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Schlotterbeck - zwischen Genie und Wahnsinn

Mathias Brück
24. Januar 2023

Nico Schlotterbeck gilt als Hoffnungsträger in der Innenverteidigung von Borussia Dortmund und der deutschen Nationalmannschaft. Doch seit Monaten ist sein Spiel von Inkonstanz und individuellen Fehlern geprägt.

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Nico Schlotterbeck von Borussia Dortmund hockt enttäuscht auf dem Rasen
Nico Schlotterbeck fällt beim BVB bisher nur durch schwankende Leistungen aufBild: Ralf Ibing/firo Sportphoto/picture alliance

Am Ende des Spiels wusste Nico Schlotterbeck nicht, ob er jubeln oder traurig sein sollte. Eine knappe Stunde zuvor hatte er sich noch mit angespanntem Bizeps von seinen Mitspielern feiern lassen, kurze Zeit später war er nach einem individuellen Fehler jedoch wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Zwar gewann sein Verein Borussia Dortmund am Ende mit 4:3 knapp gegen den Abstiegsbedrohten FC Augsburg, kassierte jedoch erneut drei Gegentore. Es war ein schon fast typisches Schlotterbeck-Spiel. Am besten beschrieb der Blondschopf seine Leistung wohl selbst: "Qualität vorne und keine Qualität hinten." Nicht das beste Zeugnis für einen Spieler, dessen Hauptaufgabe als Innenverteidiger das Verhindern von Toren ist.

Ein schmaler Grat

Das 23 Jahre alte Abwehr-Talent, das vor der Saison für rund 25 Millionen Euro von Freiburg nach Dortmund gewechselt ist, fiel zuletzt immer öfter durch Unsicherheiten auf. Schlotterbeck spielt einerseits mit viel Selbstbewusstsein, bewundernswerter Leidenschaft und großem Kampf, andererseits aber auch mit viel Risiko und macht dabei (immer wieder) entscheidende Fehler. Seine Diagonalpässe sind gewagt, finden sie aber den Weg zu den Außenstürmern, können sie ein probates Mittel für mehr Torgefahr sein. Der Grat, auf dem Schlotterbeck wandert, ist äußerst schmal. Sinnbildlich dafür steht die Schlotterbeck-Bilanz gegen Augsburg: Hinten ein kapitaler Ballverlust, der zum zwischenzeitlichen Ausgleich führte. Vorne ein Treffer zur erneuten Führung. Hinten ein Fehlpass, der wieder den Ausgleich bedeutete. Vorne ein langer Ball, der den Siegtreffer einleitete.

Nico Schlotterbeck, Niklas Süle und Mats Hummels schauen in Richtung der Gegenspieler bei der Ausführung einer Ecke.
Schlotterbeck (li.), Süle (mi.) und Hummels (re.) konnten der BVB-Verteidigung bisher keine Stabilität verleihenBild: Marvin Ibo Güngör/GES/picture alliance

"Das Spiel allgemein zu erklären, ist sehr schwer", sagte Schlotterbeck nach der Partie. Ebenso schwer zu erklären sind seine extrem schwankenden Leistungen seit seinem Wechsel aus dem Breisgau in den Ruhrpott. Nicht wenige Experten hatten gemutmaßt, dass Borussia Dortmund mit den Neuzugängen Schlotterbeck und Niklas Süle sowie dem wieder erstarkten Mats Hummels ihre Abwehrprobleme in den Griff bekommen und ein ernster Konkurrent für Bayern München im Titelkampf sein könnte. Nach der Hälfte der Saison ist die Realität jedoch: Nichts ist beim BVB in dieser Saison gesamtheitlich besser geworden, und besonders die Abwehr um Schlotterbeck wirkt löchriger denn je. 24 Gegentore nach 16 Partien und Platz sechs in der Bundesliga sprechen eine deutliche Sprache. Jedes Spiel des BVB wirkt wie eine Wundertüte und nicht zuletzt wegen der Anfälligkeit der Defensive schwankt der Verein zwischen Extremen.

Lienen: "Schlotterbeck spielt eine Rolle"

Mittelfeldspieler Julian Brandt erklärte bereits nach dem 2:4 in Mönchengladbach im November beispielhaft: "Ich hatte das Gefühl, es kann ein 0:5 geben oder ein 5:3 oder auch ein 8:4". Bei jenem Spiel, dem letzten vor der WM-Pause, war auch zum ersten Mal deutlich geworden, in welcher Formkrise sich der 1,91 Meter große Schlotterbeck befindet. Bereits zur Halbzeit wurde der Neuzugang ausgewechselt - es war der Tiefpunkt einer Entwicklung, die bereits in den Wochen zuvor beim Innenverteidiger zu beobachten war. Die genauen Gründe für dieses Formtief sind wohl nur mit einem internen Einblick zu finden, doch der ehemalige langjährige Bundesliga-Spieler und Trainer Ewald Lienen liefert einen Erklärungsansatz: Bereits im September appellierte der 69-jährige in seinem Podcast "der Sechzehner" an Schlotterbeck, sich wieder auf das Wesentliche zu fokussieren.

Nico Schlotterbeck zeigt seinen Bizeps nach dem 2:1 gegen Augsburg. Links neben ihn steht Jude Bellingham
Nico Schlotterbeck zeigt seinen typischen Jubel nach dem 2:1 gegen AugsburgBild: Ralf Ibing/firo/picture alliance

"Ich halte Nico Schlotterbeck für einen der talentiertesten Innenverteidiger Deutschlands und er hat in den letzten Jahren eine super Entwicklung genommen", sagte Lienen. "Aber seit er in Dortmund und in der Nationalmannschaft ist, also quasi im Fokus, fängt er an, eine Rolle zu spielen. Das ist unglücklich. Er macht den Mund auf, er animiert das Publikum und in Tateinheit mit dieser nicht-authentischen Rolle, die er spielt, macht er einen Fehler nach dem anderen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch."

Leistungen auch in der Nationalelf schwankend

Auch in der Nationalelf wirken Schlotterbecks Leistungen oft wie eine Achterbahnfahrt. Beim Nations-League-Spiel in England ging in der 65. Minute ein Ruck durch den Innenverteidiger. Nach einer gelungenen Rettungstat schrie er seine Kollegen lautstark an, klatschte in die Hände und versuchte sie so wachzurütteln. Nur 15 Minuten später ging er plump in einen Zweikampf gegen seinen BVB-Teamkollegen Jude Bellingham und verursachte durch ein unnötiges Foul im Strafraum einen Elfmeter. Damals hatte er durch seine teils unbeholfene Zweikampfführung bereits drei Strafstöße in seinen ersten fünf Länderspielen verursacht. Nach dem Spiel schrieb das Fußball-Magazin "11 Freunde": "Schlotterbeck ist bereits in WM-Form. Also, wenn mit der WM-Form das Vorrunden-Aus in einer eigentlich machbaren Gruppe gemeint ist." 

Takuma Asano schießt auf das Tor, Nico Schlotterbeck kommt zu spät und Manuel Neuer kann den Ball nicht halten.
Nico Schlotterbeck kommt zu spät, während Takuma Asano das 2:1 für Japan erzieltBild: Robert Michael/dpa/picture alliance

Damals war den Autoren wohl noch nicht bewusst, als wie wahr sich diese Worte erweisen würden. Denn auch bei der WM 2022 in Katar spielte Schlotterbeck eine Rolle beim Gruppen-Aus der deutschen Mannschaft. Bei der bereits entscheidenden Niederlage im ersten Gruppenspiel gegen Japan stand er beim ersten Gegentor ohne Gegenspieler und Aufgabe im Strafraum, beim zweiten leistete gegen Takuma Asano nur Geleitschutz, statt ihn vehement und entscheidend zu stören oder sogar frühzeitig durch ein taktisches Foul zu Fall zu bringen. Die Niederlage war besiegelt. Man konnte fast sagen: Schlotterbeck setzte seine BVB-Form bei der Weltmeisterschaft nahtlos fort. Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündogan sagte nach dem Spiel zweifelsohne in Richtung des Innenverteidigers: "Ich weiß nicht, ob jemals ein einfacheres Tor erzielt wurde bei einer Weltmeisterschaft. Das darf nicht passieren, wir sind hier bei einer WM."

Ein Gesicht des Vereins

An Selbstkritik mangelt es dem ehemaligen Freiburger jedoch nicht. "Ich war in der Bundesliga auch zu inkonstant", sagte er der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". "Mein Spiel hat einfach sehr viele Risiken. Ich habe versucht, diese in den letzten Jahren zu minimieren, aber natürlich habe ich zwei, drei Patzer zu viel gemacht."

Wenn er es über fünf oder sechs Jahre schaffe, gute Spiele abzuliefern, würde er gerne "vielleicht mal ein Gesicht des Klubs werden", so Schlotterbeck. Davon ist er derzeit jedoch noch meilenweit entfernt. In der Rückrunde will Schlotterbeck nun erstmal "Topleistungen bringen". Das wird auch dringend notwendig sein, will sich der BVB nicht in jedem Spiel auf die pure individuelle Qualität seiner Offensivspieler verlassen. Denn auch die werden nicht in jeder Partie vier oder fünf Tore schießen.