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"Kein Zaun wird uns aufhalten"

Lidija Tomic3. Juli 2015

Ungarn will seine Grenze mit einem Zaun dicht machen. Flüchtlinge auf dem Weg nach Westen zeigen sich davon jedoch wenig beeindruckt. Eine Reportage aus Subotica von Lidija Tomic.

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Die Flüchtlings-Krise an der Serbisch-Ungarischen Grenze (Photo: Lidija Tomic/Dejan Milošević, DW )
Bild: DW/L. Tomic/D. Milošević

"Kein Zaun wird uns auf dem Weg in ein besseres Leben aufhalten. Wir haben zu Fuß Berge überwunden, in einem Schlauchboot das Meer überquert und sind als blinde Passagiere auf Zügen durch zwei Länder gereist. Wenn Ungarn einen Zaun baut, dann graben wir einen Tunnel und kriechen hindurch." Das sagt Daniel, 16, Jahre alt, aus dem Iran. Der junge Mann stammt ursprünglich aus Afghanistan. 40 Tage lang, so erzählt er der DW, ist er gemeinsam mit einem Freund und dessen Familie nach Serbien unterwegs gewesen.

Dort kampieren sie nun am Rande einer verlassenen Ziegelfabrik außerhalb von Subotica, der nördlichsten Stadt Serbiens. Geht es nach der ungarischen Regierung, dann wird hier bald Schluss sein für Flüchtlinge wie Daniel. Ein Zaun, vier Meter hoch und 175 Kilometer lang, soll die Grenze dicht machen für Flüchtlinge auf der Durchreise von Süd nach Nord-West.

Die Flüchtlings-Krise an der Serbisch-Ungarischen Grenze (Photo: Lidija Tomic/Dejan Milošević, DW )
Das Lager bei der ZiegelfabrikBild: DW/L. Tomic/D. Milošević

Iran, Afghanistan, Syrien, Pakistan, diese Länder nennen die Flüchtlinge in den Feldern rund um die Ziegelfabrik, wenn man sie nach ihrer Heimat fragt. Ihre neue Heimat, das ist zur Zeit der Platz rund um ein Lagerfeuer, wo sie auf alten Armeedecken sitzen und schlafen. Ihre Habseligkeiten haben sie in Plastiktüten verpackt und in einen Baum gehängt, meist nicht mehr als etwas Essen und saubere Kleidung. Das Holz für ihr Lagerfeuer schlagen sie aus den Büschen, die die alte Ziegelfabrik langsam zu wuchern. Aus einem alten Brunnen schöpfen sie Wasser zum Trinken und Waschen. Das Wasser ist nicht sauber, aber sie haben keine Wahl. Und die Not hier ist nichts im Vergleich zu dem Elend, das sie in ihren Heimatländern erlebt haben.

Die Polizei rät zur Weiterreise

"Das Leben ist nicht leicht für Afghanen im Iran. Uns wird die Staatsbürgerschaft nicht gewährt, wir kriegen keine Jobs. Und wenn Du an der Grenze erwischt wirst, dann hast Du zwei Optionen: entweder du gehst nach Syrien um zu kämpfen oder sie schicken Dich zurück nach Afghanistan", sagt Daniel. "So haben sie einen Freund von mir gezwungen, in den Krieg zu gehen."

Die Flüchtlings-Krise an der Serbisch-Ungarischen Grenze (Photo: Lidija Tomic/Dejan Milošević, DW )
Das Wasser ist schmutzig, aber es gibt keine andere QuelleBild: DW/L. Tomic/D. Milošević

Manchmal übersetzt Daniel für seinen Freund, einen 35-jährigen Afghanen, der seine Frau und seine sechsjährige Tochter mit auf die lange Reise genommen hat. Drei Tage lang seien sie durch unwegsames Gelände in den Bergen gewandert und hätten sich dabei vor iranischen Scharfschützen verstecken müssen. Dann sei ihnen der unerlaubte Grenzübertritt in die Türkei gelungen. Von dort aus seien sie mit einem Schlauchboot übers Meer gefahren und schließlich in Athen angekommen. Auf Holzbohlen unter einem Güterzug versteckt seien sie nach Mazedonien gelangt. An der nächsten Grenze, der nach Serbien, habe die mazedonische Polizei sie zwar gesehen, aber nicht aufgehalten. Die serbische Polizei habe sie zwar geschnappt, ihnen aber nur geraten, so schnell wie möglich nach Ungarn zu gelangen.

Nur nicht auffallen

Als er zum ersten Mal von dem geplanten Grenzzaun der Ungarn hört, ist Daniel ehrlich überrascht. Er sieht ein wenig sorgenvoll aus, als er die Information an seinen Freund weitergibt. Nun werden sie wohl etwas früher als geplant aufbrechen müssen. Alles in allem aber sind die beiden guten Mutes. Während ich mich von den Flüchtlingen verabschiede, kommen drei junge Ungarn in das Lager bei der Ziegelfabrik. Sie bringen Wasser und Essen. Die drei jungen Männer sind gegen die strikte Flüchtlingspolitik ihrer Regierung. Viele Ungarn, insbesondere jene, die nahe der Grenze leben, unterstützen jedoch die Pläne zum Zaunbau. "Sie haben Angst und wollen, dass der Zaun so bald wie möglich gebaut wird.", sagt Laszlo, der mir seinen vollen Namen nicht nennen will. "Aber so schnell geht das nicht. Bislang habe ich auch nicht mehr Grenzschützer als sonst gesehen."

Im Zentrum von Subotica ist kaum etwas davon zu merken, dass hier Tausende Flüchtlinge Halt machen auf ihrem Weg nach Westeuropa. Die meisten von ihnen versuchen, möglichst wenig aufzufallen. Nur eine Gruppe von etwa 15 Männern, die im Park auf dem Boden sitzen, sticht heraus. Sie sind zwischen 16 und 25 Jahre alt und stammen alle aus Damaskus. 20 Tage lang seien sie unterwegs gewesen, sagen sie. Nun sind sie erschöpft und hungrig. Ihr Ziel: Deutschland. Dort wollen sie Asyl beantragen.

Das Bild der Schwester

"In Syrien tobt Krieg", sagt einer der Männer. "Unsere Häuser sind zerstört. Uns ist nichts geblieben als der Wunsch, nach einem besseren Leben zu suchen." Jeder versuche zu fliehen, nur die Kämpfer würden bleiben. "Es gibt kein Leben dort." Ein anderer unterbricht ihn, holt sein Mobiltelefon heraus und zeigt ein Bild seiner verstorbenen Schwester. Es ist zu schrecklich, als dass man es beschreiben könnte. "Nach diesem Angriff ist der Rest der Familie in die Türkei geflohen", so der junge Syrer. Auf dem Weg in die Europäische Union mussten die Flüchtlinge ständig auf der Hut sein. Die meisten Menschen seien nett zu ihnen gewesen, aber sie hätten Angst vor organisierten Banden gehabt, die sie im Wald überfallen könnten. Und sie mussten mit der Polizei fertig werden.

Die Flüchtlings-Krise an der Serbisch-Ungarischen Grenze (Photo: Lidija Tomic/Dejan Milošević, DW )
Nichts wird sie stoppen, sagen die FlüchtlingeBild: DW/L. Tomic/D. Milošević

"Als wir in Belgrad ankamen, haben wir uns auf der Polizeiwache gemeldet", erzählt ein anderer junger Mann aus der Gruppe der Syrer. "Sie haben uns keinerlei Papiere gegeben, aber gesagt, wir sollten Zugtickets nach Subotica kaufen. Im Zug selbst hat uns dann ein Polizist nach Geld gefragt. Weil wir nicht die Summe hatten, die er wollte, hat er uns an der nächsten Haltestelle rausgeschmissen. Wir wussten nicht, wo wir waren. Wir waren müde. Wir schliefen einige Stunden und sind dann entlang der Schienen bis nach Subotica gelaufen." Jetzt warten sie auf die Dämmerung, um dann unbemerkt die Grenze nach Ungarn zu überqueren. Wegen des geplanten Zaunbaus machen sie sich keine Sorgen, sagen sie. Ein Telefon klingelt, schnell verabschieden sie sich.

Betrug und Mitgefühl

Seit fünf, sechs Jahren kämen die Flüchtlinge, sagt später ein junger Mann aus Subotica auf dem Marktplatz der Stadt, an dem Kinder rund um einen Brunnen spielen und Erwachsene auf Stühlen vor Cafés sitzen. "Es werden immer mehr Flüchtlinge", ergänzt er. "Subotica ist eine multikulturelle Stadt, wir haben kein Problem mit den Migranten. Aber wir machen uns Sorgen wegen der Schmugglerbanden."

Ein älterer Mann kommt dazu, er hat das Gespräch gehört. "Auch wir haben Krieg erlebt, aber jetzt haben wir kein Mitgefühl mit den Notleidenden." Wir können uns einen Hamburger für 200 Dinar [1,65 Euro] kaufen, aber von ihnen verlangen die Verkäufer 500." Auch beim Umtausch von Geld würden die Flüchtlinge betrogen. "Das ist nicht recht, sie haben genug gelitten." Bevor er geht sagt er noch, dass in der Gegend bislang keine Flüchtlinge Straftaten verübt hätten.

Die Flüchtlings-Krise an der Serbisch-Ungarischen Grenze (Photo: Lidija Tomic/Dejan Milošević, DW )
Noch ein Zaun, ein See, und dann endlich: das EU-Land UngarnBild: DW/L. Tomic/D. Milošević

Mein nächster Stop: der Tresetište-See. Nur noch 100 Meter sind es von dort bis zur Grenze. Angler hängen ihre Ruten über das Wasser, von Flüchtlingen keine Spur. Wachmänner sagen mir, dass sie sich im Wald versteckten und in der Nacht die Grenze überquerten. Auf der anderen Seite des Sees treffe ich zwei rumänische Angler, die hier Urlaub machen. Mehrmals hätten sie in den vergangenen Tagen Flüchtlinge gesehen, so die beiden. "Erst heute früh haben wir zwei Gruppen gesehen, jeweils mit kleinen Kindern", sagt einer. In seinem Heimatland sei das ganz genau so. Unzählige Flüchtlinge kämen ins Land geströmt, aber sie blieben nie lange. "Serbien und Rumänien, das sind doch nur Zwischenstationen auf dem Weg nach Westen."