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Lockdown - Rechnung mit vielen Unbekannten

13. Dezember 2020

Deutschland zieht zum zweiten Mal die Reißleine. Das ist angesichts dramatisch steigender Infektions- und Todeszahlen richtig. Und alles könnte noch viel schlimmer werden, befürchtet Marcel Fürstenau.

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Deutschland I Coronavirus - Einkaufen vor dem Lockdown
"Wir schließen!" Das gilt im Lockdown für fast alle Geschäfte, die keine lebensnotwendigen Dinge verkaufen. Bild: Hannibal Hanschke/REUTERS

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Corona-Gefahr unterschätzt. Ende September wurde medial kolportiert, die Christdemokratin habe in einer Schaltkonferenz ihrer Partei vor täglich über 19.000 neuen Infektionen bis Weihnachten gewarnt. Viele hielten das für Alarmismus. Heute wären die Kritiker und Merkel selbst heilfroh, wenn sich ihre Prognose als übertrieben entpuppt hätte.

Leider ist das Gegenteil der Fall. Schon jetzt registriert das Robert Koch-Institut an manchen Tagen fast 30.000 positive Corona-Tests. Und was auch die hartnäckigsten Verharmloser der Pandemie nachdenklich stimmen und erschrecken sollte, ist die Zahl der Toten: Mitte November lag sie bei 12.000, aktuell sind es knapp 22.000 Menschen, die in Deutschland mit und an Corona gestorben sind (Stand: 13.12.2020). Fast eine Verdoppelung innerhalb eines Monats! Wer die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Ein Blick in die Krankenhäuser sollte genügen

Angesichts dieser dramatischen Entwicklung ist der erneute Lockdown, den die Bundesregierung gemeinsam mit den 16 Bundesländern beschlossen hat, die absolut richtige Entscheidung. Wer anderer Auffassung ist, möge das dem aufopferungsvoll um jedes einzelne Leben kämpfenden Personal in Krankenhäusern, Altenheimen und im häuslichen Pflegedienst ins Gesicht sagen! Und begründen, warum alles angeblich gar nicht so schlimm sei.

Deutsche Welle Marcel Fürstenau Kommentarbild ohne Mikrofon
DW-Redakteur Marcel FürstenauBild: DW

Die Situation, in der sich Deutschland im Kampf gegen das Coronavirus jetzt befindet, erfordert Solidarität von allen. Und Empathie für die direkt und indirekt Betroffenen. Besserwisserei, Rechthaberei und Rücksichtslosigkeit sind unangebracht.

In diesen Tagen ganz besonders. Wenn sich aus dem Handeln der politisch Verantwortlichen so etwas wie Trost und Zuversicht gewinnen lässt, dann wegen ihrer nun weitgehenden Einigkeit. Das war in den zurückliegenden Wochen und Monaten leider eher selten der Fall.

Lehren aus den Fehlern ziehen

Doch nun ist nicht die Stunde der kleinkarierten Aufrechnung, wer was wann falsch oder richtig gemacht hat. Wichtig ist, die notwendigen Lehren aus den Fehleinschätzungen der Vergangenheit zu ziehen. Profilierung auf Kosten Anderer verbietet sich dabei von selbst. Den Menschen in Deutschland wurde schon viel zugemutet und ihnen wird weiterhin viel zugemutet. Die Bereitschaft, Opfer zu bringen, ist laut Umfragen trotzdem noch immer groß.

Die Politik wäre gut beraten, die Einsicht der Allermeisten mit Offenheit und Ehrlichkeit zu honorieren. Dazu gehört, die Bevölkerung lieber jetzt als später um Verständnis für womöglich noch viel, viel länger dauernde Einschränkungen und Belastungen zu bitten. Denn dass sich die Lage bis zum 10. Januar spürbar entspannt - so lange soll der Lockdown zunächst gelten - bleibt lediglich eine fast schon verzweifelte Hoffnung.

Es spricht vieles dafür, dass diese Hoffnung enttäuscht werden könnte. Schließlich dauert der Winter in Deutschland noch bis März. Und die Impfungen haben noch gar nicht begonnen.

Der durchaus weitgehende Teil-Lockdown seit Anfang November ist wirkungslos verpufft. So sieht die bittere Realität aus. Deshalb ist der nun beschlossene harte Lockdown unvermeidlich. Vielleicht wird man im Frühling rückblickend sagen können, die deutsche Politik hat am 13. Dezember alles richtig gemacht. Schön wäre es, sicher kann und darf sich aber niemand sein.

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Marcel Fürstenau Autor und Reporter für Politik & Zeitgeschichte - Schwerpunkt: Deutschland