Katholische und evangelische Bischöfe in Jerusalem

Die Spitzen der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland touren mit 18 Bischöfen durch das Heilige Land. Es ist ihre erste gemeinsame Reise. Dabei empfinden die Pilgernden viel Freude - aber auch Schmerz.

"Wer ist das?", fragt der junge orthodoxe Jude leise. Mit vielen anderen schaut er rätselnd auf die Gruppe, die selbst im frommen Gedränge vor der Jerusalemer Klagemauer auffällt. Da stehen zwei Männer in fremdem Gewand - im sogenannten Lutherrock, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Bischof Heinrich Bedford-Strohm, und, im Talar mit Kardinalsrot, der Münchener Erzbischof Reinhard Marx, Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Mit den begleitenden Bischöfen verharren sie für Minuten. Getrennte Christen vereint auf einem Pilgerweg durch das Land Jesu.

Dass katholische und evangelische Bischöfe aus Deutschland zusammen unterwegs sind, ist eine Premiere. Nie sind sie gemeinsam gereist, nicht nach Rom, nicht nach Wittenberg oder Genf. Nun, nach 500 Jahren, eine Pilgerfahrt. Vor drei Jahren hatte der mittlerweile emeritierte Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, Vorgänger von Marx als DBK-Vorsitzender, überraschend die Idee einer solchen Reise in den Raum gestellt. "Es ist so ein schönes Zeichen, dass dies nun gelungen ist", sagt er als der nun älteste Reise-Teilnehmer. Aber es waren drei Jahre leise Vorbereitung vieler Mitarbeiter.

Heinrich Bedford-Strohm (l.) und Kardinal Reinhard Marx (r.) im Gespräch mit Juden vor der Klagemauer

Ökumenisch abgestimmt

So ist fast alles fein ökumenisch abgestimmt. Je neun leitende Geistliche begleiten die Spitzenkräfte der beiden getrennten Kirchen. In Galiläa wohnte man zu Beginn der Reise in einer katholischen Herberge, in Jerusalem im Lutherischen Hospiz im Herzen der Altstadt. Auch bei den Gesprächspartnern spürt man den Proporz und abwechselnd gestalten die Geistlichen die zahlreichen Gottesdienste. Einem Text aus der Lutherbibel folgt eine Lesung aus der - katholisch favorisierten - Einheitsübersetzung der beiden Kirchen. Und als nach dem ersten Tag der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick ein Foto vom frommen Verweilen in "Kafarnaum" am See Genezareth twitterte, griff Bedford-Strohm den Tweet in einem Facebook-Eintrag auf und schrieb dazu von "Kapernaum, dem Wohnort des Petrus". Dieses Detail der Schreibweisen steht symbolisch für das, was sich ökumenisch alles so auseinander entwickelt hat seit Beginn der Reformation 1517. Nach Jahrhunderten des kalten, oft eisigen  Stillstandes begannen Theologen erst Mitte des vorigen Jahrhunderts den Dialog.

Schon 2007 pilgerten die katholischen deutschen Bischöfe und der Rat der EKD ins Heilige Land - jedoch mit einigen Monaten Abstand. Nun drängt das Reformationsjubiläum 2017, das Katholiken konsequent als Reformationsgedenken bezeichnen. Da gäbe es nichts zu feiern. Erst unter den Spitzen Marx und, beeindruckend souverän im Vergleich zu seinen Vorgängern, Bedford-Strohm lockerte sich die kleine Eiszeit.

Dass beide Kirchenoberhäupte in München ansässig sind und nicht weit voneinander entfernt wohnen, ist eine schöne Symbolik. Vor einem Monat legten sie ein Dokument "Erinnerung heilen - Jesus Christus bezeugen" vor, das unter anderem im März 2017 einen großen ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst vorsieht. Ja, nun spricht sogar Marx gelegentlich von "Jubiläum". Sie wissen auch, dass dieses merkwürdige Deutschland 2016 geeint auftretende Kirchen braucht. 

Geeint und getrennt

Und der Funke hat gezündet. Durchs Heilige Land ziehen nicht einfach je neun Katholiken und Protestanten mit weiterem Personal, sondern 18 führende Kirchenleute, Frauen und Männer, Frau Bischöfin neben Herrn Erzbischof, Frau Präses neben Herrn Pater. Gemeinsam bei der Bootsfahrt auf dem See Genezareth, im Wandern, Beten, Singen, auch beim langen Abend mit Wein unter dem Himmel Jerusalems. Mit sehr ernsten Gesprächen und innigem Lachen. Und nach gut drei Stunden Wüstenwanderung gen Bethlehem haben alle die gleichen staubigen Klamotten, aber ziemlich einmalige Erfahrungen. "Hinab in die Schlucht und bergauf über staubige Hänge", bilanziert Irmgard Schwaetzer, die Präses der Synode der EKD, "in der Spur dem anderen folgen. Mit Gesprächen und schweigend."

Die Auslandsbischöfin der EKD, Petra Bosse-Huber, nennt es ein "Geschenk", "sich als gläubige Christen auf den Weg zu machen in unserer großen, gemeinsamen Tradition". Sie spricht von einer "wunderbaren Mischung" aus Gesten, Worten und Weggemeinschaft, "die man gar nicht hoch genug einschätzen kann". Auch Bambergs Erzbischof Ludwig Schick verweist auf die Mischung aus geistlichem Weg und persönlichem Austausch. Pilgertage eben. Bei offiziellen Anlässen, auch im Felsendom, achtet man gemeinsam darauf, dass auch weibliche Teilnehmer in der vorderen Reihe stehen.

Und bei persönlichen Gesprächen tauscht man - wie man es als Beobachter solcher Kreise kaum für möglich hält - Sichtweisen auf das eigene Amt oder den Papst in Rom ernst und respektvoll aus. Auch über die Mahlfeiern dieser Tage. Bei katholischer Eucharistie bleiben die Teilnehmer aus der Reformation auf den Plätzen, beim evangelischen Abendmahl die Katholiken. Das schmerze, sagen Teilnehmer beider Seiten, mehr, als man es erwartet habe. Es sind beeindruckende Szenen.

Die Kirchenoberhäupter und Vertreter der Waqf vor dem Felsendom

"Herr Präsident..."

Die spürbare Gemeinschaft stärkt auch die Chefs. Beide machen in Jerusalem den wichtigen orthodoxen Patriarchen die Aufwartung, auch Israels Staatspräsident Reuven Rivlin. Ihre Worte beim Präsidenten zeigen ihre Botschaft dieser Tage. "Vor 500 Jahren haben wir uns lange bekriegt, wir wären vor 100, vor 50 Jahren nicht gemeinsam losgezogen. Aber nun sind wir gemeinsam unterwegs." Rivlin verstand wohl in diesem zutiefst gespaltenen Land zweier Völker die Botschaft. Von sich aus sprach er den dramatischen Brandanschlag jüdischer Extremisten auf das katholische Kloster Tabgha am See Genezareth an, bei dem im Juni 2015 nur durch Glück niemand ums Leben kam und entschuldigte sich erneut. Nie dürfe es "Gewalt im Namen der Religion" geben.

Die Religion. Die Konflikte. Im weiteren Verlauf der Reise besuchen die Bischöfe den Tempelberg in Jerusalem und die Klagemauer. Sie dürfen sogar in die Höhle unter dem Felsendom hinabsteigen, in der der islamischen Tradition zufolge der Prophet Mohammed nach einem nächtlichen Himmelsritt von Mekka hinüber betete. Yusuf Natsheh, Vertreter der muslimischen Behörde Waqf, die über den Tempelberg wacht, schildert seine muslimische Sicht der Dinge.

Irgendwann zum Schluss wirbt Marx bei ihm für das große Gespräch. "You must bring the heads together." Die Religionsführer müssten miteinander ins Gespräch kommen. Vielleicht ein frommer Wunsch, während im Hintergrund nationalreligiöse Juden über die freie Fläche um den Felsendom ziehen und israelische Soldaten den ein oder anderen abführen. Aber auch hier verweist Marx auf Katholiken und Protestanten, frühere Kriege und nun den Mut zum gemeinsamen Weg. Stunden später verharren die Deutschen vor der Klagemauer, respektvoll regelrecht bestaunt von Dutzenden orthodoxer Juden. Und sie ermuntern auch hier bald wieder für Respekt und Dialog. Man müsse das Leid stets "mit den Augen der anderen sehen". Es sei "der entscheidende Punkt für die Zukunft" angesichts der politischen Umstände. Und immer wieder müsse man um Frieden und Versöhnung beten.

"Mir macht dieser Besuch Hoffnung für die Einheit der Kirche", sagte Bedford-Strohm. "Wir werden diese Kraft mit ins Reformationsjubiläum nehmen." Wenn sich die Pilger dann treffen zum Auftakt am 31. Oktober  in Berlin oder bei weiteren Feiern des kommenden Jahres, wird es anders sein nach diesen Tagen im Lande Jesu.

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