Katastrophale Lage nach Zyklon "Idai"

Zehn Tage nach dem Zyklon "Idai" in Südostafrika nimmt die Zahl der Todesopfer weiter zu. Vielerorts fehlt es an Lebensmitteln, Trinkwasser und Unterkünften. Das Rote Kreuz meldet erste Fälle von Cholera.

Die Zahl der Todesopfer in Mosambik ist auf mindestens 446 gestiegen. 110.000 Menschen seien in Notunterkünften untergekommen, teilte Umweltminister Celso Correia mit. Die UN-Angaben zu der Totenzahl im benachbarten Simbabwe schwankten zwischen 259 und 154. In Malawi kamen mindestens 56 Menschen um.

Katastrophe | 23.03.2019

Noch hätten die Hilfsorganisationen gerade erst begonnen, das Ausmaß der Zerstörung zu erfassen, erklärte Unicef-Exekutivdirektorin Henrietta Fore bei einem Besuch in Beira. Ganze Dörfer stünden unter Wasser. Schulen, Gesundheitszentren und andere Gebäude seien niedergerissen worden. Der Zyklon und die Überschwemmungen hätten eine Fläche von rund 3000 Quadratkilometern zerstört.

Sorge wegen starker Regenfälle

Umweltminister Correia beschrieb die Lage am Samstag als noch immer kritisch. Aber sie bessere sich etwas, denn die Helfer könnten inzwischen leichter in die betroffenen Landesteile vordringen. Am Samstag sind neun Experten des Technischen Hilfswerks (THW) aus Deutschland zu einem Einsatz in das Katastrophengebiet aufgebrochen. Sie wollen in Mosambiks schwer verwüsteter Hafenstadt Beira zwei Anlagen zur Aufbereitung von Wasser in Betrieb nehmen. "Die Lage in Beira ist katastrophal, die Notversorgung an Trinkwasser für die betroffenen Menschen lebenswichtig", sagte THW-Vizepräsident Gerd Friedsam.

Die Spur der Verwüstung nach dem Zyklon

Beira, eine zerstörte Stadt

Der Zyklon "Idai" ist mit Windböen von bis zu 160 Kilometern pro Stunde auf die Küste Afrikas getroffen. Das Rote Kreuz geht davon aus, dass die Hafenstadt Beira zu 90 Prozent verwüstet wurde. Tausende Gebäude, darunter Krankenhäuser und Schulen, wurden zerstört, ebenso unzählige Straßen, Brücken und Felder. In der Stadt mit rund 500.000 Einwohnern gibt es seit mehr als einer Woche keinen Strom.

Die Spur der Verwüstung nach dem Zyklon

Suche nach Überlebenden

In Chimanimani sucht eine Familie ihren unter dem Schlamm begrabenen Sohn. Im 600 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Simbabwes gelegenen Bezirk schlafen viele Menschen in den Bergen, weil ihre Häuser durch Schlammlawinen zerstört wurden. Präsident Emmerson Mnangagwa erklärte für die betroffenen Gebiete den Ausnahmezustand.

Die Spur der Verwüstung nach dem Zyklon

Katastrophengebiete

Viele Gebiete sind nur aus der Luft zugänglich. Ein UN-Sprecher warnte, über die Ufer getretene Flüsse hätten im Zentrum Mosambiks bereits zu wahren "Binnenmeeren" geführt. Die Helfer dringen nur mühsam in die Hochwassergebiete vor.

Die Spur der Verwüstung nach dem Zyklon

Ein Rennen gegen die Zeit

Viele Brücken sind eingestürzt, Straßen weggespült. Die größte Herausforderung ist daher, die Hilfsbedürftigen überhaupt zu erreichen. "Idai" unterbrach auch die Nationalstraße 6, die Hauptzufahrtstraße nach Beira in Mosambik. Im Hinterland der Hafenstadt steigen die Flusspegel noch an - es regnet immer weiter.

Die Spur der Verwüstung nach dem Zyklon

Hilfe aus der Luft

Rettungskräfte bergen einen Überlebenden in Chimanimani, 600 Kilometer südöstlich von Harare, der Hauptstadt Simbabwes. Die Regierung geht von mehr als 100 Toten in der Stadt Chipinge und im Distrikt Chimanimani aus. Bewohner befürchten, dass diese Zahl sehr viel höher ist, da die am schlimmsten getroffenen Gegenden noch gar nicht erreichbar sind.

Die Spur der Verwüstung nach dem Zyklon

Humanitäre Krise auch in Malawi

Im Nachbarland Malawi sind 56 Menschen ums Leben gekommen. Laut Angaben der UN sind mehr als 900.000 Menschen betroffen, 83.000 von ihnen mussten ihre Häuser verlassen."Wir brauchen jede logistische Unterstützung, die wir bekommen können", sagt der Leiter des UN-Nothilfebüros OCHA, Jens Laerke.

Auch in Malawi bleibt die Lage angespannt. "Das Wasser kann nicht mehr abfließen, kleinere Straßen sind unpassierbar, was wiederum die Hilfsmaßnahmen erschwert", sagte der Landesdirektor der Welthungerhilfe Johannes Kaltenbach in der Hauptstadt Lilongwe. Das Problem sei die "letzte Meile", wenn es auf unbefestigten Pisten in die Dörfer gehe, sagte er. "Da hilft manchmal nur noch der Hubschrauber." Beim Zyklon selbst, der vor über einer Woche in Mosambik auf Land traf, sei Malawi vergleichsweise glimpflich davongekommen, sagte Kaltenbach. Große Sorgen bereiteten den Menschen dagegen Starkregenfälle, die bereits Anfang März einsetzten.

In Simbabwe haben die Behörden wegen der starken Regenfälle begonnen, den Ort Chimanimani zu evakuieren. Ein nahegelegender Damm drohe zu brechen, erklärten die Behörden. "1000 Familien sind in Gefahr", sagte der zuständige Einsatzleiter.

"Nur noch verfaulte Stängel auf den Feldern"

"In einem Monat hätte die Ernte beginnen sollen", so Kaltenbach. "Zu diesem Zeitpunkt haben die meisten Kleinbauern ihren Vorrat von der vergangenen Saison aufgebraucht." Nun aber seien die Speicher leer und könnten nicht wieder aufgefüllt werden, weil der Großteil der neuen Ernte durch die Fluten vernichtet wurde. "Da stehen jetzt nur noch verfaulte Stängel auf den Feldern."

Karte Zyklon Idai Mosambik v2 DE

Der Weg des Sturms: In Mosambik traf "Idai" auf Land und verwüstete anschließend Simbabwe und Malawi

Am dringendsten würden aktuell Nahrungsmittel benötigt, so der Vertreter der Welthungerhilfe. "Mit ein, zwei Wochen Nothilfe wird es nicht getan sein." Vermutlich werde bald ein mehrmonatiges Nahrungsprogramm anlaufen, gefolgt von Wiederaufbaumaßnahmen. "Das wird uns noch eine Weile beschäftigen", sagte Kaltenbach.

Auch das UN-Welternährungsprogramm (WFP) ist dabei, seine Nothilfe stark auszuweiten. Die Dimension der Katastrophe sprengt die schlimmsten Befürchtungen. 1,8 Millionen Menschen sind nach UN-Angaben in Mosambik, Simbabwe und Malawi betroffen, darunter eine Millionen Kinder. 600.000 wurden vertrieben. Ein Risiko sind Krankheiten, die sich in Überschwemmungsgebieten mit wenig Toiletten und Mangel an sauberem Trinkwasser schnell ausbreiten können. Dem Internationalen Roten Kreuz zufolge gab es in Beira inzwischen erste Fälle von Cholera. Minister Correia kündigte den Aufbau eines Behandlungszentrums an, um eine Ausbreitung der Krankheit zu vermeiden.

Erste Erfolge

In Beira konnten Teile der beschädigten Strom- und Wasserversorgung mittlerweile wieder instandgesetzt werden, wie die Zeitung "O País" berichtete. Auch seien vom Wasser weggespülte Abschnitte wichtiger Verbindungsstraßen von und nach Beira provisorisch repariert worden. Der Flughafen habe den vollen Betrieb wieder aufgenommen und sich zum Anlauf-Zentrum von Helfern und Journalisten entwickelt, weil es dort Strom und Internet gebe.

Der Wirbelsturm war mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 170 Stundenkilometern und starken Regenfällen über die südafrikanische Region hinweggefegt und hatte eine Spur der Zerstörung hinterlassen. Die UN sprachen von der möglicherweise bislang schlimmsten Unwetterkatastrophe in der südlichen Hemisphäre.

pgr/kle (rtr, dpa, kna)

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