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Ein Gott und doch einer von uns

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Enrique López Magallón
26. November 2020

Der Argentinier Maradona war Weltstar, Nationalheld und wurde von einer ganzen Generation angebetet. Er war eine einzigartige Flamme, die an ihrer eigenen Intensität erloschen ist, meint Enrique López Magallón.

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Diego Maradona beim Training
Bild: picture-alliance/AFP

Diego Armando Maradona ist für viele Argentinier der beste Spieler in der Geschichte des Fußballs - besser auch als derjenige, der die heilige Nummer 10 in der argentinischen Nationalmannschaft geerbt hat: Lionel Messi. Der Unterschied ist, dass Maradona im Gegensatz zum "Floh" ("La Pulga"), wie Messi wegen seiner geringen Körpergröße auch genannt wird, alles erreicht hat. Schon als Jugendlicher war er ein Idol in der argentinischen Liga, zuerst bei den Argentinos Juniors und dann bei den Boca Juniors. 1982 gab er sein Debüt beim FC Barcelona, wo er zunächst von Udo Lattek und dann von seinem Landsmann César Luis Menotti trainiert wurde.

Weltruhm erlangte Maradona endgültig 1986 bei der WM in Mexiko. Dank seiner erstaunlichen Technik und einem linken Bein, das Unglaubliches leisten konnte, führte er als Kapitän die "Albiceleste" (die Weiß-Blauen) zum Weltmeistertitel. Die mitreißenden Spiele dieses Turniers vermittelte vielen Argentiniern einen Stolz, der eine ganze Generation prägte.

Maradona ohne Grenzen

Der argentinische Diktator Leopoldo Galtieri und die britische Premierministerin Margaret Thatcher hatten erst vier Jahre zuvor ihre Länder in einen Krieg um die Falkland-Inseln geführt. Die Niederlage der argentinischen Truppen nach nur zwei Monaten und zwei Tagen hatte in die Seelen vieler Lateinamerikaner eine Wunde geschlagen - das regionale Zusammengehörigkeitsgefühl war zu dieser Zeit noch sehr groß. Natürlich wurde der Schmerz um die gefallenen Soldaten des Landes nicht gelindert, aber der legendäre 2:1-Viertelfinalsieg über die englische Mannschaft gab Argentinien Ehre und Selbstwertgefühl zurück.

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DW-Redakteur Enrique López Magallón

Von diesem Spiel an kannte Maradona keine Grenzen mehr. Mit seinem enormen Können führte er den zuvor abgehängten SSC Neapel zur italienischen Meisterschaft und verlieh so einer verarmten Stadt ungeahnten Stolz. Aber zugleich begann auch die Zeit der Exzesse: die Nähe zu Personen, die mit der Mafia in Verbindung standen. Der zunehmende Kokainkonsum. Die Ausfälle in der Öffentlichkeit.

Doch seine Anhänger verziehen ihm alles, so wie das Handspiel, mit dem er das erste Tor gegen England in Mexiko erzielt hatte. Sein zynisches Eingeständnis, es sei die "Hand Gottes" gewesen, die für das Tor gesorgt hätte, wurde nicht kritisiert, sondern von vielen gefeiert. Maradona der Triumphator - dieses Image begründete die Treue seiner Anhänger bis zum Tod ihres Idols.

Ein Mensch mit Fehlern - wie wir

Über das Ende der ruhmreichen Karriere des zur Legende gewordenen Diego Armando Maradona legten sich bereits dürstere Schatten. Die Jüngeren kannten ihn nicht mehr wegen seiner beeindruckenden Willenskraft oder seines unübertroffenen linken Fußes, sondern nur noch wegen ausfallender Sprüche, seiner gemeinsamen Fotos mit Fidel Castro, Hugo Chávez oder Nicolás Maduro, und vor allem seiner Drogensucht, die ihn mehr als einmal an den Rand des Todes brachte. Aber trotz aller öffentlichen Peinlichkeiten hingen die Medien an ihm - egal was er sagte, egal was er tat: Maradona wurde hofiert, wie das große argentinische Orakel. Doch niemand sagte ihm die Wahrheit: dass er längst seinen inneren Kompass verloren hatte.

Der Niedergang Maradonas zog sich über mehrere Jahrzehnte, und die kurze Episode als argentinischer Nationaltrainer bei der Weltmeisterschaft in Südafrika brachte keine Wende mehr. Das ganze Leben von Maradona war letztlich eine Geschichte von Höhenflügen und tiefen Stürzen. Von Lumpen und Seidenhemden. Eine Geschichte, die davon handelt, den "Himmel zu berühren", wie er es nach seinem ersten Profispiel genannt hat, und aus den Schlammpfützen von Villa Fiorito zu treten, seinem Heimatort in Argentinien. Davon, den Weltmeisterpokal in den Händen zu halten und sich selbst zu demontieren. Ein ständiger Kampf des sportlichen Talents gegen die Widrigkeiten der persönlichen Schwächen. Auf dem Platz war Diego Armando Maradona ein Gott. Ansonsten war er so weltlich und fehlerhaft wie wir alle auch.