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Kein zweites Marseille

Max Hofmann15. Juni 2016

Gleich zwei Hochrisiko-Spiele innerhalb von 24 Stunden. Die berüchtigten Fans aus Russland und England versetzen die Behörden der nordfranzösischen Stadt Lille in Alarmbereitschaft. Max Hofmann aus Lille.

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Frankreich EM Fans in Lille - Spiel Russland - Slowakei (Foto: DW/L. Scholtyssyk)
Bild: DW/L. Scholtyssyk

Es sieht fast aus wie ein offizieller Staatsbesuch: Auf der einen Seite die slowakischen Fans, auf der anderen die russischen. Direkt vor dem Nordbahnhof "Lille-Flandre" begrüßen sie sich, lächeln, schütteln Hände. Die Bilder von den Krawallen in Marseille sind ganz weit weg. "Ein bisschen unfair" findet Natalia Kirilinskaya, dass die UEFA der russischen Mannschaft mit Turnier-Ausschluss gedroht hat. An den Hooligan-Krawallen im Süden Frankreich seien schließlich nicht nur Russen beteiligt gewesen. "Da waren viele Nationen", meint sie, und einer ihrer Reisebegleiter erklärt es noch genauer: "In einem Restaurant saßen russische Familien, ganz entspannt, und im nächsten waren betrunkene Fans aus England ohne T-Shirts."

Viele der russischen Fans, die für das Spiel gegen die Slowakei nach Lille gekommen sind fühlen sich falsch verstanden. "Wir wollen einfach nur den Fußball genießen", hört man immer wieder, und in der Tat wirkt alles friedlich und entspannt.

Russische Fans in Lille vor dem Spiel Russland gegen Slowakei (Foto: DW/L. Scholtyssyk)
Russische Fans vor dem Spiel gegen die Slovakei - auch nach der Niederlage gegen die Slovakei blieben sie ruhigBild: DW/L. Scholtyssyk

Hinter den Kulissen der nordfranzösischen Stadt aber rumort es gewaltig. Deutliches Zeichen dafür: Sicherheitskräfte überall, angefangen von der Regionalpolizei bis hin zur CRS - einer nationalen Einheit, die unter anderem auf solche Großeinsätze spezialisiert ist. Nach den Krawallen in Marseille hat die Region noch einmal gehörig aufgestockt: Insgesamt sind rund 3900 Beamte in Lille im Einsatz. "Den öffentlichen Raum sättigen", nennt sich das in der Fachsprache.

"Autorität des Staates nicht verhandelbar"

"Gesättigt" ist auch die Einsatzzentrale der Präfektur Nord. An der Wand hängen große Bildschirme, darauf flimmern die Live-Aufnahmen der Überwachungskameras in schwarz-weiß. Rund 30 Beamte werten die Daten aus, suchen nach Anzeichen für aufkeimende Gewalt. Dazwischen drängeln sich Journalisten und Kameraleute. Das Interesse ist riesig, und der Präfekt, Michel Lalande, ist selbst gekommen, um Rede und Antwort zu stehen. "Das Kräfteverhältnis im öffentlichen Raum muss zu unseren Gunsten sein", betont er. Anders gesagt: Die Sicherheitskräfte sollen die Plätze und Straßen der Stadt beherrschen. Das sei der alles entscheidende Punkt und noch einmal mit Nachdruck: "Da gibt es keine Diskussion."

Einsatzzentrale in Lille vor dem Spiel Russland gegen Slowakei (Foto: DW/L. Scholtyssyk)
Hochbetrieb in der Einsatzleitstelle der Polizei von LilleBild: DW/L. Scholtyssyk

Der erfahrene Staatsdiener setzt auf eine harte Linie. Sieben Verursacher kleinerer Krawalle seien bereits festgenommen, vier davon auf dem Weg zurück nach Russland, sagt Lalande: "Die Autorität des Staates ist nicht verhandelbar." Im Gegensatz zu seinen Kollegen in Marseille konnte er aus den ersten Tagen der Europameisterschaft lernen. Vorher schien sich das Land eher mit der Bedrohung durch potentielle islamistische Terroranschläge zu beschäftigen. Aber jetzt ist wieder allen eingefallen, welche Verwüstungen Fußballfans anrichten können. Deshalb ist oberstes Ziel der Präfektur: "Alle Bewegungen der Fans kontrollieren." Also nicht nur in der Stadt, sondern auch an den Flughäfen, Häfen und Mautstellen.

Spiele sind gutes Business

Am Mittwochnachmittag scheint die Strategie zu greifen, zumindest anfangs. Von offizieller Seite würde man es nie hören, aber für viele Bewohner liegt das nicht nur an den Sicherheitskräften. Sarah Hardy sagt es offener: "Wir hier im Norden sind einfach ein bisschen entspannter als die im Süden." Die alte Rivalität zwischen dem "wilden" Süden und dem "besonnenen" Norden Frankreichs bricht sich bei diesem Thema Bahn. Hier im regnerischen Lille gelten die sonnenverwöhnten Bewohner Marseilles oft als undiszipliniert, manchmal sogar als Schläger.

Ganz auf die ordnende Kraft des Nordens will man hier dennoch nicht vertrauen: Sarah Hardy arbeitet im "Legend Café" in der Innenstadt von Lille und hat vorsorglich die meisten Tische und Stühle von der Terrasse nach innen gebracht. "Zur Sicherheit." Ansonsten seien die beiden Hochsicherheits-Spiele "gutes Business", meint sie und serviert mit einem Lächeln ein paar weitere Plastikbecher voller Bier.

Russische Fans in Lille vor dem Spiel Russland (Foto: DW/L. Scholtyssyk)
Nehmen die Europa-Meisterschaft zum Anlass Frankreich zu erkunden: Natalia Kirilinskaya und BegleiterBild: DW/L. Scholtyssyk

Zu Hardys Gästen zählen auch Natalia Kirilinskaya und ihre Begleiter vor dem Spiel gegen die Slowakei. Marinierte Muscheln mit Pommes Frites, ganz zivilisierte Vorbereitung auf das Spiel. Die 36-Jährige ist für drei Wochen mit ihrem Mann in Frankreich unterwegs. Sie reisen der russischen Nationalmannschaft hinterher - von Marseille nach Lille und dann nach Toulouse. Vielleicht auch noch weiter, je nachdem wie gut die Russen abschneiden. Zwischendurch Sightseeing in der Bretagne und Strandurlaub in Nizza. "Die Russen sind fröhliche Fans", meint Kirilinskaya. "Wenn sie hier in Europa sind, dann genießen sie gutes Essen und guten Wein." Dann überlegt sie kurz: "Wir wollen einfach nur unsere Zeit hier genießen, sonst nichts."

Hoheit über öffentlichen Raum behalten

Das Spiel gegen die Slowakei verliert Russland mit 1:2. Könnte das der Zünder für mehr Gewalttaten wie in Marseille sein? Gegen Abend sieht die Situation in der Innenstadt von Lille schon bedrohlicher aus als noch früher am Tag. Das liegt überwiegend aber nicht an den russischen Fans. Vom Bahnhof her schallen neue Fangesänge durch die Innenstadt. Die Engländer sind da. Am Donnerstag spielt ihr Team im nahe gelegenen Lens gegen Wales.

Frankreich Lille Englische Fans jagen Russische durch das Zentrum von Lille (Foto: Reuters/P. Rossignol)
Jagd auf russische Fans: Für Ärger sorgten in Lille am Abend englische HooligansBild: Reuters/P. Rossignol

Hunderte strömen in die Kneipen, hier und da fliegen Plastikbecher, der Biergeruch in der Luft wird stärker. Jetzt bringt sich die Polizei in Stellung. Unvermittelt rennen Fangruppen auf die Sicherheitskräfte zu. Die reagieren mit Tränengas. Dann ebbt die Aufregung wieder ab, und nach einiger Zeit beginnt alles von vorne. Hin und her geht das, aber das vorläufige Fazit ist: Die Behörden scheinen die Lage mehr oder weniger im Griff zu haben, das Konzept der Präfektur geht auf. Das kann sich spätestens am Donnerstag ändern, wenn die meisten englischen Fans erst anreisen. Aber die Behörden sind entschlossen, die Hoheit über den öffentlichen Raum zu behalten. Lille soll kein zweites Marseille werden.

Rund um die Partie Russland gegen Slowakei wurden bis Mitternacht 36 Menschen festgenommen. Es gab 16 Verletzte. Unter den Festgenommenen seien auch sechs Russen, die an den Ausschreitungen in Marseille am Samstag beteiligt waren, teilte die Präfektur des Départements Nord mit. Zu den Zusammenstößen mit englischen Fans am Abend, bei denen Polizisten auch Tränengas einsetzten, äußerte die Behörde sich nur knapp. Die Polizei habe eine Gruppe von etwa 300 englischen Fans gestoppt, die sich in der Innenstadt bewegten, wo sich auch russische Fans aufhielten. Die Gruppe habe sich danach zerstreut. Kurz vor Mitternacht kam es jedoch erneut zu Auseinandersetzungen. Wieder ging die Polizei mit Tränengas gegen englische Fans vor.