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Interview Bade Fachkräftemangel

21. Juni 2011

In Deutschland fehlen Fachkräfte. Ist mehr Ausbildung nötig, oder müssen verstärkt Einwanderer kommen? Fragen an Klaus J. Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

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Ein Maschinenbauer arbeitet an einer Dampfturbine in einem Turbinenwerk in Görlitz (Foto: AP/2007)
In Deutschland werden künftig Millionen Arbeitskräfte fehlenBild: AP

DW-WORLD.DE: In Bereichen wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (kurz MINT) mangelt es in Deutschland an Fachkräften. Aber neben Ingenieuren fehlt es auch an Pflegepersonal und Ärzten. Inwieweit lässt sich das Problem durch mehr Ausbildung in Deutschland lösen?

Klaus J. Bade (Foto: DW)
Klaus J. BadeBild: DW

Klaus J. Bade: Wir brauchen zweierlei. Erstens Qualifikation und nachholende Qualifikation für diejenigen, die in dieser Hinsicht den Zug verpasst haben. Wir brauchen außerdem die Förderung qualifizierter Zuwanderung. Nur wenn wir beides tun, wird ein Schuh daraus. Denn wir werden nach allem, was wir wissen - und da stimmen alle Institute überein - 2025 um die fünf bis sechs Millionen Arbeitskräfte zuwenig haben. Darunter bis zu 2,4 Millionen fehlende Akademiker. Das baut sich langfristig auf und wir müssen mittelfristig schon gegensteuern. Zuwanderungsförderung darf aber die Unternehmen nicht aus ihrer Qualifikationspflicht entlassen. Man wird bei der Frage, welche Bereiche sollen insbesondere bei der Qualifikation und bei der Zuwanderungsförderung berücksichtigt werden, immer ganz genau hinsehen müssen. Deswegen ist es wichtig, ein möglichst flexibles Steuerungssystem zu haben. Ein Vorbild könnte dabei die österreichische Rot-Weiß-Rot-Karte sein.

Wie funktioniert diese Karte?

Das ist im Grunde eine flexibilisierte Greencard, wie es sie in Deutschland auch mal gegeben hat. Ein System, in dem von Jahr zu Jahr - aber auch in kürzeren Abständen - festgelegt werden kann, welche Arbeitskräfte gerade fehlen und in welchen Bereichen Zuwanderung erleichtert werden sollte.

Für welche Bereiche wäre denn derzeit eine Qualifikation im Lande besser bzw. eine geförderte Zuwanderung?

Wir haben bereits drei Bereiche, in denen es ganz vernehmlich knirscht. Das sind zum einen die Bereiche Ingenieure und Maschinenbauer. Und - ganz anders - der Bereich Altenpflege, wo wir noch immer sehr viele irreguläre Beschäftigungsverhältnisse haben. Es sind vor allem Polinnen, die hier inzwischen zwar regulär arbeiten dürfen, das aber nicht tun, weil sie sonst zu wenig verdienen würden. Und die Alten und Kranken das trotzdem nicht bezahlen könnten, weil die Pflegekostentarife nicht stimmen. Hier haben wir ein Beispiel dafür, dass wir uns nicht nur um Qualifikation und qualifizierte Zuwanderung kümmern, sondern auch die Strukturen ändern müssen, damit wir uns selber helfen können.

Was ist bei den Ingenieuren und Maschinenbauern notwendig?

Da können wir dreierlei tun: Erstens qualifizieren und nachqualifizieren. Zweitens im Sinne des Anerkennungsgesetzes viele - ich vermute mal einige zehntausend - Zuwanderer wieder in den Arbeitsmarkt einbringen, deren Diplome nicht anerkannt worden sind. Und drittens kann man sich darüber hinaus um Zuwanderungsförderung in diesen beiden Bereichen bemühen. Das wichtige ist, dass man das nicht in einem sehr verkrusteten System nacheinander paragrafenschwer und formularbehaftet tun sollte sondern möglichst flexibel nebeneinander. Es ist eine zigfach widerlegte Milchmädchenrechnung, dass die ersten qualifizierten Zuwanderer in größerer Zahl bei den Ausländerbehörden erst dann vorsprechen sollten, wenn die letzten gerade noch qualifizierbaren Langzeitarbeitslosen vom Jobcenter vermittelt worden sind.

Kann der Fachkräftemangel in Deutschland noch durch genug Arbeitnehmer aus anderen EU-Staaten gelöst werden?

In der EU gilt Freizügigkeit. Da ist nichts zu steuern. Da muss der Arbeitsmarkt attraktiv genug sein, damit Menschen kommen. Es wird voraussichtlich so sein, dass die derzeitige wirtschaftliche Situation dazu führt, dass Arbeitskräfte noch nach Deutschland kommen - auch aus der EU, weil Deutschland derzeit der Krisengewinner ist. In vielen anderen europäischen Ländern ist das nicht der Fall. In Spanien gibt es eine Jugendarbeitslosigkeit von über 40 Prozent. Das ist fast vier Mal so viel wie in der Bundesrepublik. Und seit die Bundeskanzlerin im Februar in Spanien war und dort gesagt hat, wir seien daran interessiert, qualifizierte und hochqualifizierte Kräfte aufzunehmen, stürmen die Spanier jetzt die Sprachschulen, um Deutsch zu lernen, damit sie nach Möglichkeit hier in einem Jahr auftreten können. Es ist aber nach wie vor so, dass Deutschland nicht mehr so attraktiv ist wie früher. Es ist von einer ganzen Reihe Länder überholt worden. Deutschland war mal der Magnet für Arbeitskräfte, heute ist es nur noch Mittelfeld. Länder wie Großbritannien, Schweden, Österreich - jenseits der EU auch die Schweiz - liegen weit vor Deutschland.

Wie sieht es denn mit der Abwanderung von Fachkräften aus Deutschland weg aus?

Da kann man feststellen, dass in dem wanderungsintensivsten Dreieck innerhalb Europas, das Deutschland betrifft - Deutschland, Österreich und die Schweiz -, Deutschland ein ganz klarer Migrationsverlierer ist. Es gehen viel mehr Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit nach Österreich und in die Schweiz, als von dort zurückkommen. Und wenn man den ganz großen Bogen schlägt und dabei die Aussiedler aus der Ex-Sowjetunion herausrechnet, die immer als "rückwandernde Deutsche" gezählt wurden, dann kann man sagen, dass innerhalb von 15 Jahren - genauer gesagt von 1994 bis 2009 - eine halbe Million mehr Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit ins Ausland gegangen sind, als von dort aus zugewandert bzw. zurückgekehrt sind.

Müsste die Zuwanderung von Nicht-EU-Bürgern erleichtert werden, um den Fachkräftemangel in den Griff zu kriegen?

Vorlesung an der Universität in Magdeburg (Foto: dpa/2002)
In Deutschland fehlen derzeit insbesondere Ingenieure und MaschinenbauerBild: picture-alliance/dpa

Da gibt es drei Möglichkeiten, die der Sachverständigenrat vorgeschlagen hat: Erstens: Die Absenkung des Mindesteinkommens brutto pro Jahr von 66.000 Euro auf 40.000 Euro. Das ist das Geld, was der Arbeitgeber im ersten Jahr an den Zuwanderer, die Zuwanderin bezahlen muss. Zweitens sollte man sich darum bemühen, endlich zu begreifen, dass die ausländischen Studierenden in Deutschland die ideale Zuwanderergruppe sind. Sie sind jung, hochintelligent, sie sind kenntnisreich in ihren entsprechenden Fächern, sie sprechen Deutsch und sind interessiert und motiviert. Diesen Leuten sollte nicht nur ein Jahr nach Studienabschluss gegeben werden, sondern zwei Jahre, um hier eine Stelle zu finden. Und die Verpflichtung, nur das zu machen, was sie studiert haben, sollte nicht so eng gesehen werden. Der dritte Punkt wäre dann wiederum die Frage, ob man für bestimmte Bereiche im Sinne eines flexiblen qualifikationsorientierten Zulassungssystems die Zuwanderung erleichtern sollte. Hier könnte man innerhalb des MINT-Bereichs die Branchen in den Vordergrund stellen, in denen momentan der stärkste Mangel herrscht. Das wären jetzt Ingenieure und Maschinenbauer. Auch die Wirtschaftsweisen haben in ihrem letzten Gutachten ganz klar gesagt: entweder kann man es so machen, oder man wird mit einem abnehmenden Wirtschaftswachstum bezahlen müssen.

Klaus J. Bade ist einer der bekanntesten Migrationsforscher in Deutschland und Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Bade wirbt seit Anfang der 1980er Jahre für eine aktive Migrations- und Integrationspolitik. Der SVR gibt jedes Jahr das Jahresgutachten zu Integration und Migration heraus. Der Sachverständigenrat ist nach eigenen Angaben ein unabhängiges, wissenschaftliches Gremium, das zu integrations- und migrationspolitischen Themen Stellung bezieht.

Das Interview führte Klaudia Prevezanos
Redaktion: Pia Gram