Kommentar: Politik für "Millennials" - Der neue Stil von Alexandria Ocasio-Cortez

Für die junge US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez sind soziale Medien nicht ein politisches Instrument. Sie bilden einen Raum, in dem sich die "Millennials" heimisch fühlen, meint Sofia Diogo Mateus.

Kurz nachdem Alexandria Ocasio-Cortez Anfang Januar als Abgeordnete des Repräsentantenhauses der USA vereidigt wurde - ganz in weiß gekleidet, als Symbol der Politik, die sie verkörpern will - wurde über einen anonymen Twitter-Account ein Video veröffentlicht, in dem sie ausgelassen tanzt. Es war der Versuch, sie lächerlich zu machen - weil sie Anfang der 2000er-Jahre mit Freunden ein Musik-Video produzierte und vielleicht auch dafür, dass sie zu einer Zeit studierte, als das Internet noch zweifelsohne als "gut" angesehen wurde.         

Der Tweet des Accounts, der so aussehen sollte, als gehöre er zur Hacker-Gruppe "Anonymous" (kurz darauf wurde er gelöscht), hatte genau den gegenteiligen Effekt: Niemand im Internet nahm Anstoß an dem Video - Kritik kam nur von ein paar von eingefleischten Trump-Anhängern. Stattdessen fanden viele die tanzende Jugendliche im Video sympathisch und erfrischend normal. Das Identifikationspotenzial wurde sogar noch größer durch den ganz offensichtlichen Versuch, die Politikerin negativ darzustellen.


Was die Internetnutzer tatsächlich begeistert hat, war die Reaktion der jungen Abgeordneten: zuerst ein selbstbewusster Tweet, später - an ihrem ersten Arbeitstag im Parlament - eine Parodie des Tanzes aus dem ursprünglichen Video im amerikanischen Kongress. 


Die Antwort per Video ist der neuste Schritt in einer Online-Kommunikation, die Ocasio-Cortez ausgiebig einsetzt: Sie spricht alle Themen direkt an, die sie oder ihre Arbeit betreffen - oftmals indem sie Leuten auf Twitter oder im Fernsehen antwortet. Sie tut das auf eine Art, mit der sich Politik völlig neu anfühlt - aber von jedem unter 35 sofort verstanden wird: Es ist die Sprache der sozialen Netzwerke. Diese ist vollkommen natürlich für die "Millennials", die zwischen 1980 und 1999 Geborenen - die Wählerinnen und Wähler also, denen Ocasio-Cortez ihren Erfolg verdankt. Dieser Stil wirkt ähnlich wie ein lustiges Emoji oder ein Witz, den Leute verwenden, wenn sie mit ihren Freunden sprechen. Darin liegt die kommunikative Brillanz von Ocasio-Cortez.

DW-Redakteurin Sofia Diogo Mateus

Social Media als Instrument der politischen Kommunikation und des Wahlkampfes zu verwenden, ist nichts Neues. Viele Medien und so mancher Professor haben sich jahrelang geradezu besessen mit Barack Obamas "revolutionärem Gebrauch" von sozialen Netzwerken und dem Internet beschäftigt. Doch für den ehemaligen US-Präsidenten war das Internet nur ein Werkzeug: die Fortsetzung einer sorgfältig durchdachten politischen Kommunikation. 

Alexandria Ocasio-Cortez hat sich bewusst von all dem verabschiedet.


Ihre Twitter- und Instagram-Nutzung ist alles in einem: Sie antwortet Kritikern direkt und präsentiert öffentlich ihre tägliche Arbeit. Ein Livestream, der sie beim Kochen und beim Beantworten von User-Fragen zeigt - oftmals mit Erklärungen zu juristischen Aspekten des US-Kongresses - wurde von Tausenden von Leuten gesehen. In ihrer ersten Woche als Abgeordnete des Repräsentantenhauses diskutierte sie öffentlich in sozialen Medien über die anstehenden Themen und die Entscheidungen, die sie treffen muss.


Die steife politische Kommunikation interessiert sie genauso wenig wie Traditionen, nachdem ihr die klassischen Strukturen der Demokratischen Partei nicht geholfen haben: Ihre Partei unterstützte sie nicht, als sie in den Vorwahlen um ihre Kandidatur in New York kämpfte, gleichzeitig erhielt sie kein Geld von Großspendern oder Konzernen. Alexandria Ocasio-Cortez wurde Politikerin allein durch ihre Fähigkeit, das Internet wirksam einzusetzen - mit einer radikalen Agenda und fast keinen Medienberichten, die ihre Botschaft verstärkt hätten. Ihr politisches Markenzeichen ist - online wie offline - die zu sein, die sie ist.    


Ocasio-Cortez weiß, wie viele aus der Generation der "Millennials", dass es keine Schande ist, online großgeworden zu sein. Unsere Leben sind endlos verflochten mit den Weiten des World Wide Web. Für mehr als ein Jahrzehnt wurden wir dafür verspottet, vom Internet besessen zu sein und unsere Zukunftsaussichten mit Avocado-Toast und teurem Kaffee zu ruinieren - ein klares Zeichen für die weit verbreitete Ignoranz gegenüber der Arbeitswelt und der finanziellen Probleme, die wir von der Generation unserer Eltern geerbt haben. 

Jetzt ist eine von uns in der Politik und zeigt, was wir besser wissen, als es die Älteren wohl jemals verstehen werden: welche Macht das Internet hat, um zu kommunizieren, eine Marke aufzubauen und Dinge zu verändern. Als "Millennial" kann ich nur sagen: Danke, Alexandria! Es ist schön, endlich meine Generation in der Politik vertreten zu sehen.       

Mehr zum Thema