Masha Gessen analysiert Putins Russland

In ihrem Buch "Die Zukunft ist Geschichte" folgt die Publizistin dem Weg Russlands von der Perestroika bis heute. Für ihr scharfsinniges Werk erhält sie den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Masha Gessen gehört nicht zu den Menschen, die glauben, russische Einflussnahme habe Trump an die Macht gebracht. Dafür wurde die Journalistin, die für das Magazin "The New Yorker" schreibt, kürzlich auf Twitter als "bezahlte Propagandistin für Putin" bezeichnet, wie ihr ebenso publizistisch arbeitender Bruder Keith in dem Magazin erzählte. Das Paradoxe daran: Tatsächlich gehört Masha Gessen zu den schärfsten Putin-Kritikern der USA.

Am Mittwoch (20. 3. 2019) wird die bekannte Publizistin im Rahmen der Eröffnung der Buchmesse mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrt. In ihrem neuesten Buch "Die Zukunft ist Geschichte" analysiert sie, "wie Russland die Freiheit gewann und wieder verlor", so der deutsche Untertitel. Der Preis würdigt dieses Werk, das 2017 mit dem englischen Titel "The Future is History. How Totalitarism Reclaimed Russia" in den Vereinigten Staaten erschien, und das sein Fazit schon mit dem Untertitel bekanntgibt: Putin sei dabei, erneut einen totalitären Staat zu erschaffen.

Ein russisch-amerikanisches Leben

Buchcover von "Die Zukunft ist Geschichte"

Masha Gessen hat eine mehrfache Migrationsgeschichte. 1967 in Moskau geboren, wanderte sie mit ihrer jüdischen Intellektuellenfamilie 1981 in die USA aus. Als angehende Journalistin berichtet sie Ende der Achtzigerjahre begeistert vom vermeintlichen Aufbruch ihres ersten Heimatlandes zu Freiheit und Demokratie. 1994 kehrt sie nach Russland zurück und schreibt für russische und amerikanische Printmedien.

Sie findet in Russland ihre Lebenspartnerin, adoptiert einen Jungen, dessen Eltern an Aids gestorben waren, wird zur Kämpferin für Demokratie und Menschenrechte, zur LGBT-Aktivistin, und sie beginnt Bücher zu schreiben. 2011 erscheint ihre Enthüllungsbiografie Wladimir Putins, "Der Mann ohne Gesicht". Als eine von wenigen Journalisten hat sie selbst mit dem russischen Präsidenten gesprochen, und bis heute verfolgt sie jede seiner öffentlichen Äußerungen genau. 2013, als sie fürchten muss, vor dem Hintergrund einer neuen Gesetzgebung gegen Homosexuelle und Adoptionen durch Amerikaner ihren Sohn zu verlieren, wandert sie mit ihrer Familie erneut aus. Sie lebt mit ihrer Frau und drei Kindern in Manhattan. Seit einigen Jahren arbeitet sie für "The New Yorker". Einen russischen Pass hat sie immer noch, neben dem amerikanischen.

Gessen dokumentiert den Tod der russischen Demokratie

"Zwanzig Jahre lang habe ich den Tod der russischen Demokratie dokumentiert, die nie wirklich lebensfähig geworden war", schreibt die Autorin im Prolog ihres in den USA schon mit dem National Book Award ausgezeichneten Buches. Warum die Freiheit nicht ergriffen wurde, warum die Demokratie in Russland nicht wirklich erwünscht war, ist die Ausgangsfrage von "Die Zukunft ist Geschichte". Um sie zu beantworten, hat sie sieben Hauptfiguren ins Zentrum ihres mehr als 600 Seiten dicken Buches gestellt: Shanna, Mascha, Serjosha und Ljoscha, die in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre geboren wurden und den Zerfall der Sowjetunion noch als Kinder erlebt haben.

Shanna Nemzowa im Gespräch mit Masha Gessen

Darüber hinaus sprach sie mit drei Wissenschaftlern, die als Gesprächspartner den Verlust des Erkenntnisinstrumentariums, Menschen und eine Gesellschaft zu analysieren, schildern, eines Instrumentariums, das sie sich in der sowjetischen und der postsowjetischen Zeit angeeignet hatten: die Psychoanalytikerin Marina Arutjunjan, der Soziologe Lew Gudkow, und der Philosoph und politische Aktivist Alexander Dugin. Diese Protagonisten haben, abgesehen von Dugin, der zum rechtsnationalistischen Vordenker der russischen Reaktion wurde, der Autorin über ein Jahr lang in vielen Gesprächen von ihrem Leben berichtet.

Gesellschaftsanalyse aus subjektiver Perspektive

Anders als die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch geht sie den Veränderungen der sowjetischen zur postsowjetischen russischen Gesellschaft nicht mit den Mitteln der literarischen Reportage nach. Masha Gessen dokumentiert die Leben ihrer Protagonisten zwar ganz aus deren subjektiv geschilderter Wahrnehmung, aber sie bettet sie ein in historische, politische und geistesgeschichtliche Analysen. Weit aufgefächerte Stränge, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückführen und in die ein zahlloses historisches Personal eingewoben ist. Der umfangreiche Anmerkungsapparat belegt diese Verknüpfungen, durch die sich das Buch passagenweise wie ein wissenschaftliches Werk liest - und weniger wie ein "Gesellschaftsroman", wie es der Verlag im Klappentext nahelegt.

Keines der Leben von Gessens vier jungen Heldinnen und Helden verlief geradlinig oder störungsfrei. Eine der Frauen, deren Leben die Autorin nachzeichnet, ist die 1984 geborene Shanna Nemzowa, deren Vater Boris Nemzow vor vier Jahren bei einem Spaziergang in Sichtweite der Kremlmauern ermordet wurde. Unter Boris Jelzin hatte der einstige Gouverneur von Nischni Nowgorod noch als Hoffnungsträger und möglicher Nachfolger gegolten. Die Tochter des Putin-Kritikers kam 2015 als 31-Jährige nach Deutschland und arbeitet seitdem für das russische Fernsehprogramm der Deutschen Welle.

Der "Homo sovieticus" ist nicht ausgestorben

Mascha, die andere weibliche Hauptfigur, schlägt sich mit halblegalen Geschäften durch, ehe sie sich den Protestpunkerinnen von Pussy Riot und anderen Oppositionsgruppen anschließt. Serjosha, dessen Großvater Alexander Nikolajewitsch Jakowlew zu den Spitzenfunktionären der Partei gehörte und der schon früh Reformen einforderte, wuchs hinter einer Wand aus Privilegien auf. Er wird unter Putin zum Regierungskritiker, geht für den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny auf die Straße. Der Homosexuelle Ljoscha kämpft nach seinem mutigen Coming Out an einer Provinzuniversität dafür, LGBT-Themen im Lehrstoff zu etablieren. Er verliert seine Stelle als Dozent in Perm.

Masha Gessen

Masha Gessen schildert die Entwicklung Russlands als das Abgleiten in einen Mafia-Staat mit Putin als Paten. Eine maßgebliche Rolle spielt im postkommunistischen Vakuum der Neunzigerjahre dabei die Rückkehr zu nationalistischen Werten, der Herrschaftsausbau des Geheimdienstes und die organisierte Kriminalität. Der Menschentypus des "Homo sovieticus" sei nie überwunden und der Aufbruch in die Freiheit deshalb verhindert worden, bilanziert die Preisträgerin.

Masha Gessen: "Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und wieder verlor", Suhrkamp 2018, 639 Seiten

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