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"Das Vertuschen muss aufhören"

12. März 2019

Ist die katholische Kirche mitschuldig am Massenmord an den Juden? Welche Rolle spielte Papst Pius XII.? Im Geheimarchiv des Vatikans schlummern dazu neue Erkenntnisse, glaubt der Kirchenhistoriker Hubert Wolf.

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Vatikan Papst Pius XII
Bild: imago/Leemage

In Rolf Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" von 1963 kommt Papst Pius XII ganz schlecht weg - nämlich als verantwortungsloser "Leisetreter" gegenüber dem Nazi-Regime. Hochhuths Stück löste eine weltweite Kontroverse aus. Sie könnte jetzt zu einem Ende kommen, denn Papst Franziskus will die Tür zum vatikanischen Geheimarchiv noch weiter aufstoßen und von 2020 an die geheimen Archive zu Papst Pius XII. freigeben.

Gewöhnlich wartet der Vatikan nach dem Tod eines Papstes mindestens siebzig Jahre, bis er das Geheimarchiv zu dessen Amtszeit öffnet. Im Fall von Eugenio Pacelli wäre das 2028: Er war als Pius XII. von 1939 bis 1958 das Oberhaupt der katholischen Kirche. Doch dieser Fall liegt anders.

Pius XII. Wirken bis heute umstritten

Bis heute ist umstritten, ob der damalige Pontifex zu sehr geschwiegen hat zu den Verbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg. Unklar auch, ob er nicht viel mehr zur Rettung vieler Juden beigetragen hat. Im Vatikan steht das Urteil längst fest - seit Jahren läuft das Verfahren zu seiner Seligsprechung, die Vorstufe zur Heiligsprechung. Eingeleitet hatte es schon Papst Benedikt XVI. Er löste damit Proteste aus, auch in Israel.

Bühnenszene von "Der Stellvertreter"
Papst Pius XII ein Leisetreter? Rolf Hochhuths Drama "Der Stellvertreter", uraufgeführt 1963 in Berlin. Bild: picture-alliance/dpa/K. Giehr

Nun sollen Archiv-Dokumente am 2. März 2020, dem 81. Jahrestag der Papstwahl von Pius XII., für die Forschung zugänglich gemacht werden. Damit hofft Franziskus Licht in das Wirken seines Vorgängers zu bringen. "Die Kirche," so Franziskus, "hat keine Angst vor der Geschichte. Im Gegenteil, sie liebt sie!".

Forscher sollen Akten sichten

Ein Teil der Archivalien zu Pius XII. war bereits von Paul VI. (Pontifikat 1963-1978) und Johannes Paul II. (1978-2005) freigegeben worden. Außerdem erstellten Forscher um den Jesuiten Pierre Blet eine elfbändige Edition von Aktenstücken zum Thema Pius und Zweiter Weltkrieg ("Actes et documents du Saint Siège relatifs à la Seconde Guerre Mondiale", erschienen zwischen 1965 und 1981). Historiker kritisierten indes die Zusammenstellung der Dokumente als unvollständig.

Welche Bedeutung hat nun der Schritt von Papst Franziskus? Am ehesten kann das der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf einschätzen. Bereits seit 1992, sieben Jahre vor der offiziellen Öffnung der Archive durch Papst Johannes Paul II., hat er Zugang zu den vatikanischen Akten.

Prof. Hubert Wolf, Kirchenhistoriker
Kirchenhistoriker Hubert WolfBild: Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Deutsche Welle: Herr Professor Wolf, Sie gelten als Experte der geheimen Vatikanarchive. Rechnen Sie jetzt mit neuen Erkenntnissen?

Hubert Wolf: Das ist ganz schwierig zu sagen. 200.000 archivarische Einheiten mit bis zu jeweils tausend Blatt werden nächstes Jahr zum Pontifikat Pius' XII. von 1939 bis 1958 zugänglich. Insofern glaube ich schon, dass es zu einer ganzen Reihe von Fragen definitive Antworten geben wird und eine ganze Reihe von Spekulationen wahrscheinlich aufhören.

Es gab dieses Theaterstück von Rolf Hochhuth in den 1960er-Jahren, darin kommt Pius XII ganz schlecht weg. Er ist da der "Papst, der zum Holocaust geschwiegen hat", "Hitlers Papst". Wird diese These noch zu halten sein?

Ich will nicht spekulieren. Aber es gibt ja zwei Lesarten. Die eine heißt: Er hat geschwiegen, um schlimmeres Unheil zu verhindern. Die holländischen Bischöfe haben protestiert. Daraufhin gingen die Zahlen der Deportationen hoch. Das ist die eine Lesart. Die andere Lesart ist, er hätte unbedingt reden müssen. Wenn er geredet hätte, dann wären die Deportationen runtergegangen. Das ist ja der Vorwurf, den Hochhuth dem Papst macht.

Aber jetzt müssen wir mal schauen: Wann weiß der Papst eigentlich genau was? Wann weiß er von der sogenannten Endlösung der Judenfrage? Wann weiß er von Auschwitz? Von wem erfährt er was? Was wird intern in der Kurie diskutiert? Mit wem redet der Papst? Gibt es Kommissionen, die diese Frage diskutieren? Wie ist das mit diesem angeblichen, für Radio Vatikan gedachten Protest des Papstes, zu dem die Haushälterin Pascalina Lehnert in ihren Erinnerungen schreibt, der Papst habe diesen Protestbrief im Ofen der päpstlichen Wohnung verbrannt?

Das sind Spekulationen, da hofft man, dass man dazu Neues erfährt. Und ich glaube schon, dass wir da Neues finden. Man muss allerdings sehr differenziert darauf schauen: Was berichtet der Nuntius aus der Schweiz eigentlich? Was ist mit den Apostolischen Delegaten in den USA? Welche Kontakte hat der Papst zu amerikanischen Geheimdienstkreisen? Das sind alles Fragen, die ich noch nicht beantworten kann.

Papst Pius XII
Papst Pius XII. spendet 1939 seinen Segen.Bild: Getty Images/Hulton Archive/Keystone

Jetzt schreiben wir das Jahr 2019 und da gibt Papst Franziskus die Archive frei zu dieser Zeit. Nach ihrem Umgang mit dem Missbrauchsskandal steht die katholische Kirche nicht allzu gut da und auch sonst hat die Kirche einen schweren Stand. Wieso fasst Franziskus gerade jetzt dieses heiße Eisen an?

Man könnte sagen, es ist längst überfällig. Wir wissen, dass Benedikt XVI. bereits 2007 den Auftrag gegeben hat, an die Ordnung dieser Dokumente zu gehen, und dass die Öffnung eigentlich viel früher geplant war. Jetzt wird natürlich gesagt, angesichts der großen Massen - ich habe ja von den 200.000 Einheiten gesprochen - haben die Archivare einfach länger gebraucht. Das kann sein, das können wir von außen schlecht beurteilen.

Es gibt auch Vermutungen, der Papst wolle vom Missbrauch ablenken und deshalb diskutieren wir jetzt über den Holocaust und das Verhalten der Kirche während des Zweiten Weltkriegs. Auch das kann man sehr schlecht beurteilen. Ich glaube, dass Franziskus den Geburtstag und den Wahltag 2. März - Pius XII. ist ja an seinem Geburtstag zum Papst gewählt worden - genutzt hat. Aber bis die Sache losgeht, ist noch ein Jahr Zeit, ein ungewöhnlich langer Vorlauf.

Papst Pius XII
Papst Pius XII im Jahr 1955Bild: Getty Images/F. Ramage

Sie, Herr Wolf, gehen ja im Vatikan ein und aus, wenn ich das so salopp sagen darf. Sie kennen die Stimmungslage dort sehr gut. Wie sehr hat die Kontroverse um den Pius-Pontifikat der katholischen Kirche geschadet?

Ich glaube, dass diese endlose Diskussion wirklich nur dadurch beendet werden kann, dass man die Quellen zugänglich macht. Es war und ist ja im Umgang mit Überlebenden des Holocausts ungeheuer bedrückend, wenn Menschen, die das durchgemacht haben, sagen, ich hoffe, dass ich noch erlebe, dass die Quellen zugänglich werden, damit wir wissen, wie der Papst sich zum Schicksal unseres Volkes verhalten hat. Da hilft nichts anderes als Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Es hilft nichts anderes, als die Dinge auf den Tisch zu legen.

Im Grunde ist der Umgang mit dem Holocaust und mit der Rolle von Pius XII. nur ein Beispiel für ein generelles Problem in der Kirche. Diese ganzen Vertuschungsaktionen im Kontext des Missbrauchs sind ja fast schon systemisch. Ich denke, das was jetzt mit der Öffnung der Bestände zumindest symbolisch gesagt wird, das muss generell gelten: Dieses ganze Vertuschen und Unter-den-Teppich kehren, das muss aufhören!

Kam der katholischen Kirche der Antisemitismus der Nazis vielleicht ganz gelegen? Weil er einem katholischen Antijudaismus in die Hände spielte?

Da wäre ich nach dem, was ich bisher in den Quellen bis 1939 gesehen habe, äußerst zurückhaltend. Ein Antisemitismus ist für die katholische Kirche natürlich schon von ihrer Schöpfungslehre her absolut unvorstellbar. Wenn wir davon ausgehen, dass alle Menschen von Adam und Eva abstammen, dann kann es keinen rassischen Antisemitismus geben.

Insofern muss man schon sehr deutlich differenzieren und wir sehen ja auch im Pontifikat von Pius XI. (Pontifikat 1922 - 1939, Anm. d. Redaktion), dass der in den letzten zwei, drei Jahren sehr deutlich erkennt, was die Nazis tun und was rassischer Antisemitismus ist. Die Äußerungen von ihm sind ja sehr klar, etwa wenn wir an diese Audienz denken, in der er sagt, geistlich sind wir Katholiken alle Semiten. Das ist ja eine sehr klare Äußerung. Insofern würde ich davor warnen, so eine direkte Linie zu ziehen zwischen einem Antijudaismus und einem rassisch begründeten Antisemitismus. Wobei es diesen Antijudaismus natürlich gibt.

Holocaust-Mahnmal
Das Holocaust-Mahnmal in BerlinBild: picture-alliance/dpa/W. Steinberg

Bis 2001 gab es eine katholisch-jüdische Historikerkommission zur Kontroverse um Pius XII. Die ging dann im Streit auseinander. Sollte sie jetzt ihre Arbeit wieder aufnehmen?

Ich glaube, das Thema sollte unbedingt zwischen jüdischen und katholischen Historikern gemeinsam erarbeitet werden. Ich glaube auch, es wäre Aufgabe der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralrats der Juden in Deutschland, diese Dinge gemeinsam voranzutreiben. Denn es gibt ja nichts Besseres, als wenn beide Seiten Quellen lesen, Quellen edieren, und möglicherweise auch, wenn notwendig, kontrovers interpretieren. Insofern wäre ich sehr dafür, dass das von Deutschland ausgeht. Denn es ist deutsche Geschichte und für den deutschen Katholizismus eine ganz zentrale Frage, natürlich noch mehr für das deutsche Judentum.

Wie wichtig wäre diese Arbeit für das christlich-jüdische Verhältnis?
Das ist ein ganz zentraler, vielleicht sogar der wichtigste Punkt: Man muss die Dinge gemeinsam, ohne Wenn und Aber aufarbeiten und auch klarmachen, dass es um eine Schuld geht. Wir müssen genau herausarbeiten, wo liegt die? Wie sieht die aus? Wie gehen wir damit um und vor allem: Was lernen wir daraus für unser Verhältnis heute?

Das Gespräch führte Stefan Dege.