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Kann nit verstan

Bernd Riegert, Brüssel3. Juni 2004

Die EU ertrinkt in einer Flut von Papieren, die auch noch alle übersetzt werden wollen. Jetzt soll der Dokumentenausstoß eingedämmt werden - doch die nächste Woge rollt schon an.

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Ein riesige Woge rollt auf die EU-Kommission zu: Eine Papierflut, unter der die 25.000 Beamten in Brüssel begraben werden könnten. Im letzten Jahr stießen die emsigen Bürokraten so viel Papier aus wie noch nie: 1,5 Millionen Blatt mussten in die damals noch elf Amtssprachen der Gemeinschaft übersetzt werden. Jetzt schlagen die Übersetzer Alarm. Sie kommen nicht mehr nach. Im Moment sind sie gut 60.000 Seiten im Rückstand. Bald könnten es 300.000 Seiten sein.

Fasse Dich kurz!

Die EU-Kommission will die Dokumentenschwemme jetzt drastisch eindämmen. Die Länge der wortgewaltigen "Mitteilungen" - so heißen die Kommissionstexte offiziell- sollen von oft 50 auf 15 Seiten eingedampft werden. "Fasse dich kurz!" ist das neue Motto in den Beamtenstuben, den Alten noch bekannt aus öffentlichen Telefonzellen, lange vor dem Handy-Zeitalter. Jedes Jahr wächst der Papierstapel um rund fünf Prozent. Das kann so nicht weitergehen, sonst werden wir ertrinken, unkte ein Sprecher des zuständigen EU-Kommissars, Neil Kinnock, so eine Art Deichgraf im Meer der Paragrafen und Spiegelstriche.

Schon heute ist die Übersetzungsabteilung der EU die größte einzelne Direktion. 2400 Übersetzer übertragen das Geschwurbel ihrer Beamtenbrüder in die mittlerweile 20 Amtssprachen von Finnisch über Maltesisch bis Slowenisch. Zwar hat die Zahl der Übersetzer mit der Erweiterung am 1. Mai schon zugenommen, aber das Personalbeschaffungsamt der EU hat es nicht fertig gebracht, rechtzeitig genügend Fachkräfte an Bord zu haben. Trotz sieben Jahren Planungszeit gab es angeblich auf dem Arbeitsmarkt zu wenig qualifiziertes Personal, rechtfertigt sich Kommissar Kinnock jetzt.

Produktivitätssteigerung der Sprachakrobaten

Bis Ende 2006 soll die Produktivität des Übersetzungsdienstes um 40 Prozent gesteigert werden. Die Zahl der Übersetzer könnte sonst leicht auf 4000 anschwellen. Interne Arbeitspapiere werden bereits heute nur in Englisch, Französisch und Deutsch abgefasst, aber alles, was nach draußen an Bürger, Firmen oder Gerichte geht, muss haargenau übersetzt werden. Schon jetzt murren neue Mitgliedsstaaten, ihre Sprachen würden von der EU-Kommission nicht ernst genommen. Auch der Internetauftritt in den neun neuen Sprachen ist lückenhaft. Das sei nur einer Übergangsphase beteuern die Sprachakrobaten in der Kommission.

Doch bereits 2007 kommen bulgarisch und rumänisch, vielleicht auch kroatisch hinzu. Schon jetzt kann die Kommission auf die Suche nach Übersetzern gehen, die zum Beispiel vom Estnischen ins Türkische arbeiten können. Denn Türkisch könnte nach einem möglichen Beitritt der Türkei in zehn oder fünfzehn Jahre eine der größten Sprachen, gemessen an der Einwohnerzahl, sein. Nicht nur die EU-Kommission, sondern auch die anderen Institutionen, wie der Europäische Rat, das Parlament und der Gerichtshof in Luxemburg, unterhalten Übersetzungsdienste mit tausenden von Angestellten. Auch hier schwappen die Papierwogen hoch.

Flut am Horizont

Die nächsten Flutwellen drohen schon am Horizont. Spanien beantragte gerade auch Katalanisch, galizisch und baskisch wenn nicht zu Amtssprachen, so aber doch zu offiziellen Sprachen der EU zu erheben. Zwar müssten nicht alle Dokumente in diese Sprachen übersetzt werden, aber Katalanen, Basken und Galizier könnten sich in ihren Sprachen an die EU-Organe wenden. Diesen Status hat heute bereits das Irische (Gälisch).