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Netflix und Amazon erobern Indien

Manasi Gopalakrishnan
25. Januar 2021

Streaming-Giganten investieren in Indien. Davon profitieren auch Regisseure, die mit alten Tabus brechen. Ihre Arbeit findet allerdings nicht nur Zustimmung.

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Netflix-Serie Delhi Crime
Bild: Netflix

Hunderte Millionen von Dollar haben die Streamingdienste Netflix und Amazon Prime in Indien investiert und damit einen beispiellosen Boom ausgelöst. Die Online-Giganten packen in Shows und Serien Tabuthemen der indischen Gesellschaft an - wie zum Beispiel sexuelle Gewalt, die Diskriminierung bestimmter Kasten (die offiziell eigentlich schon 1950 abgeschafft wurden) und die weitverbreitete Korruption im politischen Alltag. Gleichzeitig fördern sie mit ihren Investitionen eine neue Generation von Geschichtenerzählern im Land, die Indien - und einem weltweiten Streamingpublikum - neue Sichtweisen ermöglichen. 

"Sacred Games" löste Serienboom aus

Lässt sich soziale Ungleichheit in Indien verbieten?

Der Streamingboom in Indien wurde vor drei Jahren mit der Netflix-Serie "Sacred Games" ausgelöst - einer Verfilmung des 2006 erschienenen Buches "Der Pate von Bombay", geschrieben vomrenommierten und mehrfach preisgekrönten indischen Autor Vikram Chandra. Die Zutaten des Erfolgsformats: sehr viel Action und ein satirischer Blick auf die Korruptionspraktiken der Polizei und die verkrusteten Traditionen des Kastensystems. In der Nebenhandlung taucht auch ein Theateragent auf, der Bollywood-Schauspielerinnen nur gegen Sex eine Rolle verschafft - das Szenario könnte direkt aus diversen realen Prostitutionsskandalen der letzten Zeit stammen.

Die Netflix-Serie "Delhi Crime" begibt sich noch tiefer in die Abgründe der indischen Gesellschaft. Das Drehbuch basiert auf den Akten der Polizei, die 2012 eine Massenvergewaltigung in Neu Delhi aufklärte. Das damalige Opfer starb; der Fall machte auf der ganzen Welt Schlagzeilen und führte dazu, dass die indischen Gesetze in Bezug auf sexuellen Missbrauch reformiert wurden. Die Hauptrolle in "Delhi Crime" spielt Shefali Shah, Bollywoodfans bestens aus dem Film "Monsoon Wedding" bekannt. Als erste indische Serie bekam das Format einen Emmy in der Kategorie "Drama".

"Tanday" heißt das indische "House of Cards"

Frauenproteste nach Vergewaltigung in Indien. Frauen tragen Transparente, auf denen sie die Bestrafung von Vergewaltigern fordern.
Immer wieder gehen Frauen in Indien nach Vergewaltigungen auf die StraßeBild: Getty Images/AFP/C. Khanna

Amazon Prime gibt mit der neuen realistischen Politikserie "Tandav" die indische Antwort auf das US-amerikanische Erfolgsformat "House of Cards". Und Netflix ging mit der Verfilmung von Aravind Adigas Buch "The White Tiger" (Der weiße Tiger), für das der Autor 2008 den Booker Prize bekam, an den Start.

Vor dem Streamingboom waren solche eindringlichen und umfassenden Erzählungen nahezu unbekannt. Das indische Fernsehen strahlt hauptsächlich Seifenopern und familientaugliche Serien aus. Und auch die meisten Bollywood-Streifen vermeiden es tunlichst, kontroverse Themen anzusprechen; stattdessen stehen lange Tanzeinlagen auf dem Programm, inklusive Happy-End-Garantie.Einen kritischeren und differenzierten filmischen Blick auf die indische Gesellschaft hatte in den 1950er und 1960er Jahren schon der Regisseur Satyajit Ray geworfen, der vom Neorealismus des französischen und italienischen Kinos inspiriert war. Ähnliche Ansätze gibt es auch heute noch, zum Beispiel bei den Filmemachern Ritesh Batra (The Lunchbox) und Anurag Kashyap (Gangs of Wasseypur), die beide ihre Werke bei den Filmfestspielen in Cannes zeigen konnten. Aber bevor die Streamingdienste an Einfluss gewannen, hatte keiner dieser unabhängigen Regisseure je die finanziellen Mittel, aufwendige Serien zu produzieren, geschweige denn sie einem Millionenpublikum weltweit zu zeigen.

Männer und Frauen in bunten Kostümen tanzen auf einer Bühne in einem Bollywoodfilm.
Die Serien machen dem Bollywood-Kino Konkurrenz Bild: SUJIT JAISWAL/AFP/Getty Images

"Bad Boy Billionaires: India": Serie über Industriebosse 

Die hohe Nachfrage nach Streamingangeboten überschneidet sich mit Veränderungen in der gängigen Bollywood-Produktion. In den letzten drei, vier Jahren seien, laut dem indisch-kanadischen Filmemacher Dylan Mohan Gray, die Kinofilme kürzer geworden. Außerdem "werden weniger Lieder gesungen, dafür wird mehr Musik aus der Konserve eingespielt". Gray, der bei "Bad Boy Billionaires: India", einer Netflix-Doku-Serie über die berüchtigsten und verruchtesten indischen Industriebosse, Regie führte, glaubt, dass solche provokanten Online-Formate erst durch einen "Wandel in der Kinolandschaft" möglich geworden sind.Noch vor zwei Jahren hätten kaum ein bekannter indischer Schauspieler und kaum eine beliebte Schauspielerin einen Vertrag für ein Streaming-Projekt unterschrieben. "Jetzt würden sie das sofort tun, denn das damit verbundene Prestige sowie die Zuschauerschaft haben sich sehr verändert", sagt Gray. Er hat ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen internationalen und nationalen Anbietern ausgemacht, die um die Gunst der Inder buhlen.

Regisseur Dylan Mohan Grey posiert im blauen Hemd vor einer exotischen Pflanze.
Dylan Mohan Gray, Regisseur von "Bad Boy Millionars"Bild: privat

Netflix: Investition von 337 Millionen Euro in Indien 

Von 2019 bis 2020 hat Netflix rund 30 Milliarden Rupien (rund 337 Millionen Euro) dafür ausgegeben, indische Inhalte zu produzieren und lizensieren zu lassen. Dazu gehören provokante Serien wie "Delhi Crime", aber auch massentaugliche Mainstream-Formate wie die Kinderzeichentrickserie "Mighty Little Bheem" oder die trashige Reality-Show über das märchenhafte Leben der Bollywood-Frauen. Amazon und Netflix produzieren neben Serien auf Englisch und Hindi, der Amtssprache Indiens, auch Formate in nur regional verbreiteten Sprachen wie Tamil, Telugu und Malayalam. Die Corona-Krise hat den Streaming-Boom verstärkt. Die Kinos im Land sind geschlossen, so dass das Streamen sowohl für die Zuschauer als auch die Filmemacher viel an Attraktivität gewonnen hat. Immer mehr Produzenten beschränken sich auf reine Online-Premieren.

Kritik in den Sozialen Medien

Die wachsende Beliebtheit der Streaming-Serien bringt allerdings automatisch auch mehr Aufmerksamkeit mit sich - die nicht immer willkommen ist. Die indischstämmige kanadische Regisseurin Deepa Mehta, bekannt für ihre gefeierte Filmreihe "Elements Trilogy", drehte für Netflix eine Art indische Variante von Margret Atwoods dystopischem Roman "Der Report der Magd" (Originaltitel: A Handmaid's Tale), die auf Prayaag Akbars hochgelobtem Roman "Leila" beruht.

Poster der Neflix-Serie Leila, auf der der Schriftzug "Leila" und eine Frau mit verbundenen Augen abgebildet ist.
Die Netflix-Serie "Leila" ist eine indische Variante von "Der Report der Magd" Bild: Netflix

Die Geschichte spielt im Jahr 2047, ein Jahrhundert, nachdem Indien seine Unabhängigkeit erlangte. Sie erzählt von einem Militärstaat der Hindus, "Aryavarta", in dem Kasten und religiöse Gemeinschaften streng getrennt sind. Jeder, der außerhalb seiner Gruppe heiratet, wird streng bestraft.

Die Serie spielt eindeutig auf die nationalistische Politik des indischen Premierministers Narendra Modi und seiner "Bharatiya Janata"-Partei an. Er baue eine Nation für Hindus auf und demontiere so die säkularen Prinzipien der indischen Demokratie, lautet ein häufiger Vorwurf gegenüber seiner Regierung. Viele "Leila"- Zuschauer sehen das anders und werfen den Serienmachern in den sozialen Medien "Hinduphobie" vor.

Shitstorm gegen "Paatal Lok" 

Auch andere Serien werden im Netz massiv angegriffen. Darunter die Amazon-Produktion "Paatal Lok", in der Polizeigewalt, Vergewaltigungen und Angriffe auf muslimische Minderheiten thematisiert werden. Oder "Rasbhari", ebenfalls bei Amazon erschienen: Bollywood-Star Swara Bhasker, eine erklärte Kritikern der Regierung, spielt hier gleich mehrere Rollen; sexuelle Unterdrückung und die Ungleichheit von Mann und Frau in Indien sind zentrale Themen. Online-Nutzer stuften die Serie auf der IMDB-Filmseite auf der Beliebtheitsskala von 10 Punkten auf 2,8  runter - einige vermuten eine Regierungskampagne hinter dem Absturz des einstigen Publikumsfavoriten.

Ärger mit der Zensur

Kanada Toronto 2019 | Canadian Screen Awards | Deepa Mehta, Regisseurin
Kanadisch-indische Regisseurin Deepa Mehta mit der Trophäe des Canadian Screen Award in TorontoBild: Nathan Denette/The Canadian Press/AP Photopicture alliance

Bis jetzt waren Streaming-Serien in Indien keiner Zensur unterworfen - anders als Bollywoodfilme oder das Fernsehen, wo Nackt- oder Sexszenen verboten sind. Die meisten Inder schauen Netflix und Amazon auf ihren Tablets oder Smartphones. Es sei hilfreich, so Regisseur Dylan Gray, dass mobiler Datenverkehr in Indien nicht viel koste und so für fast alle erschwinglich sei. "Viele Inder leben im Familienverbund. Das Fernsehen wird von der Generation der Eltern und Großeltern mit Beschlag belegt", erzählt er. "Die Jüngeren gucken Serien also auf ihren Smartphones. Und die sind sehr populär, weil erotische oder nicht jugendfreie Szenen und üble Schimpfwörter beim Streamen so gut wie nicht zensiert werden. Im Kino bekämen sie so etwas nicht zu sehen."

Doch der laxe Umgang mit gestreamten Inhalten könnte sich bald ändern. Am 11. November 2020 kündigte die indische Regierung an, dass digitale Plattformen künftig in den Zuständigkeitsbereich des Informationsministeriums fielen. Dort werden TV- und andere Medien-Inhalte überprüft. Das könnte das Ende der kritischen Serienformate in Indien sein.

Adaption: Suzanne Cords