Kommentar: Wenn Schnelligkeit vor Gründlichkeit geht

Russland hackt deutsche Abgeordnete, Linke schlagen mit Kanthölzern um sich und der Grünen-Chef hält Thüringen für eine Diktatur - für solche Unsauberkeiten fehlt uns Journalisten der Kredit, meint Fabian von der Mark.
Fabian von der Mark
Fabian von der Mark

Das neue Jahr ist noch keine zwei Wochen alt und schon ist Deutschland wieder in heller Aufregung. Drei Stöckchen wurden den Beobachtern in Politik, Sozialen Netzwerken und Medien hingehalten und alle sind mit Anlauf darüber gesprungen.

Ein Schüler - nicht der russische Geheimdienst

Der erste Fall: Von Politikern, Journalisten und Prominenten wurden Daten verbreitet, die eigentlich vertraulich bleiben sollten - Handynummern, Adressen, sogar private Gespräche. Das ist zweifelsohne schlimm. Es war aber keine Cyberattacke des russischen Geheimdienstes, wie Politiker und Journalisten sofort gemutmaßt haben, sondern die Tat eines 20-jährigen Schülers aus Hessen. Alle Beobachter waren mal wieder zu schnell. Am Ende ist die Bürgermeisterin seines Heimatortes auf den jungen Mann sogar stolz und ein CDU-Politiker will ihm einen Job verschaffen. Wie bitte?

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DW_Redakteur Fabian von der Mark

Dann meldet die AfD einen "Mordanschlag" auf ihren Bremer Landesvorsitzenden. Der Politiker, der auch Abgeordneter des Deutschen Bundestages ist, sei mit einem Kantholz niedergestreckt und auf dem Boden liegend zusammengetreten worden. Am Ende der Woche zeigt das von der Polizei veröffentlichte Video weder ein Kantholz, noch Tritte auf den am Boden liegenden Politiker. Es zeigt eine hässliche Attacke von wem auch immer, die zweifellos zu verurteilen und strafrechtlich zu verfolgen ist. Aber auch da haben, bis hinauf zum Bundespräsidenten, alle schon das ganz große Rad gedreht: eine Zäsur in der deutschen Geschichte, Weimarer Verhältnisse! Kleiner ging es nicht.

Und schließlich ist da auch noch der Grünen-Chef Robert Habeck. In einer Situation, in der in einigen ostdeutschen Bundesländern die rechtspopulistische AfD stärkste Partei werden könnte, sagt er in einem Video auf Twitter, Thüringen solle frei und demokratisch werden. Natürlich klingt das dumm, aber natürlich meinte er, das Land solle es bleiben und nicht werden. Aber liebend gerne haben ihn all seine politischen Gegner bewusst missverstanden und sich maßlos aufgeregt. Habeck, dessen private Nachrichten an Frau und Sohn kurz davor von einem 20-Jährigen (siehe oben) verbreitet wurden, hat sich so sehr aufgeregt, dass er direkt aus Twitter und  Facebook ausgestiegen ist. Auch das sahen viele als Kurzschlussreaktion an.

Was sind gesicherte Informationen?

Dreimal hätte man sich überlegen müssen: Was ist gesteuerte Empörung, was sind gesicherte Informationen, und wie sieht eine vernünftige Reaktion darauf aus? Drei Wochen, nachdem ein Reporter des großen deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" als Lügner aufgeflogen ist, titelt eine deutsche Zeitung den ungesicherten AfD-Spin "Mit Kantholz und Kapuze". Der Journalismus hat zu viel Kredit verspielt, um sich solche Unsauberkeiten erlauben zu können. 2019 stehen Europawahlen an, die wie vielleicht keine Wahl zuvor von Falschmeldungen und Manipulationen betroffen sein könnten. Politik, Medien und Bürger müssen sich bei aller Freude an der schnellen Nachricht die Zeit nehmen, die Dinge genau zu prüfen. Für ungeprüfte Schnellschüsse und reflexhafte Empörung sind die Zeiten zu ernst.

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