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Den Dschihadisten nicht auf den Leim gehen

Thorsten Benner18. November 2014

Der Westen braucht eine bessere Strategie zum Umgang mit dem Islamischen Staat (IS) in den Medien und sozialen Netzwerken. Und er darf seine eigenen Prinzipien keinesfalls aufgeben, meint DW-Gastautor Thorsten Benner.

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Neues Video deutscher Islamisten aufgetaucht
Bild: picture-alliance/dpa

Am Sonntag veröffentliche die Terrorgruppe, die sich "Islamischer Staat" (IS) nennt, ein weiteres Enthauptungsvideo einer Geisel: dieses Mal eines US-amerikanischen Entwicklungshelfers. Binnen Minuten dominierte dies die westlichen Medien: Eilmeldung auf Sendern wie CNN und N24, Hauptmeldung von Deutsche Welle bis New York Times.

Man muss die Frage stellen, ob dies ein geschickter Umgang mit der klar kalkulierten PR-Offensive des IS ist. So schrecklich jede Enthauptung ist, so wenig verdient sie es, zur weltpolitischen Hauptmeldung zu avancieren. Ein einziger Mord ändert nichts an der Situation vor Ort im Irak und in Syrien, wo der IS sein "Kalifat" aufzubauen versucht. Schlimmer noch: Dadurch, dass wir jede Enthauptung zu einer Hauptmeldung machen, gehen wir der PR-Strategie des IS auf den Leim.

Rache, Ruhm und Reaktion

Wie jede Terrorgruppe ist der IS in den Worten der irischen Forscherin Louise Richardson von drei Dingen getrieben: Rache, Ruhm, Reaktion. Anders als die Rache entziehen sich Ruhm und Reaktion komplett der Kontrolle der Terrororganisation. Warum also ermöglichen wir der IS regelmäßig eine Gratis-Werbesendung, indem wir jede Enthauptung medial aufbauschen? Wenn westliche Medien sich entschließen könnten, den Enthauptungen keine große Aufmerksamkeit mehr zu widmen, würde dies die PR-Strategie des IS einschneidend untergraben!

Noch wichtiger ist die richtige politische Reaktion. Leider sind hier einige westliche Länder mit kontraproduktiven Vorschlägen auf dem falschen Weg. Zum Beispiel der britische Premier David Cameron: Er betrachtet das Internet als ein Art Wilder Westen der Dschihadisten, der unter die volle Kontrolle von Regierungen gebracht werden muss. In einer Rede in Brisbane äußerte er am Wochenende, dass "wir nicht zulassen dürfen, dass das Internet ein unregierter Raum ist." Der neue Chef des britischen Aufklärungsdienstes GCHQ, Robert Hannigan, #link:http://www.ft.com/cms/s/2/c89b6c58-6342-11e4-8a63-00144feabdc0.html##axzz3JQROqGCY: warnte# sogar, dass Facebook und Twitter zur neuen "Kontrollzentrale" der Terroristen geworden seien. Für Cameron gehört es zur "sozialen Verantwortung" von Unternehmen, Zensur auszuüben und auf breiter Front extremistische Inhalte aus dem Netz zu entfernen.

Thorsten Benner GPPi Global Public Policy Institute Porträt
Thorsten BennerBild: privat

Soziale Medien zu Informationsgewinnung nutzen

Dies übersieht, dass soziale Medien auch der Fundus sind, in dem Informationen über Terroristen gewonnen werden können. Die US-amerikanischen Experten Jeremy Shapiro und Dan Byman haben klar #link:http://www.washingtonpost.com/opinions/we-shouldnt-stop-terrorists-from-tweeting/2014/10/09/106939b6-4d9f-11e4-8c24-487e92bc997b_story.html?hpid=z3:gezeigt #: "Das Mindeste ist, dass Geheimdienstler mehr über die wichtigsten Wege der Rekrutierung von Dschihadisten erfahren. Im besten Fall können sie mit tatsächlichen und potenziellen Terroristen in Kontakt treten, ihnen (Fehl-)informationen zuleiten." Allein deshalb wäre eine breite Zensuroffensive von höchst fragwürdigen Nutzen.

Schlimmer noch sind die Vorschläge des GCHQ-Chef Hannigan and des FBI-Direktors James B. Comey für eine noch engere Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Geheimdiensten und großen Technologiefirmen. Hannigan wirft den Unternehmen vor, den Missbrauch ihrer Dienste durch Terroristen zu leugnen. Ein Teil seines Zorns zielt auf Verschlüsselungswerkzeuge. Hannigan argumentiert, dass "Techniken zur Verschlüsselung oder Anonymisierung von Nachrichten früher nur den raffiniertesten Kriminellen oder Staaten zur Verfügung standen". Heute stünden sie (dank US-Technologiefirmen, die Verschlüsselung immer häufiger als Standard anbieten) jedem zur Verfügung. FBI-Direktor Comey #link:http://www.fbi.gov/news/speeches/going-dark-are-technology-privacy-and-public-safety-on-a-collision-course: sieht# die Gefahr, dass Verschlüsselung "uns alle an einen sehr dunklen Ort führt". Hannigan und Comey fordern das komplette Verbot oder die Offenlegung von Verschlüsselungstechniken für Geheimdienste. Dabei sind diese gegenwärtig für Journalisten, Oppositionelle und Bürger die einzigen verfügbaren Werkzeuge, die effektiv vor Massenüberwachung schützen.

Nicht die eigenen Prinzipien opfern

Diese Werkzeuge zu verbieten oder auszuhöhlen wäre die falsche Reaktion auf die sehr realen Herausforderungen durch IS und andere Terrorgruppen. Anders als nach dem 11. September 2001 sollten wir nicht denen einen Blankoscheck ausstellen, die wie Hannigan und Comey eine sehr einseitige Agenda verfolgen. Überreaktionen sind selbstzerstörerisch für westliche Demokratien - dies sollte die zentrale Lehre nach mehr als einem Jahrzehnt des "Kriegs gegen den Terror" sein.

Thorsten Benner (@thorstenbenner) ist Direktor des #link:http://www.gppi.net/: Global Public Policy Institute (GPPi)# in Berlin.