Kann ein Theaterstück Malawis letzte Zypressen retten?

Die Mulanje-Zypresse ist der Nationalbaum Malawis und vom Aussterben bedroht. Eine Theatergruppe, bestehend aus ehemaligen Häftlingen, will den Baum retten.

Es sind 15 Männer, die an diesem Tag den beschwerlichen Weg angetreten haben. Sie wollen das Mulanje-Massiv in Malawi besteigen. Ihre Rücken krümmen sich unter der Last der Vorräte für die nächsten zehn Tage.

Natur und Umwelt | 14.02.2019

Andere Männer kommen ihnen entgegen, die riesige Holzstücke auf ihren Köpfen tragen. Barfuß, mehr torkelnd als laufend, gehen sie den steilen Weg hinunter, eingehüllt in eine Duftwolke aus Schweiß und Harz. Das Holz, das sie tragen, ist schon viele Jahre zuvor gefällt worden. Weil es sehr langsam verrottet, hat es seither zwischen den abgestorbenen Blättern auf dem Boden überdauert. Es sind die Überreste der Wälder, die einst voller Mulanje-Zypressen (Widdringtonia whytei) standen.

Die afrikanische Zypressen-Art ist Malawis Nationalbaum und endemisch am Mulanje-Massiv, einer Bergkette im Süden Malawis, dem ärmsten Land Afrikas. Das Bergmassiv erstreckt sich über mehrere hundert Quadratkilometer, sein höchster Punkt liegt auf über 3000 Metern und überragt malerisch die tiefer gelegenen Teeplantagen.

Ehemalige Häftlinge der Theatergruppe Nkhokwe Arts sind extra auf das Mulanje-Plateau in Malawi gestiegen, um die letzten Mulanje-Zypressen zu sehen

Im Jahr 1893 berichtete ein Angehöriger der Britischen Armee, Leutnant Sclater, von "prächtigen Zypressenwäldern" mit Baumkronen, die bis zu 40 Meter in den Himmel ragen. Das Holz eignete sich hervorragend als Baumaterial und wurde auch von Schiffswerften stark nachgefragt. Zwei Jahre später begannen die Briten, die Zedernwälder zu roden.

Natur und Umwelt | 14.02.2019

Nach der Unabhängigkeit Malawis im Jahr 1964 setzten Privatfirmen die Zerstörung fort, die Kolonialisten begonnen hatten. Heute stehen noch sieben ausgewachsene, intakte Mulanje-Zypressen auf dem Bergmassiv.

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Umweltbildung als Theaterstück

Die Männer, die nun den Berg erklimmen, um die letzten Bäume ihrer Art zu finden, gehören einer Theatergruppe an, bestehend aus ehemaligen Gefangenen. Alle haben lange Haftstrafen hinter sich für Verbrechen, die von Einbruch über Diebstahl bis hin zu Vergewaltigung reichen. Viele von ihnen sind erst kürzlich entlassen worden.

Ihre Haftbedingungen waren furchtbar. Die Männer waren gezwungen Rücken an Rücken zu schlafen, zum Liegen war kein Platz. An die frische Luft durften sie nie - weder tagsüber noch nachts.

Einer von ihnen ist Gaspar Phiri. Ihm ist es zu verdanken, dass es im Gefängnis einen Gottesdienst gab. Der selbsternannte Priester wollte die Dinge selbst in die Hand nehmen. "Ich habe den Jungs gesagt, dass wir nicht einfach so untätig bleiben können und dass wir was tun müssen", so Phiri gegenüber der DW.

Bei den Proben zeigen die Schauspieler, was sie über das Leben am Mulanje-Massiv gelernt haben

Er gründete eine Theatergruppe, die so berühmt wurde, dass einige Insassen sogar auf Tournee gehen durften. 2008 erfuhr eine nationale Kunstorganisation von den Aufführungen der Häftlinge und schuf die Theatergruppe Nkhokwe Arts. Die Gefangenen sollten auch nach ihrer Entlassung noch auftreten können, um ihr eigenes Geld zu verdienen. Und um "clean" zu bleiben, denn wer wieder straffällig wird, fliegt raus.

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Bei ihrem vorherigen Stück besuchten sie Gefängnisse, um die Insassen über juristische Möglichkeiten aufzuklären, wie man auf Kaution freikommen kann. In ihrem nächsten Theaterstück wollten sie die Zypressen zum Thema machen.

Von Malawis Nationalbaum stehen noch sieben ausgewachsene Exemplare

Unterwegs auf dem Mulanje-Massiv

Dafür lebte die Gruppe anderthalb Wochen lang auf dem Mulanje-Massiv. Vor der Reise hatten viele von ihnen Angst vor Geistern, denn der Legende nach suchen diese die Berge heim. Niemand wusste so recht, was ihn erwarten würde. "Alles, was ich von verschiedenen Leuten gehört hatte, war, dass die Berge voller Bäume sind, dass es dort zu jeder Jahreszeit grün und wunderschön ist", so Chimwemwe Foster, der in dem Stück einen Holzfäller spielt. Stattdessen fanden sie eine karge Graslandschaft vor, ohne jegliches Leben.

Die Schauspieler trafen sich mit einer Handvoll Männer, die von der Forstbehörde beauftragt worden war, auf dem gesamten Bergmassiv Patrouille zu laufen. Die Gruppe war chronisch unterfinanziert. Außerdem sprachen sie mit illegalen Holzfällern, die versuchten, sich so den Lebensunterhalt zu verdienen, in einer Gegend, wo Jobs rar sind. Jetzt, wo die Zypressen so gut wie verschwunden sind, fangen sie an, andere Baumarten zu fällen.

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Die ehemaligen Häftlinge wissen, was es heißt an der Armutsgrenze zu leben, sich geradeso über Wasser zu halten und dann mit Recht und Gesetz in Konflikt zu geraten. "Diese Dorfbewohner essen doch nur die Krümel, die auf dem Tisch liegen geblieben sind", stellt Phiri fest. "Die da oben, die an der Macht sind, sind doch diejenigen, die das hier angerichtet haben."

Die Gruppe hat auch gehört, dass sich die Niederschlagsmuster verändert haben, seit die Wälder verschwunden sind. Viele von ihnen sind Kleinbauern und können genau nachempfinden, was das für die Menschen vor Ort bedeutet.

Die Männer haben ihre ganzes Einfühlungsvermögen in die Schauspielerei gelegt und dabei bemerkt, wie sehr das ihre Sichtweise auf den Berg verändert hat. Zuvor haben sie das Mulanje-Massiv als Touristen-Attraktion gesehen.

Die Truppe scheut auch nicht die Mühe, den Berg Sapitwa, Malawis höchsten Gipfel, zu besteigen

Peter Kungwa spielt die Rolle der letzten verbliebenen Zypresse. "Nach dieser Erfahrung", sagt er, "ist der Berg für mich ein Ort, an dem ich bleiben kann. Wegen dieses Projekts werde ich der Erste sein, der sich um Bäume kümmert. Ich versuche jetzt ein paar Bäume zu pflanzen, dort, wo ich lebe, rund um mein Haus."

Für Kungwa und die anderen Schauspieler ist die Mulanje-Zypresse nicht mehr ein abstraktes Nationalsymbol, sondern fester Bestandteil eines lebenden, atmenden Ökosystems. Und es ist das greifbare Erbe aller Menschen ihres Landes. Ein Erbe, das ihren Kindern vorenthalten bleibt, falls sich nicht bald etwas ändert. "Man muss es gesehen haben, um es zu glauben", so Maxwell Makande, ein anderer Schauspieler.

Es muss sich unter den Menschen herumsprechen

Nach zwei Wochen Proben in Blantyre, der Hauptstadt der Südregion Malawis, startet die Truppe nochmal eine Tour zu den Dörfern rund um die Ausläufer des Mulanje-Massivs. Die Anspannung ist groß, nur wenige Wochen zuvor war ein Dorfbewohner von einem Mitglied der Forstbehörde erschossen worden.

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Das Stück erzählt die Geschichte vom Niedergang der Zypressen aus Sicht der mittellosen Wilderer, die versuchen sich über Wasser zu halten. Es erkundet dabei die Rolle der britischen Kolonialmacht und malawischer Beamter und Politiker, die dafür bezahlt wurden, wegzuschauen und den Weg frei machten für illegale Holztransporte ins Ausland.

"Das ist das erste Mal, dass eine Gruppe hierhergekommen ist, um mit uns über die Umwelt zu sprechen", sagt ein Mann aus dem Publikum im Dorf Nkhanda. "Andere, die es einfach nicht kapiert haben, werden jetzt, nachdem sie das Stück gesehen haben, endlich die Wahrheit verstehen."

Auch in Blantyre, der Hauptstadt der Südregion Malawis, tritt die Theatergruppe auf

In Anlehnung an das politisch motivierte Theater der Unterdrückten, wurde die Aufführung immer wieder unterbrochen, um dem Publikum die Gelegenheit zu geben, das Geschehen auf der Bühne zu kommentieren. So wurde beispielsweise gefragt, ob sie die Geschichte nachempfinden können, oder Begebenheiten selbst schon so oder so ähnlich erlebt hätten. Die Zuschauer wurden auch gefragt, ob sie ein anderes Ende für möglich halten, wenn bestimmte Charaktere anders handeln.

Denn ein anderes Ende ist immer möglich. Auf dem Zomba-Plateau zum Beispiel, 80 Kilometer nördlich des Mulanje-Massivs, wachsen heute wieder Zypressen bis zu 40 Meter hoch in den Himmel. Sie wurden vor einem Jahrhundert gepflanzt. Dass die Menschen aus der Umgebung auf den Kiefern-Plantagen arbeiten konnten, hat die Zypressen geschützt.

Nach mehreren Auftritten in den größten Städten Malawis tourt das Ensemble weiterhin durchs Land. Es wurde sogar eingeladen, im Parlament zu spielen. Doch wenn es den ehemaligen Häftlingen wirklich gelingt, bei ihren Landsleuten ein Bewusstsein für die seltenen Bäume zu wecken, ist das nur der erste Schritt.

Die Mulanje-Zypresse kann nur vor dem Aussterben bewahrt werden, wenn es gelingt, die Korruption zu bekämpfen und die Menschen um das Massiv aus der Armut zu holen.

Tembo Chanyenga, der das Baumschutz-Projekt in Zomba leitet, sieht die Zypresse als ein Geschenk Gottes. "Ich denke, was diese Baumart angeht, ist es der richtige Zeitpunkt nach vorne zu blicken", sagte er gegenüber der DW. "Und wenn es eine Gruppe von Menschen gibt, die den Wandel vorantreibt, dann können wir die Dinge noch zum Guten wenden."

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