Kommission: Gesellschaft trägt eine Mitschuld bei sexuellem Missbrauch

Ein Bericht der Aufarbeitungskommission zeigt, dass vor allem das soziale Umfeld bei sexueller Gewalt versagt. 1700 Opfer haben sich bei der Kommission gemeldet. Sie sagen: Anzeichen werden zu häufig übersehen.

Sexueller Kindesmissbrauch bleibe zu oft unerkannt und Betroffene fänden zu wenig Unterstützung - das hat die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in ihrem in Berlin vorgestellten Bilanzbericht festgestellt. Dafür wurden 30 Berichte von Betroffenen dokumentiert.

"Aus den Berichten der Betroffenen geht vor allem hervor, wie häufig das nahe Umfeld und die gesamte Gesellschaft versagt und Kinder nicht geschützt haben. Dafür muss Verantwortung übernommen werden", sagte die Vorsitzende der Kommission, Sabine Andresen. Insgesamt meldeten sich in den vergangenen drei Jahren 1700 Betroffene sexualisierter Gewalt bei der Aufarbeitungskommission. 900 von ihnen wurden angehört, weitere 300 schriftliche Berichte wurden ausgewertet. 83 Prozent derjenigen, die sich gemeldet haben, seien Frauen. 

Wegschauen des Umfelds

Die Betroffenen beschrieben dem Bericht zufolge sexualisierte Gewalt in der Schule, in Heimen, in der Kirche, beim Sport oder in weiteren Freizeiteinrichtungen. Die Mehrheit aber, 56 Prozent, erführen Missbrauch in ihren Familien. Besonders im Fall einer Tat in der Familie erlebten Kinder eine "existentielle Dauerbelastung". Oft sei der vollständige Bruch mit der Familie der einzige Weg, den Tätern zu entkommen.

Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen (r.) stellt den Bericht in Berlin vor

Ein Grund dafür warum ein Missbrauch nicht erkannt wird, liegt dem Bericht zufolge im Umfeld der betroffenen Kinder. Die Gesellschaft müsse lernen, Kinder ernst zu nehmen, damit sie sich nicht ohnmächtig fühlten.

Sabrina Drews von der Rostocker Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt sagt, dass „Kinder bis zu acht Mal von den Erlebnissen erzählten müssten, bis ihnen geholfen werde". Die Aufarbeitungskommission fordert deshalb in ihrem Bericht, dass Mitarbeiter von Behörden, in der Justiz und bei den Krankenkassen auf den Umgang mit traumatisierten Menschen vorbereitet und geschult sein müssten.

Das Gremium war 2016 eingesetzt worden, zunächst begrenzt auf drei Jahre. Die Amtszeit wurde aber inzwischen bis 2023 verlängert. Die Arbeit der Kommission sei "von großem Wert für unsere Gesellschaft", sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. Kommissionsvorsitzende Andresen kündigte außerdem die Schwerpunkte der Kommission in diesem Jahr an. Diese umfassen die Aufarbeitung von Missbrauch im Sport und der sogenannten Pädosexuellenbewegung. Außerdem soll Missbrauch untersucht werden, der sich gegen Menschen mit Behinderungen richtet. 

lh/sti (kna, epd, dpa)

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