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Politik

Der Showdown - Nawalny gegen Putin

Mikhail Bushuev DW Russisch
Mikhail Bushuev
16. Januar 2021

Alexej Nawalny kehrt nach Russland zurück. Der ungleiche Machtkampf zwischen dem Kremlkritiker und Präsident Putin dürfte in seine Schlussphase gehen. Und die Welt schaut gebannt zu, meint Mikhail Bushuev.

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Eine Protestaktion vor der russischen Botschaft in Berlin am 23. September 2020. Ein Plakat steht in der Fussgängerzone vor dem Gebäude der Botschaft Russlands in Berlin. Auf dem Plakat: Porträt von Alexej Nawalny mit der Unterschrift: "Vergiftet".
Eine Protestaktion gegen Wladimir Putin vor der russischen Botschaft in Berlin am 23. September 2020. Bild: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Was wird Alexej Nawalny wohl erwarten, wenn er am Sonntag wieder russischen Boden betritt? Denkbar sind viele Szenarien: von einem erneuten Mordanschlag über eine Verhaftung (sehr wahrscheinlich) bis hin zu einem triumphalen Empfang (sehr unwahrscheinlich) - fast wie bei einem Hollywood-Blockbuster, bei dem der Ausgang allein vom Willen des launischen Regisseurs abhängt. Am Sonntagnachmittag wird der Oppositionspolitiker und Investigativjournalist mit einem  Billigflieger nach Moskau zurückkehren, nachdem er sich monatelang in Berlin und später im Schwarzwald von einer Vergiftung mit einem Nervengift der Nowitschok-Gruppe erholt hatte.   

Was kann an diesem Abend am Moskauer Flughafen Wnukowo passieren? Am wahrscheinlichsten dies: ein frenetischer Empfang durch seine Anhänger, vom Kreml orchestrierte Gegendemonstrationen und Statistenmassen, die das Bild eines Nawalny-Triumphs stören, und eine sofortige Festnahme - entweder medienwirksam inszeniert oder heimlich durch die Hintertür. Auch andere Szenarien sind denkbar: Die russischen Behörden könnten den Flug kurzfristig canceln, den Pass von Nawalny bei der Grenzkontrolle zerreißen und ihn ins Ausland zurückschicken, seine dreieinhalbjährige Bewährungs- in eine Haftstrafe umwandeln, ihn wegen neuer Vorwürfe inhaftieren oder unter Hausarrest stellen - der Kreml mit Präsident Wladimir Putin an der Spitze hat eine Reihe von Optionen.

Für Putin ist Nawalnys Rückkehr lediglich unangenehm

Für einen erneuten Mord(-versuch) bedürfte es keiner ausgeklügelten und dann doch so blamabel gescheiterten Aktion, wie des mutmaßlich vom Staat in Auftrag gegebenen Giftanschlags mit einer verbotenen Chemiewaffe. Auch eine altmodische Pistole könnte Nawalny aus dem Weg räumen, wie schon 2015 seinen Mitstreiter Boris Nemzow.

Auf dem Bild: DW-Redakteur Mikhail Bushuev
DW-Redakteur Mikhail BushuevBild: DW

Dass der Kreml jedenfalls in Panik ist und keine Lösungen hat, ist unwahrscheinlich. Nawalnys Rückkehr war lange angekündigt worden und ist insofern keine Überraschung: Gerade Putin könnte - entgegen aller Erwartungen - die Dinge auch zunächst einmal laufen lassen, als wäre nichts gewesen.

Unangenehm ist die Rückkehr seines größten Widersachers für den Präsidenten schon, aber problematisch? Der (versuchte) Mord am führenden Kopf der russischen Opposition wurde aus Sicht des Kreml mit entsprechenden westlichen Sanktionen bereits eingepreist. Von neuen Sanktionen im Fall von Nawalnys Tod lässt sich Russland nicht mehr wirklich abschrecken.

Warum kehrt Nawalny nach Russland zurück?

Vor diesem Hintergrund fragen sich viele Menschen nun: Warum macht Nawalny das? Klar, es ist mutig, seinen schier übermächtigen Gegner im Kreml so zu provozieren. Aber ist es nicht auch verrückt, selbst, wenn nicht in den sicheren Tod, dann doch ins sichere Unheil zu gehen? Nawalnys Beweggründe sind nur zum Teil verständlich. Aus dem Ausland heraus kann er nicht mehr so effektiv sein wie in Moskau. Auch das Motiv der Selbstaufopferung sollte man nicht außer Acht lassen: Kann er sich wirklich guten Gewissens im Ausland in Schutz bringen, wenn seine nächsten Vertrauten so unter Druck stehen? Nawalnys Kalkül könnte womöglich sein, dass er mit seinem mutigen Schritt lediglich Zeit gewinnen will.

Von Nawalnys zur Schau gestellter Furchtlosigkeit darf man sich aber auch nicht blenden lassen. Er weiß genau, dass Putins Möglichkeiten die seinen bei weitem übersteigen. Und er weiß vermutlich auch nicht viel mehr als das, was jeder Zuschauer auf dem Höhepunkt eines Hollywood-Blockbusters weiß: Die Lage für den Protagonisten scheint aussichtslos. Doch es wird ziemlich sicher ein Happy End geben. Oder eben auch nicht.

Genau an diesem Punkt befinden wir uns jetzt. Der Protagonist, ein Überlebenskünstler, ist dem Tod schon einmal von der Schippe gesprungen - übersteht er auch die nächste Herausforderung? Es ist ein Showdown in einem schonungslosen und unfairen Kampf. Und die Welt schaut gebannt zu. Eingreifen kann sie nicht.