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Minimalismus und Familie, geht das?

Harald Franzen
7. Juni 2019

Minimalismus heißt es, ist gut für die Umwelt. Mit Kindern ist das eine besondere Herausforderung, bietet aber auch Chancen, sagt die Kinderpädagogin Susanne Mierau im Interview.

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Pressebilder Einfach Familie leben
Bild: Katja Vogt/Knesebeck Verlag

Weniger kaufen, weniger brauchen. In den reichen Industrieländern gibt es einen Nischentrend, den allseits herrschenden Überfluss in Frage zu stellen. Dinge reduzieren, das Überangebot ignorieren. Minimalismus ist das Stichwort. Susanne Mierau lebt minimalistisch. Die Kleinkindpädagogin und Mutter von drei Kindern bloggt auf geborgen-wachsen.de über ein achtsames und nachhaltiges Familienleben. Gemeinsam mit Milena Glimbovski, die in Berlin einen Supermarkt für unverpackte Lebensmittel betreibt, hat sie ein Buch über Minimalismus mit Familie geschrieben.

DW: Vielen Menschen geht es beim Thema Minimalismus um ein selbstbestimmteres und idealerweise erfüllteres Leben durch Konsumverzicht. Zunehmend geht es auch um den Umgang mit knappen natürlichen Ressourcen. Was bedeutet Minimalismus für Sie?

Susanne Mierau: Für mich hängen diese Bereiche sehr eng zusammen: Als Menschen sind wir auf Kooperation und Soziales angelegt und ein übermäßiger Konsum steht dem im Weg: Im Kleinen wie in der Familie, aber auch im großen, globalen Zusammenhang in Hinblick darauf, welche Schäden unser übermäßiger Konsum in anderen Teilen der Welt bewirkt. Minimalismus ist für mich ein bewusster Umgang mit unseren Ressourcen, der sich auf das Zusammenleben auswirkt und dadurch zu einem bewussteren Miteinander führt.

Pressebilder Einfach Familie leben | Susanne Mierau, Milena Glimbovski und Katja Vogt
Mierau und Glimbovski zeigen in ihrem Buch Wege in ein minimalistisches Leben, Katja Vogt unterstützt sie mit BildernBild: Katja Vogt/Knesebeck Verlag

Was sind die ersten Schritte für jemanden, der versuchen möchte, minimalistisch zu leben?

Es ist sinnvoll, sich einen Bereich auszusuchen, in dem man sich erst mal einfach ausprobieren kann. Für einige ist es einfach, auf überflüssige Pflegeprodukte im Bad zu verzichten, sich damit zu beschäftigen, was der eigene Körper wirklich braucht und wie das auf einfache (und vielleicht sogar plastikfreie) Art möglich ist. Für andere ist es einfacher, den Kleiderschrank durchzugehen und zu sehen, wie viele Paar Schuhe und wie viele Shirts kaum mehr getragen werden und was man stattdessen wirklich gerne anzieht. Wichtig ist dabei: Es beginnt mit einem selbst. Nicht sinnvoll ist es dagegen, zum Partner oder den Kindern zu sagen: "Wir haben zu viel, wir sortieren mal bei Euch aus." 

Auf Ihrem Blog schreiben Sie über Kinderpädagogik und bedürfnisorientierte Erziehung. Lässt sich Minimalismus und Familie denn überhaupt in Einklang bringen?

Ja, das passt sogar sehr gut zusammen, denn eine Konzentration auf das Wesentliche und die Beziehung ist ja eigentlich das, was Familien wirklich gut tut und was sie brauchen. Oft werden wir von Spielsachen und anderen Konsumgütern von einem Miteinander abgelenkt oder wir benutzen solche Dinge, um Interaktion zu ersetzen: Wir schenken dem Kind ein Geschenk, weil es eine gute Note mit nach Hause bringt, anstatt uns einfach "nur" zusammen mit dem Kind zu freuen. 

Symbolbild Vater mit Baby
Ideales Geschenk für Kinder? Zeit mit der Familie verbringen und das Glück teilenBild: picture-alliance/Bildagentur-online/Tetra Images

Was ist, wenn nicht alle Familienmitglieder minimalistisch leben wollen? Welche möglichen Konfliktfelder gibt es und wie lassen sich diese Konflikte lösen?

Druck und Dogma sind immer schwierig, gerade in Familiensystemen. Deswegen ist es wichtig, bei sich selbst anzufangen und die eigenen Dinge zu reduzieren. Vielleicht möchte der Partner oder die Partnerin bei einigen Punkten mit einsteigen. Außerdem sind wir automatisch Vorbilder für die Kinder. Wenn wir einkaufen gehen, können wir unsere eigenen Entscheidungen kommentieren: "Ich kaufe lieber diese Bananen, die nicht extra in Plastik verpackt sind." Auf solche Weise nehmen wir langfristigen Einfluss.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Kinder als "die komischen Sonderlinge" Probleme bekommen, wenn sie die "falschen" Marken tragen, nicht die neueste Spielekonsole haben, etc.?

Die Peergroup ist für Kinder wichtig und Kinder brauchen - wie auch Erwachsene - das Gefühl, zu einer Gruppe dazuzugehören. Wir Erwachsenen können uns unsere Gruppen leichter aussuchen. Kinder sind viel mehr auf die konkreten Gegebenheiten vor Ort angewiesen und auf die Kinder, die eben da sind. Deswegen ist es so wichtig, dass wir als Eltern sensibel vorgehen und dem Kind nicht die Zugehörigkeit zu einer Gruppe abschneiden. Wir können aber Möglichkeiten und Alternativen diskutieren: Reicht es vielleicht aus, die "coolen" Marken gebraucht zu kaufen? Wie wäre es, Pflegeprodukte und Kosmetik von Naturkosmetikherstellern zu nutzen?

Pressebilder Einfach Familie leben
Weniger ist mehr: Wie man Freude mit einem minimalistischen Lebensstil findetBild: Anna Jost, „Eltern vom Mars“ Blog/Knesebeck Verlag

Wie sind Sie persönlich zum Minimalismus gekommen und wie konsequent leben Sie danach?

Wir haben schon immer "öko" gelebt und auch auf Ressourcen geachtet und darauf, dass die Kinder nicht mit Spielsachen überschüttet werden. Konkret auseinandergesetzt haben wir uns nach und nach damit, weil wir von Kind zu Kind gesehen haben, wie wenige Dinge eigentlich wirklich sinnvoll sind. Und dann kam meine Freundin Milena mit ihrem "Original unverpackt" Laden in unser Leben und hat unseren Blick noch einmal stark beeinflusst.

Wir versuchen in vielen Bereichen minimalistisch zu leben, aber wir haben keine weiße, stylische Wohnung im Sinne eines "Instagram-Minimalismus". Wir schauen vielmehr genau hin und fragen uns immer wieder: Brauchen wir das wirklich? Können wir uns etwas leihen, statt es zu kaufen? Mein Mann achtet beim Kochen sehr darauf, dass nichts weggeworfen wird.  Aber wir sind auch nicht dogmatisch und sorgen dafür, dass unsere Kinder auch Freiheiten haben, die ihnen einen Zugang zu ihrer Peergroup geben.

Haben Sie noch einen abschließenden Rat für Familien, die sich für Minimalismus interessieren?

Es gibt viele Wege zum Einstieg und es ist toll, sich einfach auf den Weg zu machen und zu sehen, wohin es einen führt. Jeder kleine Schritt ist schon ein Schritt. Wichtig ist es, sich nicht unter Druck zu setzen und zu denken, dass gleich das ganze Leben auf den Kopf gestellt werden muss. Es ist eine Reise des Lernens, die auch Spaß machen sollte.