Little Venezuela in Bogotá

Viele Flüchtlinge aus Venezuela suchen ihr Glück in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Sie lernen schnell, dass ein Neuanfang sehr schwer wird - selbst wenn es engagierte Helfer gibt. Oliver Pieper aus Bogotá.

Es sind nur drei kleine Zettel auf kariertem Papier. Aber wer sie liest, bekommt eine Ahnung davon, was Venezolaner auf ihrer Flucht durchmachen. Die 13-jährige María hat gerade mit ihrer Familie in der Casa Volver des Roten Kreuzes in Bogotá für drei Tage Zuflucht gefunden. Sie hat ihre Erinnerungen an die Reise aus ihrer Heimat nach Kolumbien aufgeschrieben: "Eines Sonntags bin ich aus Caracas aufgebrochen und am Montag in San Cristóbal angekommen. Nachts sind wir über die Grenze nach Cúcuta und dort waren wir drei Tage ohne Essen. In Bogotá haben wir dann auf der Straße geschlafen. Jetzt wollen wir nach Peru für eine bessere Zukunft."

María und ihre Reise nach Kolumbien

Eine bessere Zukunft suchen mittlerweile 3,4 Millionen venezolanischer Flüchtlinge in Peru, in Ecuador, aber vor allem in Kolumbien. 1,2 Millionen Schutzsuchende leben schätzungsweise im Nachbarland, die meisten in der Hauptstadt Bogotá. Doch wer es in die kolumbianische Acht-Millionen-Einwohner-Metropole geschafft hat, weiß, dass die Flucht aus Venezuela nur ein erster Schritt war. Die viel größere Herausforderung ist, sich in der neuen Heimat ein neues Leben aufzubauen. Viele scheitern daran - wie Yoana und Alberto Machado, Marías Eltern.

Warum Yoana und Alberto Machado ihr Glück in Peru suchen

"Wir sind am 8. September aus Venezuela geflüchtet", sagt Yoana, "wir waren einfach müde, müde vom täglichen Kampf ums Essen." Die 38-Jährige sitzt neben ihren Mann Alberto in der Casa Volver und will reden, auch wenn ihr zwischendurch immer wieder die Tränen kommen. "Wir hatten ein ruhiges Leben, wir hatten ein Haus in Caracas. Aber es wurde von Tag zu Tag schwieriger mit der Versorgung." Ihr Mann, der in Venezuela auf dem Bau und als Taxifahrer gearbeitet hat, ergänzt mit leerem Blick: "Bis der Punkt erreicht war, wo es nichts mehr zu essen gab. Und auch keine Jobs. Gar nichts mehr."

Die beiden ältesten Kinder, 22 und 19 Jahre alt, waren schon vorher ausgewandert, Yoana und Alberto wollten mit den vier kleinen Kindern hinterher und ließen vor einem halben Jahr alles stehen und liegen. "Unser Haus steht leer, es gehört jetzt dem Staat. Wer das Land verlässt, verliert alles. Wir können also auch nicht mehr zurück, wir leben jetzt auf der Straße." Zwar ist die Familie legal eingewandert, hat also auch den kolumbianischen Permiso Especial de Permanencia (PEP), die zweijährige Aufenthaltserlaubnis. Aber die Hoffnung, in Bogotá eine Arbeit zu finden, stirbt schnell. "Wir bekommen keinen Job, weil wir Venezolaner sind. Sie verlangen einen kolumbianischen Ausweis", klagt Alberto. "Und wenn sie dir doch einen Job geben, dann für ein Drittel des hier üblichen Mindestlohns."

Politik | 11.02.2019

Weiter nach Peru - Alberto und Yoana Machado, venezolanische Flüchtlinge in der Casa Volver in Bogotá

In der vergangenen Woche hat die Großfamilie auf der Straße geschlafen. Dort fühlten sie sich sicherer als in vielen Flüchtlingsunterkünften. "Wir haben in diesen Heimen schreckliche Sachen gesehen: Drogen, Vergewaltigungen, Tote. Jetzt sind wir hier, weil wir keine Ahnung haben, wo wir hinsollen", erzählt Yoana. In der Casa Volver können venezolanische Flüchtlinge drei bis fünf Tage bleiben, um kurz Kraft zu tanken. Der Ansturm auf die fünf Notunterkünfte des Roten Kreuzes in Bogotá mit insgesamt 244 Plätzen ist riesig.

Yoana und Alberto sind ernüchtert, sie wollen ihr Glück nun in Peru versuchen. Aber als Flüchtling planen sie nicht in Monaten oder Wochen, sie haben nur den nächsten Tag im Blick. Der kolumbianische Traum hat sich für sie jedenfalls nicht erfüllt. "Viele Kolumbianer haben uns sehr geholfen, manche haben uns sogar ihre Jacke gegeben. Aber mittlerweile nimmt der Rassismus gegen uns Venezolaner von Tag zu Tag zu." Peru also, und irgendwann, na klar, wieder zurück in die Heimat. "Venezuela ist das beste Land der Welt, wenn es wieder dahin kommt, wo es früher war", glaubt Alberto.

Wieso Sandra Páez und das Rote Kreuz an Grenzen stoßen

Sandra Páez hat schon viele dieser Geschichten gehört. Die Psychologin koordiniert die Aktivitäten des Roten Kreuzes für venezolanische Flüchtlinge in Bogotá: "Wir versuchen, die Menschen hier erst einmal zu stabilisieren und ihnen eine Orientierungshilfe zu geben, wie es für sie weitergehen kann. Aber wir haben zu wenig Geld und wir können der Nachfrage nach Schlafstätten bei weitem nicht nachkommen."

Nicht genug Kapazitäten: Sandra Páez vom Roten Kreuz

Das Rote Kreuz will angesichts des Flüchtlingsansturms möglichst vielen helfen, deswegen können die Menschen aus Venezuela nur drei bis fünf Tage in den Notunterkünften bleiben. Lediglich für schwangere Frauen und Kranke gibt es Ausnahmen. "Die Krise hat sich verschärft, die Menschen kommen immer unterernährter an. In den vergangenen zwei Monaten waren es vor allem Familien mit Kindern", schildert die Psychologin. Viele übernachten dann auf der Straße. Oder in Tageshotels, doch dort, so Páez, "lauern Raub, sexualisierte Gewalt und Menschenhandel".

Aber auch die Jobsuche bereitet Sandra Páez Kopfzerbrechen. "Für kolumbianische Arbeitgeber bringt es keinen Vorteil, Venezolaner einzustellen, wieso sollten sie das also tun? Und viele zahlen den Flüchtlingen weniger als den Kolumbianern und nutzen sie aus." Immerhin: Mit einer Fast-Food-Kette und einem Textilunternehmen konnte das Rote Kreuz jetzt eine Kooperation vereinbaren, sie stellen Venezolaner zum Mindestlohn an. Und welche Note würde sie der Integration von Flüchtlingen in Kolumbien geben? "Eine mittelmäßige. In Sachen Gesundheitsvorsorge sind wir ganz gut, aber auf dem Arbeitsmarkt könnte es tatsächlich besser sein."

Weshalb Jozef Merkx zwei Krisen in Kolumbien sieht

Dass Jozef Merkx überhaupt noch in Bogotá ist, hat er der Flüchtlingskrise in Venezuela zu verdanken. Der Niederländer kam vor drei Jahren nach Bogotá, um das hiesige Büro des Flüchtlingshilfswerks UNHCR zu schließen. Jetzt kann er sich vor Arbeit kaum retten und täglich muss er in Interviews erklären, wie er die Situation vor Ort einschätzt: "Es handelt sich um die größte Flüchtlingskrise in der Geschichte Lateinamerikas. Und es ist eine extreme Herausforderung für Kolumbien!"

Kolumbiens doppelte Krise: Jozef Merkx leitet das Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Bogotá

Merkx hat früher in Costa Rica und Ecuador gearbeitet, er kennt die Region und beschreibt das Dilemma Kolumbiens: "Das Land hatte immer Erfahrung darin, Flüchtlinge zu produzieren, aber nie damit, welche aufzunehmen." Nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs hat Kolumbien mit 7,7 Millionen Menschen die weltweit höchste Zahl an Binnenflüchtlingen. "Wir haben hier also zwei Krisen", sagt Merkx, "die Flüchtlingskrise Venezuelas einerseits und dann noch die kolumbianische Krise der Binnenflucht."

Hinzu kommen noch die Kolumbianer, die jahrelang in Venezuela gelebt haben und nun zurückkommen, über 400.000 Menschen in den vergangenen drei Jahren.

Kein Wunder also, dass die kolumbianischen Behörden überfordert sind. Trotzdem hat der Niederländer seinen Optimismus nicht verloren: "Viele Jahre haben die Kolumbianer vor dem Bürgerkrieg in Venezuela Schutz gesucht, jetzt ist es andersherum. Die Menschen kennen sich. Es gibt auch viele gemischte Familien hier. Die Solidarität in der Region ist riesig."

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