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Politik

Kantersieg für Erdogan

Daniel Heinrich Kommentarbild App PROVISORISCH
Daniel Heinrich
24. Juli 2018

Mit pathetischen Worten hat sich nun auch der türkische Präsident Erdogan in die Debatte um Mesut Özil eingeschaltet. In einer vergifteten Diskussion ist die türkische Regierung der einzige Sieger, meint Daniel Heinrich.

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FIFA World Cup 2018 - Mesut ÖzilSuedkorea - Deutschland 2:0.
Bild: picture-alliance/SvenSimon/F. Hoermann

Einer der Grundpfeiler der Volkswirtschaftslehre (VWL) ist die sogenannte "Kosten-Nutzen-Analyse". Zusammengefasst ist sie ein Instrument, um zu bestimmen, ob das Ergebnis einer Aktion deren Aufwand rechtfertigt. Angelehnt an diese Analyse war das Treffen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit dem Fußballer Mesut Özil aus Sicht der türkischen Regierung ein durchschlagender Erfolg. Ob intendiert oder nicht: Ein einziges Foto des Autokraten Erdogan mit einem der besten deutschen Nationalspieler der vergangenen Jahre hat eine Debatte über Integration und Rassismus losgetreten, die ihresgleichen sucht. Der Blick auf die Kommentare und Pressestimmen in der Türkei zeigt: Bisher gibt es in dieser vergifteten Debatte nur einen einzigen klaren Gewinner und der sitzt im Präsidentenpalast in Ankara. Chapeau an dieser Stelle an die verantwortliche PR-Abteilung!

Schon kurz nachdem der 92-fache Nationalspieler Mesut Özil am Wochenende seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft via Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete, gab es die ersten frohlockenden Kommentare aus den Reihen der türkischen Regierungspartei AKP (dt.: Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung). Ausgestattet mit dem richtigen Riecher für populistische Stammtischparolen meldeten sich gleich mehrere führende AKP-Politiker zu Wort, darunter der Justizminister, der Sportminister und der persönliche Berater des türkischen Präsidenten. Sie alle sicherten dem 29-jährigen Fußballstar ihre Unterstützung zu.

Elfmeter ohne Torwart für die AKP

Gewohnt pathetisch meldete sich zu guter Letzt am Dienstagnachmittag auch noch Präsident Erdogan selbst zu Wort und griff gezielt die Debatte in Deutschland auf. Es sei "unmöglich, diese rassistische Gesinnung gegenüber einem jungen Mann zu akzeptieren, der so viel Schweiß für den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft gegeben hat". Dies sei "nicht zu tolerieren". Erdogan konnte es sich auch nicht verkneifen, Özils Rücktritt aus der DFB-Auswahl zu loben: "Seine Haltung ist national und patriotisch. Ich küsse seine Augen", so der 64-Jährige und versicherte: "Ich stehe hinter Mesut und seinen Äußerungen."

Porträt Daniel Heinrich
DW-Redakteur Daniel HeinrichBild: DW/M. Müler

All dies geschieht natürlich nicht zufällig: Frei nach der "Kosten-Nutzen-Analyse" wissen Erdogan und seine Berater genau, dass sie gerade in Zeiten sozialer Medien aus dieser Debatte ohne großen Aufwand kinderleicht politischen Profit schlagen können. Die türkische Opposition ist mehr oder weniger zum Schweigen verdammt, da jede Verteidigung Özils als Unterstützung Erdogans gewertet werden könnte. Auch aus der deutschen Politik ist kaum Widerstand zu erwarten. Die - in Ankara mit großer Leidenschaft genutzte - Rassismus-Keule schwingt so bedrohlich nah über den Verantwortlichen in Berlin, dass Widerworte gegen diese in verstörend großem Maße politische Instrumentalisierung nicht zu erwarten sind.

Die nächsten Wahlen schon im Blick

Dass die Politstrategen der AKP dabei auf maximale Symbolik setzen, ist auch in der Kleinstadt Devrek, 200 Kilometer nördlich der türkischen Hauptstadt Ankara, deutlich geworden. Devrek ist die Heimatstadt von Mesut Özils Vater und, wie die überwiegende Mehrheit der Städte in Anatolien, seit 2002 fest in der Hand der AKP. Es gibt eine Straße, die nach Mesut Özil benannt wurde. Weithin sichtbar hing dort, an der "Mesut Özil Caddesi", immer ein Plakat des Mittelfeldasses im deutschen Nationaltrikot. Obwohl sich Özil in der Vergangenheit schon häufiger mit Erdogan getroffen hatte, blieb das Bild immer hängen. Nun wurde es ersetzt: durch ein Plakat, das den Fußballstar lächelnd mit dem türkischen Präsidenten zeigt. 

Im kommenden Jahr finden in der Türkei Kommunalwahlen statt. In Devrek und im Rest des Landes werden dann die Ober- und Stadtteilbürgermeister, Stadt- und Provinzräte sowie die Dorfvorsteher neu gewählt. Nehmen die Strategen der AKP die Debatte um Mesut Özil zum Vorbild, könnte es, frei nach der "Kosten-Nutzen-Analyse", ein ziemlich erfolgreicher Wahlkampf werden.

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