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Meinung: Abschied aus dem Chaos

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Tobias Oelmaier
17. April 2021

Trainer Hansi Flick verlässt den FC Bayern München zum Saisonende. Unser Kommentator Tobias Oelmaier kann das gut nachvollziehen. Flicks Nachfolger sollte gewarnt sein ob des ungeklärten Machtgefüges im Verein.

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Trainer Hansi Flick FC Bayern München
Bild: Stefan Matzke/sampics/picture alliance

Eine große Überraschung war das nicht mehr, was Bayern-Trainer Hansi Flick nach dem Sieg seiner Mannschaft beim VfL Wolfsburg in die Mikrophone sprach: Er habe der Mannschaft mitgeteilt, dass er den Verein nach dieser Saison verlassen würde, nachdem er unter der Woche schon die Klubführung mit seinem Wunsch konfrontiert hatte. Zu den Gründen wollte er sich nicht äußern, ebenso wenig zu seinen Zukunftsplänen.

Beides aber liegt auf der Hand. Vor gut anderthalb Jahren war Flick als Notnagel für den geschassten Niko Kovac installiert worden und holte gleich in seiner ersten Saison alle möglichen Titel: die Meisterschaft, den DFB-Pokal, die Champions League, den deutschen Supercup, den UEFA-Supercup und die Klub-Weltmeisterschaft. Er brachte die Altstars Jerome Boateng und Thomas Müller zurück zu alter Stärke, machte Robert Lewandowski zum Weltfußballer und formte Jungstars wie Alphonso Davies oder Jamal Musiala. Die Verstärkungen, die er wollte, bekam er jedoch nicht.

Zu unterschiedlich waren seine Wünsche und das, was ihm Sportdirektor Hasan Salihamidzic an Personal vorsetzte. Statt Timo Werner, Kai Havertz oder Callum Hudson-Odoi verpflichtete der Verein Ergänzungsspieler wie Bouna Sarr, Alvaro Odriozola, Marc Roca oder Douglas Costa, dazu wurden Thiago oder Ivan Perisic abgegeben. Und Boateng oder David Alaba, mit denen Flick nur zu gerne weitergearbeitet hätte, werden im Sommer gehen. Verletzungen, Coronafälle dünnten den Kader aus, in diesem Jahr ist nur noch ein Titel möglich - die Meisterschaft.

Wer hat das Sagen im Verein?

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DW-Redakteur Tobias Oelmaier: Wer will schon im Chaos arbeiten?

Zuletzt wirkte Flick nur noch genervt, machte aus seinem Unmut auch in TV-Statements und bei Pressekonferenzen kein Hehl mehr. Die Medien berichteten von heftigen verbalen Auseinandersetzungen zwischen Trainer und Sportvorstand. Und die Vereinsspitze duckte sich weg, statt Position zu beziehen. Kein "Hansi, wir wollen weiter mit dir arbeiten", als er als Bundestrainer-Kandidat Nummer eins für die Zeit nach der EM gehandelt wurde. Dahin wird Flicks Weg wohl nun auch gehen.

Diese ungewohnte Stille bei den Bayern-Granden ist wohl dem Umbruch geschuldet, in dem sich die Führungsriege derzeit befindet. Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge wird seinen Posten zum Jahresende räumen, ihm folgt Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn. Salihamidzic ist ein Protegé von Ex-Präsident Uli Hoeneß, dessen Wort vor allem bei Aufsichtsratschef Herbert Hainer noch viel gilt. Kahn wird erst in seine Rolle hineinfinden müssen, ehe er mutige und autonome Entscheidungen treffen kann.

Diese ungeklärte Situation könnte auch die Suche nach einem Nachfolger für Hansi Flick erschweren. Julian Nagelsmann wird als Wunschkandidat auf dem Posten gehandelt. Er steht noch bei RB Leipzig unter Vertrag, aber bei einer entsprechenden Ablösesumme wird ihn sein aktueller Arbeitgeber bestimmt abgeben. Wer möchte schon einen unzufriedenen Trainer?

Aber wäre es aus Nagelsmann-Sicht überhaupt klug, schon im Sommer zu wechseln? Wohl kaum! In Leipzig kann er noch weitgehend ungestört werkeln, eine Mannschaft formen und die Bayern ärgern. Gelingt ihm sogar ein Titelgewinn, wird er zum absoluten Helden. Bei den Bayern ist man das offenbar noch nicht mal mit sechs Titeln in einer Spielzeit. Wer wird sein Ansprechpartner sein, welches Mitspracherecht hat er bei Spielerverpflichtungen? Unter Salihamidzic wahrscheinlich kein allzu großes. Deshalb sollte Nagelsmann noch ein paar Jahre warten. Mit 33 hat er noch genug Zeit für so einen Schritt. Denn wer will schon im Chaos arbeiten?