Kranker Ganges: Indiens heiliger Fluss stirbt

Kranker Ganges: Indiens heiliger Fluss stirbt

Gebete für "Mutter Ganges"

Mehr als 2600 Kilometer fließt der Ganges vom Himalaya zum Indischen Ozean. Der Fluss ist vieles: Trinkwasserquelle, Badeort, Jobgarant, Pilgerstätte, Göttin, Friedhof. Jeden Tag tauchen tausende Hindus in das Wasser ein, um sich von ihren Sünden zu reinigen. Viele wollen am Fluss sterben. An seinen Ufern sprechen die Gläubigen regelmäßig Gebete für "Mutter Ganges".

Kranker Ganges: Indiens heiliger Fluss stirbt

"Ich habe nie daran gedacht, wegzugehen"

Einer von ihnen ist Lokesh Sharma. Der 19-jährige Priester lebt in Devprayang, einem Bergdorf im Bundesstaat Uttarakhand, wo die Flüsse Bhagirathi und Alaknanda zusammenfließen und den Ganges bilden. "Ich habe nie daran gedacht, wegzugehen und mich irgendwo anders niederzulassen", sagt Sharma. Devprayang liegt in einer der wenigen Regionen, in denen das Ganges-Wasser noch klar ist.

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Schmutzfaktor Mensch

Auf seinem Weg durch Indien und Bangladesch fließt der Ganges sowohl an kleinen Dörfern als auch an Metropolen vorbei. Im Ballungsraum Kolkata mit seinen 14 Millionen Einwohnern ist das Ganges-Wasser trüb. Nicht nur hier wird der Fluss unter anderem zum täglichen (Wäsche-) Waschen und Zähneputzen genutzt - eine von vielen Ursachen der zunehmenden Verschmutzung.

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Müllkippe Ganges

In einigen Flussabschnitten ist die Schadstoffbelastung so hoch, dass das Baden eine Gefahr darstellt. Vielerorts nutzen Privatpersonen, Kleinunternehmen und Fabriken den Ganges als Müllkippe. Zudem werden jährlich tausende Leichen verbrannt und dem heiligen Fluss übergeben. Schon 1985 führte die indische Regierung erste Rettungsmaßnahmen ein, doch bis heute schreitet die Verschmutzung voran.

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Gefährliche Abwässer

Eine Gesundheitsgefahr stellen auch die in den Fluss geleiteten Industrieabwässer dar. Von den fast fünf Millionen Litern Abwasser, die täglich in den Ganges fließen, wird heute weniger als ein Viertel geklärt. In Kampur führt die Lederindustrie Chemikalien durch Abflussrohre direkt in den Fluss. Deshalb bildet sich am Mittellauf häufig Schaum auf der Wasseroberfläche.

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Sinkende Artenvielfalt

In einem Abschnitt nahe Kampur ist der Ganges inzwischen so verschmutzt, dass sich das Wasser rot gefärbt hat. Der Fluss ist chronisch sauerstoffarm, viele Tierarten sind vom Aussterben bedroht, der Fischbestand sinkt beständig. Allein die Population des Ganges-Delfins ist nach Angaben des World Wildlife Fund For Nature (WWF) von rund 5000 Tieren in den 1980er Jahren auf aktuell 1800 gesunken.

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Politisches Versagen

Das Sterben des Ganges ist seit Jahrzehnten bekannt, doch bisher konnte die indische Politik wenig ausrichten. Auch unter Premierminister Modi hat sich kaum etwas geändert. Zwar hat die Regierung angekündigt, mehr Kläranlagen zu bauen und mindestens 400 Fabriken an den Ufern umsiedeln zu wollen. Doch die umgerechnet drei Milliarden US-Dollar teure Maßnahme bleibt hinter dem Zeitplan zurück.

Für eine Milliarde Hindus ist er ein Heiligtum, für 400 Millionen Menschen eine Wasserquelle: der Ganges. Doch die Verschmutzung des Flusses schreitet immer weiter voran - trotz jahrzehntelanger Bemühungen der Politik.