Mays letzte Verbündete

Die britische Premierministerin Theresa May scheint politisch am Ende. Einsam ist sie schon lange. Doch auf Angela Merkel kann sie bis zuletzt zählen.

Sie haben viel gemeinsam, die 64 Jahre alte Angela Dorothea Merkel und die zwei Jahre jüngere Theresa Mary May. Das beginnt schon mit ihrer familiären Herkunft: Beide sind Pfarrerstöchter. Die protestantische Umgebung förderte Verantwortungsbereitschaft und bremste persönliche Eitelkeit. Dazu kommen bei beiden Pragmatismus und eine Beharrlichkeit, die mitunter an Starrsinn grenzt. Herkunft und Charakter haben beiden geholfen, zunächst eher unauffällig und oft unterschätzt, sich bis an die Spitze männerdominierter Parteien und schließlich bis ins höchste Regierungsamt vorzuarbeiten. Ihr Frau-Sein haben sie dabei nie besonders zum Thema gemacht.

May leistet sich als einzige Extravaganz ihren Schuh-Tick

Parteien der rechten Mitte sind es, die zu Angela Merkel und vor allem zu Theresa May passen: pragmatische Parteien wie sie selbst, Parteien, die sich mehr auf gesunden Menschenverstand als auf eine Vision berufen. So haben sie Politik gemacht. Die britische Tageszeitung "Daily Telegraph" nannte die Premierministerin einmal "Mutti May", nach Meinung des Kommentators schienen beide ein wenig zu verschmelzen.

Bei einem großen Thema sind Merkel und May allerdings völlig unterschiedliche Wege gegangen, nämlich in der Migrations- und Flüchtlingspolitik. Für Merkel gab es "keine Obergrenze" für Asylsuchende und Flüchtlinge. Sie sagte 2015, Grenzen könne man gar nicht schließen. Die damalige britische Innenministerin Theresa May nannte eine solche Vorstellung dagegen "defätistisch und falsch". Bereits 2012 wollte sie in Großbritannien eine "für illegale Einwanderer wahrhaft feindselige Atmosphäre" schaffen.

Merkels offenen Grenzen setzte May eine "feindselige Atmosphäre" entgegen

Auch Merkel fehlt das Europa-Pathos

Beim Brexit dagegen liegen Merkel und May gar nicht so weit auseinander, wie es heute scheinen mag. May ist Kind ihres Landes, das der europäischen Idee traditionell distanziert gegenübersteht. Aus pragmatischen, vor allem wirtschaftlichen Gründen war sie aber für den Verbleib ihres Landes in der EU. Merkel ihrerseits geht das europapolitische Pathos beispielsweise eines Helmut Kohl völlig ab. Ihre Europaidee ist vernunftgesteuert - letztlich wie bei May.

Als das britische Referendum 2016 eine knappe Mehrheit für den Ausstieg brachte, schwenkte die Brexit-Gegnerin May um und fühlt sich seitdem verpflichtet, das Ergebnis so umzusetzen, dass möglichst wenig Schaden für ihr Land entsteht. Bei diesem Kurs ist sie geblieben, gegen alle Widerstände aus der eigenen Konservativen Partei und dem Parlament. 

Auf dem Kontinent hat sich die derart Getriebene damit keine Freunde gemacht. Je länger ihr Lavieren dauert, desto einsamer ist es in der EU um sie geworden. Diejenige, die vielleicht am meisten zu ihr gehalten hat, war Angela Merkel. Kaum einer der europäischen Staats- und Regierungschefs hat das Brexit-Votum mehr bedauert als sie. Wohl niemand hat sich so sehr um eine Ausstiegsregelung bemüht, die May zuhause helfen würde.

In Brüssel ist es sehr einsam um May geworden, doch Merkel bleibt verständnisvoll

Während andere Regierungschefs und EU-Vertreter zunehmend die Nerven mit Großbritannien verlieren, bleibt Merkel sachlich. EU-Ratspräsident Donald Tusk wünschte sich kürzlich für die Brexit-Anhänger "einen besonderen Platz in der Hölle". Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die Brexiteers im vergangenen Jahr bei einem EU-Gipfel "Lügner" genannt - was nicht gerade zur Versachlichung der Diskussion beitrug. Noch beim jüngsten EU-Gipfel vergangene Woche mit seiner dramatischen Brexit-Debatte riet Merkel, man müsse "behutsam vorgehen. Wir müssen bis zuletzt alles daran setzen, dass es einen geregelten Austritts Großbritanniens aus der EU geben kann." Macron und Tusk dagegen gaben einer solchen Lösung kaum noch Chancen.

Genützt hat es wenig

Ob May die Unterstützung Merkels je genützt hat, ist eine andere Frage. Anfangs vermutlich schon, denn die Regierungschefin des mächtigsten Landes der EU zählt. Für Merkel sprach auch, dass sie nie versucht hat, in die öffentliche Debatte in Großbritannien lenkend einzugreifen. Nichts kam auf der Insel so schlecht an wie die Belehrungen und Drohungen von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker oder des damaligen US-Präsidenten Barack Obama kurz vor dem Referendum, wie die Briten am besten abstimmen sollten.

Wenig hat der innerbritischen EU-Debatte mehr geschadet als Junckers Belehrungen

Doch die Lage heute ist völlig anders: Die Fronten sind verhärtet, zwischen der EU und Großbritannien und innerhalb der britischen Politik. Außerdem hat Angela Merkel den größten Teil ihrer früheren Macht und Theresa May fast alles davon verloren: Merkel will nach dem Ablauf der Legislaturperiode 2021 abtreten, Spekulationen eines vorzeitigen Abtritts machen die Runde. Und May hat ihren Rücktritt angeboten, wenn das Parlament ihrem Brexit-Abkommen doch noch zustimmt. Beide machen vorerst weiter, solange man sie lässt und sie glauben, dem Land damit einen Dienst zu erweisen. Das haben die beiden Pfarrerstöchter verinnerlicht.

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