Luther menschlich: Sonderausstellung "Luther! 95 Schätze - 95 Menschen"

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Frommes vor Luther

Die Wittenberger Ausstellung beginnt mit Exponaten, die die Frömmigkeit im Spätmittelalter ausdrücken. Dazu gehört diese Schutzmantelmadonna aus dem 14. Jahrhundert. Katholisch zu sein bedeutete damals, einen Kosmos aus Heiligen und Maria zu haben, die die Gläubigen schützen und ihnen helfen. Luthers Theologie hingegen sagt: Es gibt nur Christus, an den sich jeder Mensch direkt wenden kann.

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Laptop des 16. Jahrhunderts

Dieser reisetaugliche Schreibkasten gehörte historischen Untersuchungen zufolge höchstwahrscheinlich Martin Luther. Darin trug er neben Federn und Tinte auch Spitzmesser, Siegel und Wachs mit sich. Gut zweieinhalbtausend Briefe Luthers sind erhalten geblieben. Wie viele er von unterwegs und mit Hilfe seines frühen "hölzernen Laptops" schrieb, ist nicht bekannt.

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Beschützer des katholischen Glaubens

Luther und der englische König Heinrich VIII. pflegten ein intensives Verhältnis, in dem sie sich gegenseitig Streitschriften um die Ohren schlugen. Für eine seiner Schriften bekam Heinrich vom Papst den Titel "Verteidiger des Glaubens" verliehen. Der Papst wird es bereut haben: Später führte Heinrich sein Land in die englische Reformation. Den Titel jedoch tragen die britischen Könige bis heute.

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Das Ei des Melanchton

Einer der wertvollen historischen Schätze der Schau ist diese Taschenuhr, ein sogenanntes "Nürnberger Ei". Sie gehörte dem wichtigsten Weggefährten Luthers, dem großen Theologen und Humanisten Philipp Melanchton. Der wurde auch „Praeceptor Germaniae“, Lehrer Deutschlands, genannt. Es handelt sich bei diesem Exponat um die älteste datierte Taschenuhr der Welt aus dem Jahr 1530.

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Früher Sinn fürs Sparen

Zu den Ausstellungsstücken gehören immer wieder auch einfache Gebrauchsgegenstände des ausgehenden Mittelalters. Wesentlich angenehmer als das Pritschenbrett zur Züchtigung von Schülern ist dieses Sparschwein anzuschauen, das bei einer archäologischen Ausgrabung im Luther-Land gefunden wurde. Es soll den Familienkontext darstellen, denn Luthers Vater war ein begüterter Bergbauunternehmer.

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Ledernes Totenhemd des Schwedenkönigs

Diesen Mantel aus Elchleder trug Schwedens König Gustav II. Adolf 1632 bei der Schlacht in Lützen – und starb darin. Ein Hieb und der Durchschuss einer Kugel sind deutlich zu erkennen. Das Eingreifen der Schwedenkönigs in den Dreißigjährigen Krieg verhinderte einen Sieg des kaiserlichen Lagers der Habsburger und sicherte damit indirekt die Existenz des deutschen Protestantismus.

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Schwedische Erzählerin

Astrid Lindgren, die in aller Welt beliebte Kinder- und Jugendbuchautorin, ist die Tochter eines Pfarrhofpächters und lutherisch sozialisiert. Immer dann, wenn ihrer Figur Karlsson vom Dach etwas nicht passte, ließ sie ihn wie Luther sagen: "Das ist ein weltlich Ding". Bei Michel aus Lönneberga ist es die protestantische Kultur des Helfens, die augenscheinlich ist.

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Deutsche Widerstandskämpferin

Sophie Scholl war Widerstandskämpferin gegen die Nationalsozialisten. Die protestantisch geprägte Studentin wurde beim Verteilen von Flugblättern erwischt und zum Tode verurteilt. Gezeigt wird eine Handschrift aus ihrer Gefängniszelle. Auf die Rückseite eines der Blätter hat sie das Wort Freiheit geschrieben. Der Freie Christenmensch ist eines der starken Motive aus Luthers Leben.

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US-Bruder im Geiste

Der US-Amerikanische Baptistenpastor und Bürgerrechtler Martin Luther King hieß eigentlich Michael King. Aus Verehrung für Martin Luther benannte sein Vater sich und den Sohn nach dem Reformator. Es gibt auch einen Thesenanschlag von King: 1966 heftete er 48 Thesen an die Tür des Rathauses von Chicago und prangerte die Geschäftemacherei mit Unterprivilegierten im Schwarzengetto der Stadt an.

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Steve Jobs' Leistungsprinzip

Der US-amerikanische Unternehmer wurde adoptiert und wuchs in einer reformierten Familie auf. Steve Jobs war eine der bekanntesten Persönlichkeiten in der Computerbranche. Der Mitbegründer und langjährige Leiter des Apple-Konzerns sah sich in der Tradition einer protestantischen Leistungsethik: Produktivität, Fleiß, Leistungswille. Also passt auch er in die Schau am Hauptwirkungsort Luthers.

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Lucas Cranach der Ältere: "Das goldene Zeitalter"

Kein christliches Motiv, sondern ein Gemälde in humanistischer Tradition. Das Bild zeigt paradiesische Zustände. Tiere und Menschen paarweise, tanzend. Für die Fürsten, die es in Auftrag gegeben haben, verband sich mit der Reformation die Aussicht auf ein neues Blütezeitalter. Es ist das letzte Exponat der Ausstellung "Luther! 95 Schätze – 95 Menschen", die bis zum 13. November 2017 dauert.

In Wittenberg, dem geografischen Kernpunkt der Reformation, zeigt eine besondere Schau den Protagonisten von seiner menschlichen Seite, dazu Personen, die von ihm beeinflusst wurden, und historische Kostbarkeiten.

Aller guten Dinge sind drei, heißt es. In der Tat sind es drei herausragende Nationale Ausstellungen, die sich 2017 anschicken, die Besucher mit 500 Jahren Reformation in ihren Bann zu ziehen: Die Berliner Ausstellung "Der Luther-Effekt" nimmt den internationalen Protestantismus in den Blick. Die Schau auf der Wartburg bei Eisenach zeigt die Beziehung Luthers zu den Deutschen. Und am 13. Mai startete in Luthers Hauptwirkungsort Wittenberg "Luther! 95 Schätze – 95 Menschen".

Denkwürdiger Ausstellungsort

Gezeigt wird diese Ausstellung im Wittenberger Augusteum, gewissermaßen dem Epizentrum revolutionärer Veränderungen vor einem halben Jahrtausend. Es ist der Ort, an dem der Reformator lehrte, lebte, litt und liebte. "Das Augusteum ist das Vordergebäude zum Lutherhaus. Es ist ein Universitätsgebäude, das zu Beginn der 1580er Jahre errichtet worden ist", erzählt Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und Kurator der Schau. Auf rund 1200 Quadratmetern in einem der am besten erhaltenen Universitätsgebäude Deutschlands will Rhein zunächst "den jungen Menschen Martin Luther auf dem Weg zur Reformation begleiten".

Wie sah Luthers Kinder- und Jugendzeit aus? Welche religiösen Vorstellungen und Ängste haben ihn geprägt? Mit welchen Gedanken hat er sich auseinandergesetzt? Und dann auch das: "Wie kommt es, dass sich ein Mansfelder, der aus der Familie Luder stammt, ab dem 31. Oktober 1517 Martin Luther nennt. Dieser Tag des Thesenanschlags ist nicht nur ein weltgeschichtlicher, sondern auch ein biografischer Bruch", sagt Stefan Rhein im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Exponate, die es in sich haben

Deutschland Ausstellung LUTHER! 95 SCHÄTZE – 95 MENSCHEN |

Blick in die Ausstelung

Das Umsetzen der Schau sei nicht einfach gewesen, gesteht der Kurator, "denn die Reformation ist ein Text-Ereignis" gewesen. Doch vieles von dem, was Luther geprägt hat, könne man eindrucksvoll in der Bilderwelt des Spätmittelalters zeigen. Und so gehört zu den Exponaten auch ein sogenanntes Pritschenbrett, mit dem in Mansfeld Schüler gezüchtigt wurden. Vielleicht ein Grund dafür, dass Luther sich später für eine offene Pädagogik eingesetzt habe, mutmaßt Rhein.

Besonders stolz ist er auf zwei Glanzstücke aus Papier. Das eine gibt Antwort auf die Frage, ob der Thesenanschlag historisch oder fiktiv ist: "Wir präsentieren eine Notiz von Georg Rörer, einem engen Mitarbeiter Luthers. Auf dem Schlussblatt einer Bibel schreibt er: 'Am Vorabend zu Allerheiligen sind von Martin Luther Thesen an die Tür der Wittenberger Kirchen geheftet worden.'"

Ein Brief Luthers, verfasst an jenem besagten Tag, also dem 31. Oktober 1517, ist für Kurator Rhein das absolute Highlight der Schau. Der liegt sonst in einem Stockholmer Archiv und wird normalerweise nicht öffentlich gezeigt. "Das ist die Geburtsurkunde des Reformators Martin Luther. Den Brief schreibt Luther an Erzbischof Albrecht, den wichtigsten Repräsentanten der katholischen Kirche in Deutschland. Er kritisiert darin den Ablasshandel und legt ihm die 95 Thesen gegen die Praxis des Ablasshandels bei."

95 Typen und Charaktere

Die 95 historischen Schätze sind aber nur die eine Hälfte der Ausstellung. Nicht minder spannend ist sie, wenn sie 95 Menschen aus fünf Jahrhunderten vorstellt, die von Luther beeinflusst wurden oder die sich an ihm gerieben haben. "Die Wirkungsgeschichte Luthers wird zumeist in Epochen erzählt. Wir wollen einen anderen Weg gehen und den Menschen Luther in Gespräche mit anderen Menschen verwickeln."  Also wurde dessen Wirkungsgeschichte auf die besagten 95 internationalen Menschen herunter gebrochen. "Wir haben mit ihnen so eine Art Gipfelgespräch mit Luther zu Themen wie Arbeit, Dienst, Freiheit oder Gemeinschaft geschaffen", erzählt der Kurator.

Themenseiten

Deutschland Ausstellung LUTHER! 95 SCHÄTZE – 95 MENSCHEN | Plakat zur Ausstellung Reiner Haseloff

Sogar Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff wirbt für die Schau

Dazu gehören natürlich Leute, die man erwarten kann: der Komponist Johann Sebastian Bach, der Liederdichter Paul Gerhardt oder der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Aber: "Wer weiß schon, dass ein Filmemacher wie Pier Paolo Pasolini "Lettere luterane" geschrieben hat, sich also als Rebell in die Tradition Luthers stellt?", fragt Stefan Rhein. "Wir zeigen auch erstmals das Luther-Bild, das der große Verleger Axel Springer ständig in seinem Arbeitszimmer hängen hatte, weil er sich ganz eng mit Luther verbunden fühlte."

Allerdings sind nicht allein Bewunderer Luthers ausgesucht worden. Rhein unterstreicht gegenüber der DW: "Wir betreiben da keine Heroen-Verehrung, sondern da sind auch kritische Stimmen dabei." Wie etwa der Schriftsteller Thomas Mann, der den Reformator mitverantwortlich machte für die deutsche Katastrophe im Zweiten Weltkrieg. "Oder – ganz schlimm – Leute, die Luther instrumentalisiert haben, wie der NS-Politiker Julius Streicher, der im Nürnberger Prozess sagte: 'Eigentlich müsste nicht ich hier auf der Anklagebank sitzen, sondern Luther.' Streicher meinte seinen Antisemitismus mit dem Antijudaismus Luthers entschuldigen zu können."

Besucher aus aller Welt

Deutschland Dr. Stefan Rhein betrachtet die Kreideinschrift von Zar Peter I. Sachsen Anhalt

Kurator Dr. Stefan Rhein in seinem Metier

Wittenberg – vor 500 Jahren gewissermaßen der Nabel der Welt – war für wenige Jahre Schauplatz spannender Ereignisse an der Schwelle von Mittelalter und Neuzeit. Die Nationale Sonderausstellung "Luther! 95 Schätze – 95 Menschen" fängt vieles davon ein und von dem, was sich daraus entwickelte. Die 319 Exponate wurden von 145 Leihgebern zur Verfügung gestellt und kommen aus 21 Ländern.

Prognosen zur Besucherzahl möchte Kurator Stefan Rhein nicht wagen. Er ist sich aber schon heute sicher, dass bis zum 5. November 2017 neben den Deutschen besonders viele US-Amerikaner und Südkoreaner den Ereignissen im Epizentrum der Reformation nachspüren werden. In beiden Ländern gebe es zahlreiche evangelische Christen, und die Bürger beider Nationen seien ausgesprochen reisefreudig.

TV-Thementag: 500 Jahre Reformation. Alles rund um Martin Luther und die Reformation am 31.10.2017 einen ganzen Tag lang bei DW Deutsch und in unserem Online-Special auf dw.com/kultur. Beginn 6 Uhr UTC (7 Uhr MEZ). Livestream: http://www.dw.com/de/media-center/live-tv/s-100817

 

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