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Im Kino: "A Hidden Life"

Jochen Kürten
11. Dezember 2019

US-Regisseur Terrence Malick hat ein Epos über einen österreichischen Bauern gedreht, der 1943 den Dienst an der Waffe verweigert und hingerichtet wird. Ein Film als philosophisches Traktat über Religion und Moral.

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Filmszene Ein Verborgenes Leben
Bild: 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation/Reiner Bajo

Kino als religiöse Erfahrung. Ein Film als eine Art Gottesdienst. Drei Stunden Andacht im Kinosessel. Für all das steht der Film "A Hidden Life" (deutscher Titel: "Ein verborgenes Leben") des amerikanischen Regisseurs Terrence Malick, der in diesen Tagen weltweit in den Kinos startet. In Deutschland kommt er am 30. Januar 2020 in die Lichtspielhäuser. Schon bei seiner Uraufführung bei den Filmfestspielen im Frühjahr in Cannes erregte "A Hidden Life" Aufsehen. Jetzt dürfte Malicks Epos für weitere Diskussionen sorgen. Aus mehreren Gründen.

"A Hidden Life": Geschichte einer Verweigerung bis zum Tod

Man könnte die Geschichte von "A Hidden Life" in drei Sätzen zusammenfassen. Malick erzählt vom Bauern Franz Jägerstätter, der in den frühen 40er Jahren im Westen Österreichs mit seiner Frau Franziska einen Hof betreibt, drei Kinder hat und im Einklang mit der Natur lebt. Nachdem er bereits zu ersten Übungen zur Wehrmacht eingezogen worden ist, verweigert er schließlich den Dienst an der Waffe. Jägerstätter wird verhaftet, interniert und schließlich 1943 hingerichtet. Soweit die Geschichte, die auf authentischen Ereignissen beruht.

Franz Jägerstätter Porträt
Das historische Vorbild: Franz JägerstätterBild: picture-alliance/dpa/APA/Erna Putz

Franz Jägerstätter war tief religiös, las die Bibel und andere Schriften, die sich mit Glauben beschäftigten. Er berief sich bei seiner Weigerung, als Soldat zu kämpfen, auf sein Gewissen. Er tat dies bis zur letzten Konsequenz, dem Tod. Unterstützt wurde er dabei von seiner Frau.

Eine ernsthafte Beschäftigung mit Franz Jägerstätter setzte erst zwei Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Entscheidend war dabei vor allem eine 1964 vom US-amerikanischen Soziologen Gordon Zahn verfasste Biografie über den Österreicher. 

Franz Jägerstätter blieb nach 1945 in Österreich lange eine umstrittene Figur

Zuvor hatte es in Jägerstätters Heimat einige Kontroversen über die konsequente Haltung des Wehrdienstverweigerers gegeben. Dabei hatten auch offizielle kirchliche Stellen Kritik an Jägerstätter geübt. "Vaterlandsliebe bedeutet Treue. Wer die Treue bricht, ist ein Verräter", hieß es unter anderem in einem Hirtenbrief aus dem Jahre 1947, gemünzt auf die Weigerung des Bauern Jägerstätter "fürs Vaterland" in den Krieg zu ziehen. Die bis zu seinem Tod konsequente Verweigerung, sich in den Dienst der Nationalsozialisten zu stellen, erschien in nationalen wie konservativen Kirchen- und Politikerkreisen als Verrat.

Erst in den 1960er Jahren begann ein Prozess des Umdenkens. Auch die katholische Kirche sah das später anders: Im Jahre 2007 wurde Franz Jägerstätter von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen. Heute erinnern in Österreich Denkmäler, Straßen oder Schulen an den Kriegsdienstverweigerer aus dem bäuerlichen Milieu.

August Diehl als Häftling Jägerstätter blickt aus dem Fenster seiner Zelle
Der Deutsche August Diehl spielt die Hauptrolle: Hier ist Jägerstätter schon in der Haft der NationalsozialistenBild: picture-alliance/dpa/Filmfest Cannes/DreamWorks SKG

Nun erscheint also ein aufwendig produzierter, dreistündiger Film, der in Österreich und Deutschland als amerikanisch-deutsche Co-Produktion gedreht wurde, mit vielen bekannten Gesichtern des deutschen und österreichischen Kinos aufwartet - und von US-Regisseur Terrence Malick inszeniert wurde. Damit dürfte weltweit ein größeres Publikum mit dieser historischen Figur konfrontiert werden.

Malick: ein philosophischer Regisseur, der sich auf große Literaten beruft

"…wenn die Welt immer besser wird, so ist das zum Teil auf Taten ohne historischen Rang zurückzuführen; und dass es um den Leser und mich nicht so schlecht steht, wie es sein könnte, das verdanken wir zur Hälfte den Menschen, die voll gläubigen Vertrauens ein Leben im Verborgenen geführt haben und in Gräbern ruhen, die kein Mensch kennt."

Mit diesem Zitat der Dichterin George Eliot endet der Film Terrence Malicks - und weist damit auf den Kern der Erzählung hin: Es sind nicht ausschließlich die großen historischen Figuren der Geschichte, die das Weltgeschehen vorantreiben. Entscheidend können auch die konsequenten Taten des einzelnen Menschen sein. Der muss nicht an prominenter Stelle stehen. Entscheidend ist die Konsequenz. Franz Jägerstätter hat das vorgelebt. Bis zum bitteren Ende.

August Diehl sitzend und Bruno Ganz stehend in einem Büroraum
August Diehl und der verstorbene Bruno Ganz in einem seiner letzten Filmauftritte Bild: Iris Productions/Reiner Bajo

Malick hat keine "übliche" Heldengeschichte fürs Kino gedreht. Sein Drei-Stundenfilm ist eher der Versuch, ganz tief in das Innenleben des Franz Jägerstätter einzudringen, mit den Mitteln des Kinos: Bewegung und Bild, Ton und Musik, Schauspielermimik. Doch es sind nicht die konventionellen dramaturgischen Gerüste, die Malick nutzt. Es ist vielmehr der Versuch eines filmischen Psychogramms mit ewig fließenden Kamerabewegungen, mit einem aus dem Off gesprochenen Ton, mit einem meditativ anmutenden Mix aus Sprache, Musik, Tönen, Geräuschen.

Terrence Malick: eine ungewöhnliche Regie-Karriere

Malick gilt als Legende des modernen US-Kinos. Der 1943 in Ottawa, Illinois, geborene US-Amerikaner studierte in England Philosophie, forschte u.a. über Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein und fand erst später zum Film. In den 1970er Jahren drehte er zwei heute als Klassiker geltende Filme des "New Hollywood Kinos", "Badlands" und "Days of Heaven". 

Terrence Malick hinter einer Kamera
Von Terrence Malick gibt es kaum Fotos, diese Aufnahme stammt aus dem Jahre 1978Bild: picture-alliance/Everett Collection

Anschließend legte er eine lange Pause ein und feierte nach 20 Jahren ein Comeback als Regisseur mit dem Kriegsfilm "The Thin Red Line", der 1998 bei der Berlinale den Goldenen Bären gewann. Im folgenden Jahrzehnt drehte Malick wiederum nur einen Film. Den Legenden-Status befeuerte Malick damit, dass er keine Interviews gab, darauf verzichtete, seine Filme auf Festivals persönlich vorzustellen und sich auch nicht fotografieren ließ. Es existieren bis heute weniger als eine Handvoll Fotos von dem Regisseur, der immerhin schon 1973 sein Debüt ablieferte. Auch eine bemerkenswerte Konsequenz.

Mit seinen letzten Werken stieß Malick auch auf große Vorbehalte

Erst in den vergangenen Jahren inszenierte Malick kontinuierlich, wechselte dabei aber immer wieder seinen filmischen Stil. Seine Werke wurden immer philosophischer, verzichteten auf eine herkömmliche Dramaturgie. Voice-Over, komplexe Monologe, Gedanken zum Lauf der Welt, dazu ein ewig währender Bilderreigen sowie eine schwelgerische Kamera wurden zu Malicks unverwechselbaren Markenzeichen. Seinen Kult-Status büßte er dadurch ein: Sein konsequent verfolgtes ästhetisches Konzept wurde von vielen Kritikern als manieriert, gar als Kunstgewerbe verspottet. Für ein größeres Publikum sind seine Filme sowieso nicht geeignet .

August Diehl und Valerie Pachner in einer Filmszene aus "Ein Verborgenes Leben" auf einer Kirchenbank in einer prächtigen Barockkirche
Jägerstätter (Diehl) und seine Frau Franziska (Valerie Pachner), die ihn unterstütztBild: 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation/Reiner Bajo

Mit seinem neuen, inzwischen neunten Spielfilm, nähert sich Terrence Malick nun, zumindest in Ansätzen, wieder seinen früheren Arbeiten an. "A Hidden Life" ist ein Film mit Anfang und Ende, einer fast konventionellen Dramaturgie. Er erzählt eine dramatische und dazu beeindruckende, historische Geschichte - verzichtet aber trotzdem nicht auf philosophische Fragestellungen. "A Hidden Life" ist die Geschichte eines Märtyrers, eines Menschen zwischen Amtskirche und individuellem Glauben. Ein Film, der versucht auszuloten, was Menschsein und ein konsequentes Leben in Krisenzeiten bedeutet.

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