Können Fußballerinnen von ihrem Sport leben?

Bereits seit über 100 Jahren kämpfen Fußballerinnen gegen Diskriminierung und Ungleichheit. Doch die ungleiche Behandlung von Profi-Spielern und -Spielerinnen dauert an, teilweise sind die Unterschiede eklatant.

Dass Frauen Fußball spielen, hat eine lange Tradition: In England florierte der Frauenfußball schon vor und während des Ersten Weltkriegs. In dieser Zeit war der "Dick, Kerr Ladies F.C." eine der erfolgreichsten Frauenfußballmannschaften. Das Team wurde 1917 in Preston im Nordwesten Englands von Arbeiterinnen des Waffenherstellers Dick, Kerr & Co. gegründet. Ihre Spiele brachten Geld für die verletzten Soldaten und deren Familien. Im Jahr 1920 sahen fast 53.000 Zuschauer ein Spiel gegen St. Helens Ladies im Goodison Park von Everton. Bis 1921 hatten die Kerr Ladies fast 10 Millionen Pfund für wohltätige Zwecke gesammelt.

Doch trotz ihrer großen Beliebtheit und ihres unstrittigen Erfolgs wurde der Frauenfußball von 1921 bis 1971 vom englischen Fußballverband (FA) verboten. Der Fußball, so hieß es, sei "für Frauen völlig ungeeignet und sollte daher nicht gefördert werden".

"Kampfsport", der die "Gebärfähigkeit beeinträchtigt"

Auch in Deutschland, wo Frauen seit Anfang des 20. Jahrhunderts Fußball spielen - und lange Zeit dafür angefeindet wurden - gab es zeitweise ein Verbot des Frauenfußballs. Ab 1955 war es Vereinen unter dem Dach des DFB nicht erlaubt, Frauenfußball anzubieten. In der Begründung des Verbands für das Verbot hieß es, "dass diese Kampfsportart der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd ist". Außerdem wurde angeführt, der Fußball habe eine gesundheitsschädigende Wirkung auf Frauen, da er ihre Gebärfähigkeit beeinträchtige.

Verhindert hat das Verbot den Frauenfußball aber nicht. Die Frauen organisierten sich außerhalb des Verbands und veranstalteten sogar Länderspiele. 1970 hob der DFB das Verbot schließlich auf. 

1956 war das Aufeinandertreffen mit dem Team der Niederlande das erste Länderspiel einer deutschen Frauen-Mannschaft

Global betrachtet kann man sagen, dass die Fußballerinnen weltweit seit über 100 Jahren gegen Diskriminierung und Ungleichheit kämpfen. Ging es anfangs darum, überhaupt spielen zu dürfen, streben die Frauen heute danach, als Profis anerkannt und als Spitzensportler angemessen bezahlt zu werden. Doch der Kampf ist noch nicht abgeschlossen.

Kampf für Professionalisierung

Macarena "Maca" Sanchez war kürzlich die erste Fußballerin aus Lateinamerika, die sich mit juristischen Mitteln für ihre Rechte einsetzte. Sie verklagte ihren Verein UAI Urquiza und den argentinischen Fußballverband (AFA) am 18. Januar 2019 wegen unfairer Arbeitsbedingungen und fehlender Anerkennung als Profispielerin. Anfang Januar erhielt Sanchez die Mitteilung, dass ihr Verein sie aus sportlichen Gründen entlassen werde. Seitdem, so Sanchez, führe sie einen harten Kampf.

"Da ich nie einen Fußballvertrag hatte, hat der Verein mich auch nicht für den Verlust meines Arbeitsplatzes entschädigt", sagte die viermalige argentinische Meisterin der DW. "In Argentinien kann keine Frau vom Fußball leben. Sie müssen sogar für grundlegende Dinge bezahlen wie die medizinische Behandlung von Sportverletzungen, die Benutzung der Trainingsfelder, für Materialien, Schiedsrichter und andere obligatorische Dinge."

Macarena "Maca" Sanchez kämpft um Gleichberechtigung für weibliche Fußball-Profis

Die Ursachen dafür, dass der Frauenfußball in Argentinien nicht als professionell angesehen werde, so Sanchez, "liegen im starken Machismo und im Patriarchat. Wenn unsere Gesellschaft den Frauenfußball nicht völlig akzeptiert, liegt es daran, dass jemand im Kopf hat, dass dieser Sport nur für Männer ist. Dies ist die größte Herausforderung, der wir Frauen uns stellen müssen."

Schieflage

Die Situation von Maca Sanchez unterstreicht, welch große Hindernisse Millionen von Fußballerinnen zu überwinden haben, von denen die meisten ihren Sport ohnehin nur halbprofessionell betreiben können. Im Jahr 2017 befragte die FIFPro, die internationale Vereinigung der Fußballprofis, insgesamt 3.600 Fußballerinnen, die sowohl in ersten Ligen als auch in ihren Nationalmannschaften spielten. Nur 18 Prozent von ihnen stuften sich selbst als professionell ein. Die FIFA definiert einen Profispieler als "einen, der einen schriftlichen Vertrag hat, der für seine Fußballtätigkeit mehr Geld erhält als die Unkosten. Alle anderen Spieler werden als Amateure betrachtet."

Laut FIFPro beträgt das durchschnittliche Monatsgehalt für Fußballerinnen 600 US-Dollar. Von den 3.600 befragten Spielerinnen erhielt etwa die Hälfte sogar überhaupt keinen Lohn, während von den übrigen Umfrage-Teilnehmerinnen 60 Prozent weniger als 600 US-Dollar verdienten. Darüber hinaus gaben 76 Prozent der Befragten an, dass sie ihre Fußballaktivitäten mit Studium und Nebenjobs kombinierten, was unterstreicht, wie schwierig es für Frauen ist, vom Fußball allein leben zu können.

Auf dem Weg zur Gleichbehandlung

Auch die meisten weiblichen Nationalspielerinnen erhalten im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen weitaus niedrigere Löhne - und damit sind nicht nur die Gehälter bei den Klubs gemeint, sondern auch die Pauschale, die man für jeden Tag erhält, den man beim Nationalteam verbringt. Im Februar setzte sich eine Gruppe kolumbianischer Fußballspielerinnen gegen ihren Verband zur Wehr, weil für sie keine Krankenversicherung gezahlt wurde, weil WM-Boni und ihre tägliche Abstellungspauschale einbehalten wurden.

Beim norwegischen Verband wird das Geld zu gerecht zwischen Männer- und Frauen-Team aufgeteilt

Dank der Arbeit der Spielergewerkschaften haben sich einige Nationalmannschaften jedoch mittlerweile in Richtung Gleichheit bewegt. Norwegen war im Oktober 2017 das erste Land, das gleichen Lohnbedingungen für beide Nationalmannschaften - Männer- und Frauenteam - zugestimmt hat. Schweden, Dänemark und die Niederlande haben ihre Vergütungsstruktur ebenfalls geändert, allerdings nicht bis hin zur völligen Gleichstellung wie in Norwegen. Andere Spielerinnen, beispielsweise in den USA, Dänemark, Finnland und Neuseeland, kämpfen immer noch um eine Besserstellung.

Die Schönheit des Frauenfußballs

"Etwas sehr Schönes an Frauenfußball ist die Atmosphäre. Man kann sich in den Stadien ein Spiel ansehen, ohne Angst vor Gewalt zu haben", sagt die Argentinierin Maca Sanchez. "Es ist auch ein guter, ehrlicher und sauberer Fußball. Er ist immer noch nicht von Korruption befleckt. Es gibt keine Unehrlichkeit und nicht diese Gier, die Geld über alles andere stellt."

Die FIFPro ermutigt alle Interessenvertreter des Fußballs, den Frauenfußball als einen Mehrwert für Sport und Gesellschaft zu sehen und nicht als Belastung. "Wenn sich der Fußball als Weltsport bezeichnen möchte, dann kann er weibliche Spieler nicht ausschließen oder marginalisieren. Die Förderung des Frauenfußballs ist eine Möglichkeit, Frauen zu stärken und die Beliebtheit des Fußballs auf der ganzen Welt zu steigern", heißt es in einer FIFPro-Stellungnahme gegenüber der DW.

Appell an alle Fußballerinnen

Maca Sanchez weist darauf hin, dass die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Fußballerinnen sowohl in ihrem Land als auch weltweit eine Teamaufgabe sei. "FIFA, Fußballverbände und Vereine müssen den Willen haben, den Frauenfußball zu unterstützen und grundlegende Arbeitsbedingungen für uns zu schaffen. Sie sollten auch junge Mädchen in ihre Fußballprogramme aufnehmen und ihnen helfen, ihr Spiel schon sehr früh zu entwickeln", sagt Sanchez der DW. "Es ist wichtig, dass auch die Medien dazu beitragen, Nachrichten und Geschichten rund um den Frauenfußball zu verbreiten. Wenn sie die Spiele übertragen, wird dies dazu beitragen, Sponsoren zu gewinnen.

Und schließlich sendet Maca eine Nachricht an die Fußballerinnen in aller Welt: "Hört nie auf zu kämpfen! Es ist sehr wichtig, gemeinsam für unsere Rechte aufzustehen. Scheut euch nicht davor, eure Stimme zu erheben! Habt keine Angst, der Welt von den Ungerechtigkeiten zu erzählen, die ihr erleidet, weil dies der einzige Weg ist, eine Änderung zu erzielen! Schweigen hilft nicht dabei, Lösungen zu finden, und es hält uns nur in demselben System, das unsere Grundrechte verletzt."