Kardinal Quevedo: "Religion kann Teil der Konfliktlösung sein"

Orlando Quevedo warnt vor IS-Terrorismus auf den Philippinen. Er gefährde das religiöse Miteinander in dem Land. Im DW-Interview äußerte er sich auch zum Führungsstil des umstrittenen Präsidenten Rodrigo Duterte.

DW: Drei Tage haben Sie an einer Konferenz im Auswärtigen Amt in Berlin teilgenommen. Die deutsche Politik ermutigt die Religionen zum Dialog und zur Vernetzung. Sehen Sie da Perspektiven?

Deutschland und auch Finnland hatten in früheren Zeiten religiöse Konflikte und haben sie gelöst. Deshalb wissen sie, wie wichtig das auch in anderen Regionen der Welt sein kann. Ich habe gelernt, dass die Fragen von Frieden und Gewalt in manchen Ländern weit dramatischer sind als bei uns. Da ist die Suche nach Frieden sehr schwierig. Und die Menschen, die sich für Frieden engagieren, sind hilflos, wenn die Menschen nicht vereint sind. In Sri Lanka, zum Beispiel oder in Myanmar. Dann geht es um Hilfe und Solidarität. Friedensaktivisten brauchen Unterstützung.

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In mehreren Ländern Asiens nehmen religiöse Intoleranz und Auseinandersetzungen zu. Wie sind Ihre Erfahrungen in Mindanao?

Kardinal Quevedo: Religiöse Intoleranz ist auf den Philippinen ein ziemlich neues Phänomen. Und sie hängt mit dem Aufkommen des IS zusammen. Gott sei Dank kam es bislang noch zu keiner gezielten Tötungen von Christen. Aber diese Angriffe nehmen zu, ja. Das ist eine Bedrohung der Freiheit.

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Was heißt das konkret?

Der langjährige Konflikt zwischen den Moro-Befreiungsbewegungen und der Regierung war definitiv nicht religiös, sondern politisch. Diese Bewegungen kämpften für das Recht der Moro auf Selbstbestimmung. Erst die Einnahme der muslimischen Stadt Marawi durch die Maute-Gruppe - die sich dem IS angeschlossen hatte - im vorigen Jahr führte zu einer religiösen Dimension der Kämpfe im Süden der Philippinen. Gleich mehrere Gruppierungen, die Maute-Gruppe, die Bangsamoro Islamischen Freiheitskämpfer und die Abu Sayyaf-Gruppe, hatten sich dem IS angeschlossen. Maute-Kämpfer verwüsteten die katholische Kathedrale von Marawi und beschädigten sie durch Brandlegung, andere schändeten zwei Kapellen in meiner Erzdiözese Cotabato. Auch damit sorgten sie dafür, dass der Konflikt religiöse aufgeladen wurde. Ihr Ziel ist es, auf Mindanano ein Kalifat zu errichten.

Wie reagieren die religiösen Repräsentanten darauf?

Muslimische Gelehrte verurteilen die Radikalisierung der Maute-Gruppe als unislamisch und sprechen von einem Missbrauch des Koran. Diese Täter sollten nicht als "muslimische Terroristen", sondern als "gewalttätige Extremisten" bezeichnet werden, um den Gebrauch des Wortes "Muslim" zu schützen. So halte ich es auch. Denn der IS ist nicht religiös, sondern ideologisch. Wir Christen und Muslime müssen uns da gemeinsam gegen Vorurteile und Fehlbewegungen einsetzen. Die Zusammenarbeit von Christen und Muslimen ist wichtig. Denn Religion kann bei uns durchaus Teil der Konfliktlösung sein.

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Ende Juni ist Präsident Duterte zwei Jahre im Amt. Wie hat er, der ja doch umstritten ist, Ihr Land verändert?

Die Mehrheit der Philippinos schätzen Präsident Duterte. Zum einen: Er hat bei Amtsantritt Veränderungen bei der Korruption und der Entwicklung versprochen – und er arbeitet daran. Er bekämpft Korruption in der Regierung. Und er sorgt, dafür, dass Entwicklung nicht nur auf den Großraum Manila beschränkt bleibt, sondern in die ärmeren Gebiete des Landes gehört, zu den Ausgegrenzten, den Marginalisierten. Und er meint, was er sagt. Er dachte zunächst, dass er so, wie er als regionaler Politiker in Davao agierte, das Land führen konnte. Aber er lernt, dass das etwas anderes ist, eine Stadt zu führen oder ein ganzes Land. Und wenn er sieht, wo er falsch agierte, dann lernt er dazu. Wenn er dann seinen Kurs wechselt, nennen die Medien das gelegentlich sprunghaft.  

Während der ersten Zeit von Duterte haben Sie und haben die katholischen Bischöfe vehement die zahlreichen Tötungen von Drogendealern kritisiert. Gibt es eine Zusammenarbeit der Kirche mit ihm?

Rodrigo Duterte

Rodrigo Duterte - ein umstrittener, aber beliebter Präsident

Das Verhältnis des Präsidenten und seiner Regierung zur Kirche sollte sich verbessern. Das ist sehr notwendig. Sein Apparat, aber auch Duterte selbst wirft der Kirche Scheinheiligkeit vor. Auf der anderen Seite hilft es nicht, wenn einzelne Bischöfe alles, was er sagt, kritisieren. Wir Bischöfe sind aber völlig einig in der Verurteilung von außergerichtlichen Tötungen. Duterte hat dem Land gezeigt, wie sehr das Drogenproblem auf den Philippinen verbreitet ist. Das Drogengeschäft kontrolliert Geldflüsse und lokale Politik. Das wurde im Drogenkrieg deutlich. Duterte hat die entschiedene Kritik an außergerichtlichen Tötungen ernst genommen und strikte Vorgaben für die Polizei beim Umgang mit  Drogenhändlern und Verdächtigen erlassen. Da hat unsere Kritik also etwas gebracht: Der Missbrauch polizeilicher Macht wurde abgestellt. Aber die große Mehrheit der Philippinos begrüßten Dutertes Vorgehen gegen das Drogengeschäft. Manchmal waren wir Bischöfe mit unserer Kritik einsame Rufer in der Wüste, wenn wir die außergerichtlichen Tötungen als unmoralisch verurteilt haben.

Kardinal Orlando Quevedo ist Erzbischof von Cotabato auf der philippinischen Insel Mindanao, einer politisch unruhigen Region des Landes. Der Ordensgeistliche ist seit 1964 Priester und seit 1980 Bischof. Papst Franziskus erhob ihn 2014 zum Kardinal. 

Das Gespräch führte Christoph Strack

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