Mein Europa: Serbiens Militärparade zwischen West und Ost

Die serbische Militärparade hätte am 20. Jahrestag der NATO-Luftangriffe auf Serbien im März stattfinden sollen. Dann wurde sie doch an den "Tag des Sieges" gebunden. Aber nicht so ganz, meint Andrej Ivanji.

Der Westen Europas feiert den Tag der Befreiung am 8. Mai. Der Osten zelebriert den Tag des Sieges am 9. Mai. Der Datumsunterschied ist historisch bedingt. Serbien, allerdings, feierte in diesem Jahr am Freitag, dem 10. Mai, in der Stadt Niš eine Militärparade anlässlich der Kapitulation von Nazi-Deutschland unter dem Slogan "Verteidigung der Freiheit". "Danas", eine der wenigen kritischen Zeitungen in Serbien, versuchte eine historische Begründung für die Vertagung zu finden, stellte jedoch lediglich fest, dass der 10. Mai internationaler Tag der Leibesübung ist.Es ist auch, zum Beispiel, der internationale Tag des Monty Python Status.   

Von offizieller Stelle kam keine Erklärung für den Aufschub der Militärparade, doch sie ist plausibel und gar nicht witzig, außer vielleicht für die Humorstandards des Fliegenden Zirkus von Monty Python: Am 9. Mai nahm Serbiens Staatspräsident Aleksandar Vučić an einer regionalen Konferenz in Tirana teil, und so wurde das zentrale Ereignis anlässlich des Siegestages seinen Verpflichtungen angepasst. 

Die Parade hätte nach der Vertagung den Eindruck vermitteln sollen, von antifaschistischen europäischen Werten inspiriert zu sein. Sie entpuppte sich aber als eine Machtdemonstration, eingespannt in den Ausbau des Personenkults des Staatsoberhaupts und obersten Befehlshabers. Vučićs Anwesenheit war wichtiger als der Respekt vor der Geschichte. 

Luftangriffe der NATO    

Und die jüngere Geschichte hängt wie ein Verhängnis über dem EU-Beitrittskandidaten Serbien. Die große Militärparade wurde zuvor für den 24. März geplant, dem 20. Jahrestag des Beginns der Luftangriffe der NATO auf Serbien und Montenegro, die fast drei Monate lang dauerten. Selbst für Serbien, dem der Westen (immer noch) den Spagat zwischen der Liebe zu Russland und Wladimir Putin und der pragmatischen Annäherung an die Europäische Union nachsieht, wäre das zu viel des Guten, warnte man in Washington und Brüssel. Man könnte es als Säbelrasseln deuten, zumindest als eine Provokation gegenüber der NATO, die nicht gern an die höchst zweifelhaften Beweggründe und Ergebnisse der Luftangriffe auf Serbien erinnert wird.

Vor 20 Jahren: NATO-Intervention gegen Serbien

Spuren des Krieges auf dem Amselfeld

Der Kosovo-Konflikt spitzt sich Ende der 1990er Jahre immer weiter zu. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht. Als alle Bemühungen um eine Befriedung der Region scheitern, beginnt die NATO am 24. März 1999 Luftangriffe auf serbische Militärbasen und strategische Ziele in Serbien. Nach elf Wochen lenkt Machthaber Slobodan Milošević schließlich ein.

Vor 20 Jahren: NATO-Intervention gegen Serbien

Scheitern des gewaltfreien Widerstandes

Bereits Mitte der 1980er Jahre beginnen im Kosovo Proteste gegen Versuche Belgrads, die Rechte der albanischen Bevölkerungsmehrheit zu beschneiden. In den 1990er Jahren nehmen die Repressalien massiv zu. Ibrahim Rugova, der seit 1989 die politische Bewegung im Kosovo führt, schwört auf gewaltfreien Widerstand und versucht, Slobodan Milošević zu einem Kurswechsel zu bewegen - ohne Erfolg.

Vor 20 Jahren: NATO-Intervention gegen Serbien

Bewaffneter Guerilla-Krieg

Im Kosovo formiert sich der bewaffnete Widerstand. Die selbsternannte Befreiungsarmee UÇK beginnt einen grausamen Guerilla-Krieg. Sie verübt gewaltsame Angriffe auf Serben, aber auch gegen Albaner, die sie für Kollaborateure hält. Auf die Terroraktionen reagiert Serbien mit Vergeltung: Häuser werden angezündet und Geschäfte geplündert. Hunderttausende Menschen ergreifen die Flucht.

Vor 20 Jahren: NATO-Intervention gegen Serbien

Systematische Vertreibung

Der Krieg wird immer brutaler. Um den Widerstand der UÇK und ihren Rückhalt in der Bevölkerung zu brechen, gehen die serbischen Streitkräfte verstärkt gegen Zivilisten vor. Viele Menschen flüchten in die Wälder. Tausende Kosovaren werden auch mit Zügen und Lastwagen an die Landesgrenzen gebracht - ohne Pässe oder andere Dokumente, die beweisen könnten, dass sie aus dem Kosovo stammen.

Vor 20 Jahren: NATO-Intervention gegen Serbien

Letzter Vermittlungsversuch

Die USA, Frankreich, Großbritannien, Russland und Deutschland rufen die Konfliktparteien im Februar 1999 zu einer Konferenz in Rambouillet zusammen, um ein befristetes Autonomie-Abkommen für Kosovo zu erreichen. Die kosovarischen Vertreter akzeptieren, die serbische Seite ist jedoch zu keinen Zugeständnissen bereit. Die Verhandlungen scheitern.

Vor 20 Jahren: NATO-Intervention gegen Serbien

"Humanitäre Intervention"

Am 24. März 1999 beginnt die NATO, militärische und strategische Ziele in Serbien und im Kosovo zu bombardieren, um die Gewalt gegen die Albaner zu stoppen. Auch Deutschland beteiligt sich an den Angriffen. Die Operation "Allied Force" ist der erste Krieg der NATO in ihrer 50-jährigen Geschichte - und das ohne Rückendeckung des UN-Sicherheitsrats. Russland verurteilt die Intervention scharf.

Vor 20 Jahren: NATO-Intervention gegen Serbien

Lahmgelegte Infrastruktur

Neben Angriffen auf Militäreinrichtungen nimmt die NATO auch Nachschubwege - Bahnstrecken und Brücken - ins Visier. In den 79 Tagen und Nächten fliegt das Bündnis mehr als 37.000 Einsätze. Auf serbischem Territorium gehen 20.000 Raketen und Bomben nieder. Dabei kommen auch viele Zivilisten ums Leben - "Kollateralschäden" im NATO-Jargon.

Vor 20 Jahren: NATO-Intervention gegen Serbien

Giftwolken über Pančevo

Auch Industrieobjekte werden angegriffen. In Pančevo bei Belgrad treffen die NATO-Bomben Chemieanlagen und eine Düngemittelfabrik. Dabei gelangen große Mengen giftiger Substanzen in die Flüsse, das Erdreich und die Luft - mit schweren gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung. Außerdem wirft Serbien der NATO vor, uranangereicherte Munition sowie Streu- und Splitterbomben einzusetzen.

Vor 20 Jahren: NATO-Intervention gegen Serbien

Krieg gegen Kriegspropaganda

Um Slobodan Milošević das wichtigste Propaganda-Instrument zu nehmen, greift die NATO das staatliche Fernsehen in Belgrad an. Obwohl die serbische Regierung rechtzeitig über den Angriff unterrichtet war, hält sie die Information zurück. Im Sendegebäude sterben 16 Menschen.

Vor 20 Jahren: NATO-Intervention gegen Serbien

Verfehlte Bomben

Im Kosovo treffen NATO-Bomben versehentlich einen albanischen Flüchtlingstreck, dabei kommen Schätzungen zufolge etwa 80 Menschen ums Leben. Als "Kollateralschaden" verbucht die NATO zudem die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad, bei der vier Menschen sterben. Der Vorfall führt zu einer schweren diplomatischen Krise zwischen Peking und Washington.

Vor 20 Jahren: NATO-Intervention gegen Serbien

Bilanz des Grauens

Anfang Juni kommen erste Signale aus Belgrad, dass Slobodan Milošević zum Einlenken bereit sei. Daraufhin stellt die NATO am 19. Juni die Bombardierung ein. Die Bilanz des Krieges: Tausende Tote und 860.000 Flüchtlinge. In Serbien liegt die Wirtschaft am Boden, weite Teile der Infrastruktur sind zerstört. Kosovo wird unter UN-Verwaltung gestellt.

Vučić beugte sich und band die Militärparade an den Tag des Sieges. OK, an den Tag nach dem Tag des Sieges.

Anlass für die Parade sei gleichermaßen der 20. Jahrestag des Beginns der NATO-Luftangriffe, erinnerte die regimenahe Boulevardzeitung "Večernje novosti". Für alle Fälle, damit das nochmal klargestellt wird.

Im Zeichen Russlands 

Die Militärparade in Niš war ein Paradebeispiel für die Versuche der serbischen Staatsführung, den politisch-historischen Zwiespalt zu überbrücken, in den sie das Land hineinmanövriert hat. Einerseits beteuert Präsident Vučić, die Mitgliedschaft Serbiens in der EU sei die außenpolitische Priorität Serbiens, andererseits waren die "Stars" der Militärparade in Niš russische MIG29-Kampfflugzeuge, russische MI-35-Kampfhubschrauber, russische T-72-Panzer. Einige waren eingekauft, andere hatte Serbien von der Russischen Föderation geschenkt bekommen.

Zudem schüren die gleichgeschalteten serbischen Medien seit Jahren systematisch eine antiwestliche Stimmung, und das Frühjahr, in dem der "NATO-Aggression" und der "NATO-Kriegsverbrechen" vor 20 Jahren in Serbien gedacht wird, ist wie dafür geschaffen.

Aus der Sicht Belgrads hat die NATO Serbien nur deshalb bombardiert, um den Serben das Kosovo zu entreißen - die Wiege, das Herz des Serbentums. Serbien werde allerdings, heißt es in Belgrad, die Unabhängigkeit des Kosovo nie und nimmer und unter gar keinen Umständen anerkennen, und seine Aufnahme in internationale Organisationen mit der Unterstützung Russlands - wo immer es kann - blockieren.

Machtdemonstration und Personenkult  

Die serbische Militärparade am 10. Mai, an der rund 4.000 Soldaten und Polizisten teilgenommen haben, auf der rund 400 Panzer und Fahrzeuge sowie 40 Kampfflieger defilierten, war im Grunde genommen eine Machtdemonstration, die Staatsoberhaupt Aleksandar Vučić glorifizierte und zeigte, wie weit es Serbien unter seiner Führung gebracht hat. Mit antifaschistischen Werten, auf denen die EU beruht, und an die man normalerweise anlässlich des Tages des Sieges erinnert, hatte diese Militärparade recht wenig zu tun. 

Aleksandar Vučić (r.) auf der Militärparade am 10. Mai

Auch die innere Logik der serbischen Militärparade, die die Kraft des modernen serbischen Heeres, die auf russischem Gerät beruht, hätte demonstrieren sollen, stimmt von vorne bis hinten nicht. Laut der serbischen Verfassung müsste das Heer die territoriale Integrität Serbiens verteidigen. Da das Kosovo aus der Sicht der Serben vorübergehend von "albanischen Terroristen" okkupiert ist, müsste die Armee auf der Basis dieser Verfassung eigentlich im Kosovo eingreifen. Weil das nicht in Frage kommt, fragt man sich, warum Serbien aufrüstet - mit russischen Waffen. Wartet man auf bessere Zeiten?  

Obwohl es in Serbien an Größenwahn nicht mangelt, hat die Entfremdung von der Realität ihre Grenzen. Der Zweck der Militärparade in Niš war, einen Mann zu verherrlichen, der sich über Parlament und Regierung gesetzt hat: Aleksandar Vučić. Dem Volk wurde die Vorstellung eines starken, militärisch auferstandenen, international angesehenen Serbien irgendwo zwischen West und Ost und ein Bild der eigenen Größe vermittelt - zusammen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben.        

Der serbische Journalist Andrej Ivanji ist in Belgrad geboren. Er ist Redakteur des serbischen Magazins "Vreme" und Korrespondent für die taz und den MDR.  

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