Kommentar: Nicht vergebens

Auch wenn KiK sich nun nicht vor Gericht verantworten muss - der Klageversuch der Opfer der Brandkatastrophe in Pakistan hat Folgen. Und auch die KiK-Kunden müssen sich ihrer Verantwortung stellen, meint Vanessa Fischer.
Vanessa Fischer
Vanessa Fischer

Die Ansprüche der Opfer der Brandkatastrophe von 2012 sind nach pakistanischem Recht verjährt. Deswegen gibt es gegen den Textil-Discounter KiK keinen Prozess in Deutschland. Aus juristischer Sicht war das zu erwarten. Für die Kläger, drei Angehörige und ein Opfer der Brandkatastrophe in einer pakistanischen Textilfabrik, ist das bitter.

Aber allein der Versuch, ein derartiges Verfahren anzustreben, hat eine immense Öffentlichkeit erzeugt. Die Frage nach der Unternehmenshaftung, die Frage nach der Verantwortung global agierender Firmen für die Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern - sie stehen jetzt im Raum. Und sie werden bleiben.

Der Versuch, einen Präzedenzfall zu schaffen

Sechs Jahre liegt das Unglück im pakistanischen Karatschi inzwischen zurück. Es kostete 259 Menschen das Leben. Die Hinterbliebenen der Opfer und ihre Unterstützer haben die Sache aber nicht auf sich beruhen lassen. Sie reichten eine Zivilklage in Deutschland ein, weil die pakistanische Fabrik überwiegend für den deutschen Textil-Discounter KiK produzierte.

Vanessa Fischer leitet die Umweltredaktion der DW

30.000 Euro Schmerzensgeld für jeden der vier Kläger sind natürlich nur ein Symbolwert. Es ging vor allem darum, einen Präzedenzfall zu schaffen und KiK für das Unglück mitverantwortlich zu machen. Auch wenn das in diesem Fall gescheitert ist - es wird nicht der letzte Versuch sein.

Gesellschaft | 10.01.2019

Denn immer häufiger unterstützen Menschenrechtsorganisationen derartige Klagen. Teilweise bereits recht erfolgreich. Das ist nicht unumstritten, denn es zeigt auch ein Versagen der politischen Akteure. Denn wo sie nicht handeln, müssen in Zukunft Gerichte entscheiden.

Das bemerkenswerte an diesem Fall ist, dass schon im Vorfeld der Klage der Druck auf den deutschen Textilhändler so groß wurde und die öffentliche Debatte so laut, dass sich das Unternehmen darauf einließ, insgesamt knapp über sechs Millionen US-Dollar an die Hinterbliebenen zu zahlen. Aus moralischer Verantwortung, nicht als Schuldeingeständnis. Dennoch kam es zur Klage, was die Unternehmensführung überrascht hat.

Alle Akteure tragen Verantwortung

Der Fall macht deutlich, dass sich global agierende Konzerne immer mehr der Verantwortung ihres Handelns stellen müssen. Gleichzeitig wird ihnen von der deutschen Gesetzgebung keine Orientierung gegeben. In Frankreich gibt es zumindest seit kurzem ein neues Gesetz, das französische Unternehmen verpflichtet, die Einhaltung der Menschenrechte bei ihren Zulieferern zu überwachen.

Die Textilbranche hat seit Jahren einen schlechten Ruf. Sie steht für ausbeuterische Arbeitsbedingungen schlechthin. Daran haben auch freiwillige Selbstverpflichtungen nicht genug geändert. Es ist letztlich eine kollektive Verantwortung aller Akteure, auch der Arbeiter selbst. In Bangladesch, nach China der weltweit größte Textilproduzent, gehen die Textilarbeiter in diesen Tagen auf die Straße. Fordern mehr Lohn für ihre Arbeit.

Und der Konsument? Ohne den moralischen Zeigefinger erheben zu wollen - lassen wir die Fakten sprechen: Jeder Deutsche kauft  im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr. Trägt sie aber nur halb so lang wie noch vor 15 Jahren.

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