesiden so gut wie ausgelöscht haben. Dass es nach der Befreiung weitere türkische Luftangriffe gab, hat bei den Jesiden das Gefühl bestärkt, dass sie ihre Heimat verloren haben, die sie selber Shingal nennen.

Besuch beim Bürgermeister

In Shingal fehlt von einem organisierten Wiederaufbau jede Spur. Zum Vergleich: Mossul, Iraks zweitgrößte Stadt, wurde erst vor einem Jahr vom IS-Terror befreit. Hier, nur 120 Kilometer weiter westlich, hat der schwere Wiederaufbau schon begonnen. Die Stadt Shingal ist seit fast drei Jahren befreit. Doch seit die größten Straßen von Trümmern geräumt wurden, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. 

Auch viele Dörfer in Stadtnähe sind zerstört und menschenleer. So wie Herdan. Neben der Zufahrtstrasse zu Herdan sind vier Massengräber notdürftig eingezäunt. Früher hätten im Dorf 300 Familien gelebt, heute seien es nur noch 60, sagt der Dorfälteste Hassan Khalaf. Er vermisst zwei Söhne, einen Bruder und vier Neffen. Ob sie in den Massengräbern liegen, weiß er nicht.

Jesiden Massengrab Irak
Jesidisches Massengrab in der Nähe des Dorfes HerdanBild: DW/S. Petersmann

Warum bekommen die Menschen keine Hilfe? "Weil wir Jesiden im Irak nur Bürger vierter oder fünfter Klasse sind", antwortet der amtierende Bürgermeister von Shingal, Fahad Hamid Omar. Der stämmige Mann mit Bürstenhaarschnitt und Schnauzbart steht auf dem Flachdach seines Amtssitzes und lässt die Augen über die Ruinenlandschaft schweifen. Er ist insgesamt für geschätzte 3500 Familien verantwortlich. "Weil die Leute, die hier vorher für die Sicherheit verantwortlich waren, sich nicht für die Menschen von Shingal interessiert haben", schiebt er hinterher. 

Bürgermeister Fahad ist erst seit ein paar Monaten im Amt und selber Jeside. Er trägt eine schlichte olivgrüne Uniform und betont mehrfach, dass er selber gegen den IS gekämpft habe. Er spricht oft in Wir-Form. Wir, die Jesiden von Shingal. Im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger Mahama Khalil steht Fahad aber nicht der Regierung des kurdischen Autonomiegebiets im Nordirak nahe, sondern der Zentralregierung in Bagdad. "Wir wollen, dass Shingal direkt von Bagdad verwaltet wird und nicht mehr von den Kurden." So wie in den vergangenen 15 Jahren, in denen die Jesiden zum Opfer des eskalierenden Machtkampfes zwischen dem mächtigen kurdischen Clan des Ex-Präsidenten Masud Barzani und der Regierung in Bagdad wurden. Seit dem umstrittenen Referendum über die kurdische Unabhängigkeit im September 2017 haben sich die Fronten weiter verhärtet. 

Fahad Hamid Omar
Shingals Bürgermeister Fahad Hamid OmarBild: DW/S. Petersmann

Dann klagt der Bürgermeister von Shingal an: "Wenn wir von Anfang an zu Bagdad gehört hätten, wäre uns das nicht passiert." DAS. Der Vernichtungsfeldzug des selbsternannten "Islamischen Staates" gegen die kleine ethnisch-religiöse Minderheit der Jesiden. Der Genozid, wie es eine Kommission der Vereinten Nationen festgestellt hat. In der Stimme des Bürgermeisters schwingt Verachtung mit - für die kurdische Autonomieregierung in Erbil und ihre Peschmerga-Kämpfer. Der Vorwurf: Verrat. Verrat an den Jesiden. Verrat an Shingal. Verrat am Irak. 

Der Tag, der in Shingal alles veränderte

Die ersten IS-Kämpfer erreichten Shingal im Morgengrauen des 3. August 2014. Die Terror-Miliz rückte im Konvoi vor - mit gepanzerten US-Humvees und anderen Militärfahrzeugen, die sie zuvor von der irakischen Armee erbeutet hatte. Erst im Juni hatten die sunnitischen Fundamentalisten mit Mossul die zweitgrößte Stadt des Irak erobert und von dort aus ihr sogenanntes Kalifat ausgerufen. Jetzt wollten sie mit den Jesiden eine Glaubensgemeinschaft vernichten, die sie als "ungläubige Teufelsanbeter" gebrandmarkt hatten.

Shingal war leichte Beute. Auf dem Papier gehörte das Gebiet zwar zur Zentralregierung, faktisch waren aber seit Jahren nur kurdische Peschmerga-Kämpfer vor Ort. Sie zogen sich hastig zurück, ohne zu kämpfen. Die Jesiden waren auf sich alleine gestellt. Der selbsternannte 'Islamische Staat' verübte grauenhafte Verbrechen. Bisher sind in der Region rund 70 Massengräber entdeckt worden. Niemand weiß genau, wie viele Menschen die fanatischen IS-Dschihadisten ermordet haben. Bürgermeister Fahad geht von mindestens 15.000 Toten und Vermissten aus. Bis zu 7000 jesidische Frauen und Kinder wurden versklavt. Mehr als die Hälfte der Verschleppten gilt weiter als verschollen. Viele sind inzwischen vom Irak nach Syrien weiterverkauft worden wie Vieh. Nur vereinzelt gelingt es Aktivisten, die Opfer mit Hilfe von Schmugglern freizukaufen. Für mindestens 10.000 Dollar pro Person.    

Shingal
Shingal erinnert an eine GeisterstadtBild: DW/S. Petersmann

Es war nicht der erste Angriff auf die Jesiden in der Geschichte des Irak, aber vermutlich der folgenschwerste. Die Hilfsorganisation Yazda schätzt, dass vor August 2014 im gesamten Irak etwas mehr als eine halbe Million Jesiden lebten. Die Region Shingal hatte rund 250.000 Einwohner, die gleichnamige Hauptstadt etwa 80.000. Überwiegend Jesiden, aber auch muslimische Araber, Kurden und Turkmenen. Heute sind die meisten Jesiden aus Shingal geflohen. In die großen Flüchtlingslager rund um die nordirakische Stadt Dohuk. In die Kurdengebiete Syriens und in die Türkei. Und nach Deutschland, wie eine Nachfrage der Deutschen Welle beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zeigt: 2015 beantragten 31.379 Iraker Asyl in Deutschland, darunter 15.256 Jesiden. Unter den 97.162 Irakern, die 2016 in der Bundesrepublik einen Asylantrag stellten, waren 37.655 Jesiden. Im vergangenen Jahr stellten 23.605 Iraker einen Antrag, darunter 11.200 Jesiden.

Zwischen allen Fronten

Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK, die in den USA und in der EU auf der Liste der Terrororganisationen steht, und die syrischen Kurden der YPG-Miliz kämpften den Jesiden im August 2014 einen Fluchtkorridor frei. Damals bangten auf dem Hochplateau des Mount Sinjar, dem heiligen Berg der Jesiden, 50.000 Menschen um ihr Leben.

Auch die syrische YPG steht der PKK nahe, die ihre Wurzeln in der Türkei hat. In Shingal erinnern bis heute Graffitis, die dem inhaftierten PKK-Anführer Abdullah Öcalan huldigen, an den Kampf gegen den IS. Auf einem "Märtyrer-Friedhof" auf dem Mount Sindschar flattern Fahnen mit Öcalans Konterfei im Wind. Viele Kämpferinnen und Kämpfer, die hier begraben wurden, kamen zwischen August 2014 und November 2015 ums Leben.

PKK-Märtyrerfriedhof auf dem Mount Sinjar im Nordirak
PKK-Friedhof auf dem Mount SinjarBild: DW/S. Petersmann

PKK und YPG bewaffneten auch jesidische Milizen, um den IS zu vertreiben. Die Befreiung Shingals gelang am Ende mit Hilfe der US-Luftwaffe und der Peschmerga der autonomen Kurdenregion im Irak. Die Peschmerga kehrten zurück, nachdem sie Waffen und militärisches Training aus dem Ausland erhalten hatten, unter anderem von der deutschen Bundeswehr. Die rivalisierenden kurdischen Milizen nisteten sich nach der gemeinschaftlichen Befreiung in der Region ein. Es kam schnell zu Scharmützeln. Und zum erneuten Machtwechsel. 

Im Oktober 2017, kurz nach dem umstrittenen kurdischen Unabhängigkeitsreferendum, übernahmen die irakische Armee und die mit ihr verbündete schiitische Volksmiliz Hashd al-Shaabi das Kommando über Shingal. Die schiitische Hashd erhält massive Unterstützung aus dem Iran, der zu den wichtigsten Kriegsparteien im benachbarten Syrien gehört. Durch Shingal führt die Verbindungsstrasse, die die ehemaligen IS-Hochburgen Mossul im Irak und Raqqa in Syrien verbindet. Es ist die Route, über die Kämpfer und Waffen über die irakisch-syrische Grenze gelangen.

Die Peschmerga aus dem autonomen irakischen Kurdengebiet haben sich erneut zurückgezogen. Auch PKK und YPG sind abgetaucht, seit die Türkei offen mit einem Militärschlag wie im syrischen Afrin gedroht hat. Die Türkei will verhindern, dass syrische und irakische PKK-Kräfte ein zusammenhängendes Gebiet kontrollieren. Shingal wird zerrieben zwischen nationalen und internationalen Machtkämpfen.

Verlorene Sicherheit

Fahne der schiitischen Miliz Hashd-al-Shaabi in Sinjar City
Flagge der Hashd al-Shaabi Miliz in ShingalBild: DW/S. Petersmann

Wem also sollen die verfolgten Jesiden nach dem Genozid vertrauen? "Solange es hier tausende konkurrierende politische Gruppen gibt, werden die Menschen nicht zurückkommen", sagt der 24-jährige Stewan Elias, während er Glasscheiben zurechtschneidet. Die Wände seiner winzigen Werkstatt sind von Einschusslöchern durchsiebt. Eigentlich ist Elias Lehrer, aber da es in der zerstörten Stadt Shingal keine Schulen gibt, schlägt er sich als Handwerker durch. Das Geschäft läuft schlecht, weil kaum Geld in den Wiederaufbau fließt. Nicht aus Bagdad, nicht aus Erbil, nicht von ausländischen Regierungen. "Die Leute glauben einfach nicht daran, dass es in Shingal wirklich sicher ist." Warum hat Elias dann trotzdem das Flüchtlingslager auf dem heiligen Berg der Jesiden verlassen, um wieder in der zerstörten Stadt zu leben? "Weil ich nur dieses eine Zuhause habe." 

So sieht es auch Baran Kharo. Eigentlich. Die junge Frau mit dem braunroten Pferdeschwanz will zuerst nichts sagen. Die Familie ihres Onkels sei noch immer in den Händen des IS, sagt sie schließlich und fügt an, dass in Shingal kein Leben mehr möglich sei. Auch wenn es die Heimat ist. "Es gibt hier kaum Strom. Das Wasser ist auch sehr schlecht." Kharo hat große Angst vor den Blindgängern und Sprengfallen, die keiner wegräumt. "Hier liegen auch immer noch Leichen und Knochen rum." Sie guckt sich um. Ganz in der Nähe stehen zwei junge Milizionäre der Hashd-Miliz an einer Kreuzung Wache. "Wir haben Angst." Angst vor der Ungewissheit. Angst vor dem nächsten Angriff.

Verschleppte Jesiden

Eine eigene Streitmacht

Bürgermeister Fahad muss in der zerstörten jesidischen Hauptstadt Optimismus verbreiten, auch wenn es schwer fällt. Offiziell beunruhigt ihn die Anwesenheit der schiitischen Miliz aus dem Süden des Landes nicht. Er verdankt ihr seine Ernennung. Nicht die Zentralregierung in Bagdad, sondern vor allem Hashd al-Shaabi ist in Shingal sichtbar. Der selbst ernannte 'Islamische Staat' habe nicht nur den Jesiden, sondern auch den "schiitischen Brüdern" großes Unrecht angetan, betont der Bürgermeister. Ihm machen vor allem die sunnitischen Araber und Turkmenen in der Gegend Sorgen. Darunter seien viele, die den IS unterstützt hätten.

Fahad Hamid Omar wünscht sich internationalen Schutz und eine eigene jesidische Armee. Er hat auch eine Botschaft für die Bundesregierung: "Wenn die Deutschen den Jesiden helfen wollen, dann sollen sie das direkt tun und nicht den Kurden Waffen schicken." Erst vor ein paar Tagen hätte der Bürgermeister gerne selber geschossen, als arabische Bauern ihr Vieh auf ein jesidisches Massengrab trieben. "Diese Leute aus den Nachbardörfern, die mitgemordet haben, weiden ihr Vieh heute auf unseren Knochen", sagt er verbittert und bringt Schutzmauern ins Spiel, um Jesiden und Muslime zu trennen. Shingal, die verlorene Heimat, ist so zerrissen wie der gesamte Irak.