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Das Jahr der Dammbrüche

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Henrik Böhme
27. Dezember 2015

Abschaffung des Zinses, gigantische Geldflut, billiges Öl, boomende Aktienmärkte: Das Jahr 2015 war wirtschaftlich alles andere als langweilig. Vieles spricht dafür, dass es genau so weitergeht, meint Henrik Böhme.

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Aktivistin stört Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main (Foto: dpa)
Bild: picture-alliance/dpa/B. Roessler

Der Verlierer des Jahres 2015 heißt Mario Draghi. In den Geschichtsbüchern wird irgendwann zu lesen sein: Das war der Mann, der die Dämme brechen ließ, als er im Frühjahr ein gigantisches Anleihekaufprogramm auflegte, um fortan Monat für Monat Milliarden und Abermilliarden von Euro in den Markt zu spülen. Garniert hat der oberste Währungshüter Europas das Ganze mit einem Zinsniveau von praktisch Null Prozent. Das klingt nach einer riskanten Mischung, und das ist es in der Tat. Das Ziel des italienischen Magiers aus dem funkelnagelneuen EZB-Turm zu Frankfurt am Main: Die Banken mögen das billige Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, die Unternehmen sollen investieren, das soll die Konjunktur ankurbeln, die Inflation anheizen und die Menschen draußen im Lande sollen kaufen, kaufen, kaufen.

Das Problem: Der Plan funktioniert nicht. Die Banken bunkern das Geld lieber, obwohl sie dafür Strafzinsen zahlen müssen. Die Wirtschaft investiert nicht, weil die Weltwirtschaft nicht wirklich stabil ist. Die Konjunktur im Euroland dümpelt vor sich hin, die Inflation verharrt bei Null. Warum eigentlich muss man unbedingt alles tun, sie wieder an die gewünschte Zwei-Prozent-Marke heranführen? Macht das überhaupt Sinn in einer Zeit, in der Erdöl von einem Preistief zum nächsten stürzt? Liegt nicht eher dort das Problem?

Stunde der Spekulanten

Henrik Böhme (Foto: DW)
Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Einzig die Leute kaufen, kaufen, kaufen: Weil sie das Geld lieber ausgeben anstatt es bei einem Zinssatz von praktisch Null zur Bank zu tragen. Draghis gigantisches Experiment ist eine Operation am offenen Herzen, die vor allem eines bewirkt: Eine Geldentwertung von historischem Ausmaß. Die Nullzinspolitik jedenfalls ist das falsche Rezept, sie lenkt Geld und Kapital nur dahin, wo es das meiste Unheil anrichten kann: In die Hände der Spekulanten. Für Menschen, die sich mit dem Ersparten eine Altersvorsorge aufbauen wollten, ist das einfach nur pervers. Natürlich könnte man jetzt wunderbar in eine Immobilie investieren. Doch diese Blase wird platzen, schneller, als manchem lieb sein dürfte.

Was Draghis riskante Operation immerhin bewirkt, und zweifellos ist auch das ein Ziel: Der Euro hat zum Dollar deutlich an Wert verloren, das macht Exporte aus der Eurozone günstiger. Das zumindest hat funktioniert, absehbar ist für das kommende Jahr eine Parität zwischen beiden Währungen. Aber wem hilft das außer der stark exportorientierten deutschen Volkswirtschaft? Nun gut, zumindest hält die Flut von billigem Geld europäische Südländer wie Italien im Geschäft. Ein Geschenk Draghis an seine Landsleute. Nur wie lange soll eigentlich noch die Geldpolitik die Aufgaben der Realpolitik übernehmen?

Kein Plan gegen eine Krise

Damit sind wir beim nächsten Dammbruch, der sich in Griechenland zugetragen hat. Hat jemand mitgezählt, wie viele Sondergipfel die Europäische Union abhalten musste, bis endlich wieder neue Hilfsmilliarden flossen gegen angeblich massive Reformversprechen der linken Regierung in Athen? Am Ende gab es ein Hilfspaket, es war wieder Ruhe im Karton. Doch wirklich Substantielles, damit das Land endlich wieder auf eigenen Beinen stehen kann, hat sich in diesem Jahr in Griechenland nicht getan. Wiedervorlage im Jahr 2016.

Dann aber wird das Thema mit Sicherheit nicht mehr soviel Aufmerksamkeit erlangen wie in diesem Jahr, wo es den politischen Akteuren den Blick verstellte auf das wirklich große europäische Thema, den dritten Dammbruch: die große Völkerwanderung. Weil das Ziel der meisten Flüchtlinge, die Furchtbares hinter sich haben, Deutschland ist, und weil der Strom auch im kommenden Jahr nicht abreißen wird: Es ist eine riesige Bewährungsprobe für die deutsche Gesellschaft - und ebenso wird es die Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft an seine Grenzen bringen. Aber nur, weil es für die Wirtschaft in diesem Jahr einigermaßen gut gelaufen ist, muss es nicht automatisch so weitergehen.

Deutschland hängt an der Weltwirtschaft, und es ist nicht zu erkennen, wie sich das Land einer möglichen weltweiten Rezession widersetzen will. Der Flüchtlingsstrom, er war auch von Deutschland aus zu erkennen, nur sehen wollte ihn keiner. Die nächste Krise kommt bestimmt. Aber die deutsche Regierung leistet sich lieber milliardenteure soziale Wohltätigkeiten wie die Rente mit 63. Es bleibt zu hoffen, dass die nächste Krise der Weltwirtschaft ausfällt. Denn, und da sind wir wieder bei Mario Draghi: Der hat all sein Pulver verschossen, alle Instrumente zur Stimulierung der Konjunktur sind ausgereizt. Seine geldpolitische Agenda ist Gift für Europa, weil sie Reformen verhindert. Daher heißt die Devise für 2016: Stoppt Draghi!

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Henrik Böhme Wirtschaftsredakteur mit Blick auf Welthandel, Auto- und Finanzbranche@Henrik58