Lanzarote: Aufstand der Zimmermädchen

Spanien ist ein Niedriglohn-Land in vielen Bereichen. Besonders in der Gastronomie grenzt das Lohnniveau in vielen Fällen schon an Ausbeutung. Dagegen begehren die Zimmermädchen auf und ihre Proteste finden Gehör.

Bis in die 90er Jahre hinein war so ein Verhalten auch in Spanien üblich: Wer in einem Hotel übernachtet hatte, gab den Zimmermädchen Trinkgeld und plauderte ein wenig mit ihnen. Es war klar, dass sie wenig verdienten und der Gast wollte sich erkenntlich zeigen. Denn die Spuren des einen Urlaubers entfernen und alles wieder so in Ordnung zu bringen, dass auch der nächste Gast sich wohlfühlt, ist keine einfache Arbeit.

In den vergangenen 20 Jahren ist es allerdings schlimmer geworden und Trinkgeld gibt es auch kaum noch. Inzwischen besuchen rund 82 Millionen ausländische Urlauber Spanien. Alles muss immer schneller gehen, die Ansprüche sind gestiegen. Die Zimmer wurden im Laufe der Zeit gröβer, die Löhne der Angestellten jedoch sanken.

"Putzen ist zur modernen Sklavenarbeit geworden", sagt Maria Carmen Castón, die viele Jahre in Hotels gearbeitet hat: "Wir waren immer auf dem untersten Level, aber seit der Krise 2008 arbeiten viele von uns in Zeitarbeitsagenturen, weil das für die Hotels billiger ist". Für diese Zimmermädchen gelten weder betriebliche Vereinbarungen noch Tarifverträge. Die groβen Gewerkschaften in Spanien kümmerten sich kaum.

In Spanien liegt ihr Durchschnittsbruttolohn nach Aussagen der spanischen Hotel-Lobby "Confederación Española de Hoteles y Alojamientos Turísticos (CEHAT)" bei 1560 Euro im Monat. Aber dieser Tariflohn, der für spanische Verhältnisse gar nicht so schlecht ist, gilt inzwischen nur noch für 40 Prozent der Beschäftigten. Niedriglöhne sind in Spanien nicht nur bei Zimmermädchen ein Problem: "Egal, ob in akademischen Berufen oder bei einfacher Call-Center-Arbeit: Wir liegen unter dem europäischen Durchschnitt", moniert der Madrider Ökonom Aldo Olcese.

Wirtschaft | 03.01.2019

Proteste auf der Straße

Auf der beschaulichen Kanaren-Insel Lanzarote wurde der Widerstand der Zimmermädchen zuerst organisiert. Frustrierte Arbeiterinnen schlossen sich zur Gruppe "Las Kellys" zusammen und protestierten in grell-bunten Hemden auf öffentlichen Plätzen. Dabei machten sie nicht nur auf ihre Probleme aufmerksam sondern lenkten die Aufmerksamkeit auch auf andere Branchen, wie zum Beispiel die Kundendienste oder die Altenpflege.

Mit Protesten auf Plätzen und Straßen machen "Las Kellys" auf ihre prekären Arbeitsbedingungen aufmerksam.

Im Frühjahr 2018 empfing sie der ehemalige Regierungschef Mariano Rajoy. Sein Nachfolger Sánchez will, sollte er nach den Wahlen am 28. April im Amt bleiben, eine Veränderung zu ihren Gunsten im Arbeitsgesetz bewirken. "Seit 1978 wurde hier nichts mehr verändert", sagt Barros, die weiss, dass ihr Problem sich nicht auf Spanien beschränkt: "Auf europäischer Ebene gibt es noch keine Lobby für Zimmermädchen, aber wir wissen von Bewegungen in Italien, Griechenland und Argentinien."

Profit auf dem Rücken der Schwachen

Wer mit seinem Kegelclub nach Mallorca reist, nimmt es im Rausch der Ferien vielleicht nicht wahr, aber die Arbeitsbedingungen in vielen Hotelketten sind im Laufe der Zeit insgesamt schlechter geworden. "Das gilt auch im Restaurant-Bereich oder an der Rezeption. Die Direktoren wollen jemand, der drei Sprachen spricht und zahlen dann noch nicht mal 1300 Euro netto im Monat", beschwert sich Ricardo Sánchez.

Der 30-Jährige hat eine Ausbildung als Hotelfachmann in Deutschland gemacht: "Aber hier hat das keinen Wert. Bei den Verträgen wird enorm getrickst, um bei der Sozialversicherung zu sparen." Sánchez hat vor allem in 5-Sterne-Häusern in Madrid und Sevilla gearbeitet: "In niedrigeren Kategorien dürfte es noch viel schlimmer sein."

Sara García von der spanischen Gewerkschaft USO fordert konkrete Verbesserungen: "Damit wir das europäische Mittel erreichen und einigermaβen leben können, brauchen wir Lohnsteigerungen von mindestens jährlich 4 Prozent und das für eine geraume Zeit". Derzeit liegt der allgemeine Gehaltsanstieg jedoch gerade einmal bei einem Prozent im Jahr.

Die gerade erfolgte Anhebung des Mindestlohnes um  22 Prozent auf 900 Euro war deswegen nach Ansicht von Ökonom Olcese dringend notwendig: "Lohn motiviert, wir haben unsere Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren ausgelaugt , darunter leidet unsere Produktivität."

Immer schneller, immer sauberer - und immer billiger

Die unter Rajoy im Jahr 2012 eingeführte Arbeitsmarktreform hat zwar zu einigen neuen Jobs verholfen, aber die Schattenwirtschaft macht immer noch 25 Prozent des spanischen BIP aus, weswegen die offizielle Arbeitslosigkeit weiter bei 14 Prozent liegt. "Las Kellys"-Präsidentin Myriam Barros fordert deswegen mehr betriebliche Inspektionen und ein komplettes Umdenken bei den Gewerkschaften: "Sie sind unbeweglich geworden, kennen sich nicht aus mit Social Media und sind zu langsam."

Inzwichen haben es die Zimmermädchen es von den Straßen in die Säle geschafft - Politiker hören ihnen jetzt zu

Während Barras weiter Zimmer sauber macht, arbeitet Maria Carmen Castón inzwischen als Kindermädchen. Für sie kamen "Las Kellys" zu spät. Denn nicht nur Castón zahlt für die vergangenen Jahre von Hetze und Druck in den Hotels wie viele ihrer Kollegen mit schweren Rückenproblemen: "Früher war Zimmermädchen ein eigener Beruf, jetzt werden dafür die normalen Putzfrauen "missbraucht". Das Problem ist, dass es eine körperlich harte Arbeit ist, weil Möbel gerückt und schwere Wäschewagen von Zimmer zu Zimmer geschoben werden müssen."

Zudem kommen immer agressivere Reinigungsmittel zum Einsatz, die Allergien auslösen. "Eine Person reinigt 20 bis 30 Zimmer am Tag, ein Drittel davon sind Komplettreinigungen, weil der Kunde das Hotel verlässt", sagt Barros.  Für ein Zimmer dürfen nicht mehr als 15 Minuten aufgewendet werden für einen Bruttolohn von 2,50 Euro.

Der Traum vom helfenden Roboter

"Auf Lanzarote, wo wir nur vom Tourismus leben, haben wir alle eine Tochter oder eine Freundin, die als Zimmermädchen arbeitet, wir kämpfen für ihre Zukunft", sagt Barros.  Zu den ausnutzenden Hotels gehörten nicht nur groβe Ketten oder kleine Unternehmen, die vielleicht die Marge brauchen, sondern gemäβ "Las Kellys" auch Hotels der sogenannten Wohlfahrtsökonomie: "Das ist besonders traurig, weil sie ja vorgeben, anders zu sein."

Die mutige Kanarin macht nicht die Touristen für ihre Lage verantwortlich, sagt aber, dass Urlauber sich bewusster sein sollten, welches Hotel sie wählen: "Wenn sie mehr Wert darauf legen würden, wie die Belegschaft dort behandelt wird, dann würde sich schnell etwas ändern. Der Kunde hat am Ende alles in der Hand". Wovon sie träumt: "Von Robotern, die in den Hotels die Wäsche hinter uns hertragen und den Staubsauger bedienen werden. Sie könnten uns die Arbeit sehr erleichtern."

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