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Medizinprofessor: Ärzte brauchen mehr Zeit für Patienten

9. Februar 2017

Patienten nehmen die Medizin als immer technischer wahr und fühlen sich kaum ernst genommen. Das fördert auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Homöopathie in Deutschland, sagt Rheumatologe Hendrik Schulze-Koops.

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Arzt Patient
Bild: Colourbox

Deutsche Welle: Herr Prof. Schulze-Koops, die Homöopathie ist eine nicht evidenz-basierte Lehre - sie stützt sich nicht auf wissenschaftliche Methoden. Sie stellt nicht einmal diesen Anspruch an sich selbst. Da kann man sich fragen, welche Rechtfertigung sie im medizinischen Bereich hat. Die Russische Akademie der Wissenschaften hat sich jetzt in einem Memorandum klar gegen die Homöopathie ausgesprochen. Warum fällt es deutschen Wissenschaftsinstitutionen schwer, eine ähnlich klare Position zu beziehen?

Hendrik Schulze-Koops: Ich war persönlich vor einigen Jahren von der österreichischen Boltzmann-Gesellschaft eingeladen worden, um dort Anträge zu evaluieren. Sie hatten zwar nicht homöopathische, aber immerhin alternativtherapeutische Verfahren als Untersuchungsgegenstand.

Und schon dort hatten wir uns die Frage gestellt: 'Warum machen wir in Österreich und Deutschland eigentlich so viel alternativtherapeutische Verfahren?' Damals haben wir ein sehr interessantes Gespräch unter Kollegen geführt, wo es darum ging, wie wir wissenschaftlich basierte Fragestellungen an diese Methoden anlegen und Verfahren testen können. Wir mussten konstatieren, dass das eigentlich über Jahre hinweg vergessen worden war - in vielen alternativmedizinischen Bereichen.

Ich kann aus wissenschaftlichen Gründen die harte Position der Russischen Akademie der Wissenschaften gut verstehen. Homöopathie betrachte ich ausdrücklich anders als andere alternativmedizinische Verfahren  - etwa die Pflanzenheilkunde oder die Jahrtausendealte chinesische Medizin. Letztere kann man durchaus auf dem Boden der Wissenschaft betrachten - also im Sinne einer grundlegenden Methode zur Überprüfung von Zusammenhängen und nicht als Weltanschauung.

Hendrik Schulze-Koops, Uniklinikum der Universität München
Schulze-Koops lehrt am Uniklinikum in MünchenBild: LMU - Medizinische Fakultät

Man muss sich also auch mit alternativen therapeutischen Verfahren als Wissenschaftler beschäftigen. Es reicht indes nicht, sich dem Thema nur als Arzt zu widmen, weil die Methoden dann nur sehr schwer zu evaluieren sind. Unter der Voraussetzung einer entsprechenden wissenschaftlichen Evaluation haben wir damals auch eine Förderempfehlung ausgesprochen.

Wie kommt es, dass sich Homöopathie der wissenschaftlichen Methodik über die Jahrzehnte so gut entziehen konnte?

Es sind historisch gewachsene Strukturen im Bereich der Medizin, die das weiterhin aufrecht erhalten - und wenn man ehrlich sein will: Gegen jedes bessere Wissen der Wissenschaft.

Auf der einen Seite haben wir in Deutschland eine unglaubliche Vielfalt verschiedener Möglichkeiten, sich zu entfalten. Das ist ein Liberalismus, der uns einerseits auszeichnet, andererseits aber manchmal auch Schwierigkeiten macht. Er ist Teil einer langfristig angelegten und geschützten Gesundheits-Strukturversorgung in Deutschland.

Dafür lässt er auch historische Argumente gelten, etwa nach dem Muster: 'Die waren schon immer da, also können sie nicht schlecht sein.' Das ist zwar Quatsch, aber es gibt tatsächlich historisch gewachsene Strukturen und dadurch gegebene Einflussnahmen.

Allerdings ist es auch in Deutschland durchaus nicht so, das Homöopathie überall großzügig finanziert wird. Ich habe gerade nochmal nachgeschaut: Es gibt nur ein einziges Forschungsprojekt in der gesamten Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), in dem der Begriff "Homöopathie" auftaucht. Es ist erstaunlicherweise kein medizinisches Forschungsprojekt, sondern ein betriebswirtschaftliches.

Das ist auch ein wertvoller Hinweis. Warum gibt es überhaupt einen Markt für Homöopathie? Was macht die Attraktivität dieser Lehre für die Patienten aus?

Der Homöopathie darf man eins nicht absprechen: Das tatsächliche Bedürfnis, die medizinische Versorgung nicht nur durch Laborwerte und technische Details darzustellen, sondern den Patienten als Menschen wahrzunehmen. In den homöopathischen Rechtfertigungsschriften nimmt die Zuwendung zum Patienten immer einen großen Stellenwert ein.

Die Art und Weise der Interaktion mit dem Patienten macht durchaus auch einen großen Teil der Erfolge in der Schulmedizin aus. Wir dürfen diesen Aspekt nicht hinten herunterfallen lassen.

Da gehört es vielleicht einfach dazu, dass wir diese Strömung in Deutschland haben und dass die Homöopathie hier auch von Krankenkassen bezahlt wird - obwohl jeder weiß, dass es keine Studien gibt, die die Wirksamkeit der Mittel in einer definierten Indikation belegen würden.

Der alte Vorwurf: Schulmedizin bzw. "Gerätemedizin" ist distanziert und kalt… 

Es trägt sicher auch zur Akzeptanz der Homöopathie bei, dass sich viele Patienten in der Schulmedizin behandelt fühlen wie eine Nummer. Die Vergütungsstruktur und die dadurch bedingte Personalausstattung in der Medizin in Deutschland berücksichtigt die 'sprechende Medizin', also die Zuwendung des Arztes zum Patienten, praktisch überhaupt nicht.

Anstelle dessen gehen wir in eine Apparatemedizin, wo es vielleicht irgendwann soweit kommt, dass selbst die Analyse von Blutproben in ein Billigland 'outgesourct' wird. Und, überspitzt gesagt, schreibt dann der Computer die Diagnose.

Wenn wir weiter in diese Richtung gehen, werden wir der Homöopathie sehr viel Vorschub leisten, weil das [die Gerätemedizin] nicht das ist, was der Patient wirklich braucht, um als Mensch ernst genommen zu werden.

Und das Ganze ist letztlich auch gepaart mit der fehlenden Ausbildung der Ärzte zur Wissenschaft im Studium. Leider muss man das auch sagen: Ein Arzt, der hier fertig ist, hat oft überhaupt nicht gelernt, was Wissenschaft ist - selbst wenn er einen Doktortitel trägt.

Das Medizinstudium ist in vielen Bereichen nicht viel Anderes, als das Auswendiglernen von Fakten. Die Auseinandersetzung mit einem Patienten, vielleicht sogar mit einem chronisch kranken Patienten, kommt in der Ausbildung viel zu kurz.

Eigentlich stellen wir alle uns unter einem Arzt-Patienten-Kontakt etwas Anderes vor. Und das ist sicher auch ein Grund, dass man nicht sehr scharf gegen die Homöopathie angeht und sagt: 'Das kann es ja wohl nicht sein!'

Wenn die Medizin die Homöopathie in den eigenen Rängen duldet, geht sie aber doch das Risiko ein, dass sie sich selbst entwertet - also dem Vorwurf der Beliebigkeit aussetzt.

Das ist richtig, aber mit einer Einschränkung. Die Homöopathie führt die intensive Betrachtung des Patienten ins Feld. Die Ernsthaftigkeit der Betrachtung seiner Situation findet aus Sicht des Patienten in der Hochfrequenz-Medizin so nicht statt. Sie kann auch nicht von den niedergelassenen Ärzten, den Krankenhäusern oder der Hochschulmedizin so geleistet werden.

Selbst an Hochschulen, wo wir lehren und neue Sachen ausprobieren sollten, werden wir - wie die kommunalen Krankenhäuser auch - mit Pauschalen nach Diagnosen bezahlt, nicht nach Zuwendung zum Patienten

Dann müsste aber eigentlich die richtige Forderung lauten: Die Schulmediziner brauchen mehr Zeit für ihre Patienten.

Das ist eine plakative aber richtige Forderung, die in vielen Facetten durchgesetzt werden muss: Nicht zuletzt auch bei der Finanzierung. Aber es geht um mehr als nur das Geld: Wenn die Schulmedizin sich darauf besinnen würde, dass Medizin mehr ist, als Laborwerte auseinanderzuklamüsern und auswendig zu lernen, welche Konstellationen es gibt, dann würde - glaube ich - der homöopathischen Idee ganz schnell das Wasser abgegraben.

Alternativ zur Schulmedizin - Homöopathie
Homöopathie will Ähnliches mit Ähnlichem heilen. Aber die Wirkstoffe sind verdünnt und oft nicht mehr nachweisbar. Bild: picture-alliance/ZB/H. Wiedl

Dann stellt sich nämlich heraus, dass der Schulmediziner, der sich Zeit für seinen Patienten nimmt und richtig auf ihn eingeht, mit seinem evidenzbasierten Wissen etwas tun kann, was der Homöopath im Vergleich nicht annähernd so erfolgreich machen kann, weil es keinen nachweisbaren wissenschaftlich haltbaren Effekt einer homöopathischen Therapie gibt.

Wenn Ärzte mehr Zeit hätten, könnten sie auch besser den Unterschied zwischen Schulmedizin, seriösen Naturheilverfahren und Homöopathie erklären. Viele Laien halten Homöopathie fälschlicherweise für ein Naturheilverfahren. So wird es Kunden oft auch in Apotheken suggeriert.

Auf der einen Seite ist es vielleicht fehlendes Wissen derjenigen, die die Kunden aufklären sollen. Es stehen ja nicht nur studierte Apotheker, sondern durchaus auch mal die Lehrlinge am Verkaufstresen.

Es mag auch sein, dass es ein ursprünglicher Geschäftsbereich ist, der den Apotheken noch bleibt. Früher haben sie ja noch selbst Medikamente hergestellt. Heute verkaufen Apotheken vor allem verpackte Produkte aus einem elektronischen Zugangsarchiv.

Und dann haben wir dort wieder den Kontakt, den der Patient sucht, zu jemandem, den er beim Arzt nicht findet. Häufig wird dann der Apotheker als derjenige genommen, der - zumindest für den Patienten nicht unterscheidbar - eine genauso fundierte Aussage macht. Und da sind wir wieder bei dem Punkt: Der Patient möchte ernst genommen werden und braucht auch den menschlichen Kontakt, den wir in der Medizin zunehmend abschaffen.

Prof. Dr. med. Hendrik Schulze-Koops ist Inhaber der Schwerpunktprofessur Rheumatologie und Klinische Immunologie am Klinikum der Universität München. In der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ist der Arzt Sprecher des Fachkollegiums Medizin.

Das Interview führte Fabian Schmidt.