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Nigeria: Ogoniland im Chaos

Adrian Kriesch9. November 2015

Der Aktivist Ken Saro-Wiwa wurde vom damaligen Militärregime in Nigeria hingerichtet, weil er sich für die Rechte des Ogoni-Volks einsetzte. 20 Jahre danach profitiert noch immer kaum einer in der Region vom Ölreichtum.

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Nigeria Bodo Fischerboote (Foto: Adrian Kriesch, DW)
Die Fischerboote in Bodo werden kaum noch genutztBild: DW/A. Kriesch

Harry Saro-Wiwa sitzt neben dem Grab seines Bruders. An einem langen Holzpfahl weht eine ausgeblichene, zerfetzte Ogoni-Fahne. Sein Bruder Ken habe sein Leben geopfert für das Wohl der Ogoni. Es sei ihm nie um seinen eigenen Vorteil gegangen, erinnert sich Harry Saro-Wiwa. Gerade als die Erzählung des Bruders emotional wird, kommen mehrere Jugendliche um die Ecke und unterbrechen lautstark das Interview. Einige tragen nur Unterhosen, riechen stark nach Alkohol. Harry erklärt, dass wir über seinen Bruder sprechen, der hier begraben ist. Doch den Jugendlichen ist das egal: „Ken ist ein Held der Ogoni - das geht also nicht nur deine Familie etwas an, sondern alle Ogoni“, ruft einer von ihnen. Schnell wird klar, was sie wollen: Geld. Dafür, dass sie das Grab bewachen. Oder einfach, weil sie eine Chance auf ein paar Scheine wittern.

Ikone der Umweltschutz- und Menschenrechtsbewegung

20 Jahre nach dem Tod von Ken Saro-Wiwa zeigt diese Szene vor allem eins: eine Gesellschaft, in der sich fast alles ums Geld dreht. Der Schriftsteller Saro-Wiwa war 1990 Mitbegründer der "Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes" (MOSOP). Die Forderung Saro-Wiwas: Sein 500.000 Menschen zählendes Volk sollte endlich einen fairen Anteil an den Einnahmen erhalten, die die Ölkonzerne in seiner Heimat im Niger-Delta erwirtschafteten. Außerdem sollten die enormen Umweltverschmutzungen beendet werden.

Harry Saro-Wiwa am Grab seines Bruders (Foto: Adrian Kriesch, DW)
Harry Saro-Wiwa am Grab seines BrudersBild: DW/A. Kriesch

Das Ogoni-Volk wagte den Aufstand gegen die Militärregierung Nigerias und gegen den Shell-Konzern - vollkommen friedlich. 1993 zog sich Shell aus dem Ogoniland zurück und ist bis heute nicht wiedergekommen. Mit diesem Erfolg wurden Saro-Wiwa und seine Mitstreiter zu einer ernsten Bedrohung für das Militärregime unter General Sani Abacha. Der Diktator ließ Saro-Wiwa 1994 gemeinsam mit acht anderen Aktivisten verhaften - unter dem Vorwand, sie steckten hinter dem Mord an gemäßigten Ogoni-Führern. Am 10.11.1995 wurde er hingerichtet - und damit international zur Ikone der Umweltschutz- und Menschenrechtsbewegung.

Arm und ohne Perspektive

Am Grab von Saro-Wiwa geben die Jugendlichen erst wieder Ruhe, als wir ihnen ein paar Getränke kaufen. Harry bittet um Verständnis: Die Jugendlichen hätten keine Perspektive, sagt er.

„Die Ölindustrie hat hier nicht geholfen, sie schafft keine Jobs für die jungen Leute“, sagt auch Iddi Zobare Deboge, Soziologe an der Ken Saro-Wiwa Fachhochschule im Nachbarort Bori. "Die meisten hier können nur als Taxi- oder Motorradfahrer überleben, obwohl es hier so viel Öl gibt!" Früher lebten die Menschen hier vom Fischfang und der Landwirtschaft, doch die Ölförderung zerstörte die Umwelt und damit die Grundlage für diese Wirtschaftszweige.

2011 veröffentlichten die Vereinten Nationen einen Bericht, der die Kosten für die Säuberung der Umwelt in der Region auf über eine Milliarde US-Dollar bezifferte. 30 Jahre werde es dauern, bis alle Umweltschäden beseitigt werden können. „Wir arbeiten mit der Regierung, um mit der Umsetzung so schnell wie möglich zu beginnen“, sagt Igo Weli, ein Sprecher von Shell Nigeria. „Wir wollen helfen und Teil der Lösung des Problems sein.“ Viele Ogoni glauben nicht daran. Amnesty International beschuldigt den Konzern, dass bisherige Aktionen zur Beseitigung der Schäden durch das Öl nicht gründlich durchgeführt wurden.

Umstrittene Entschädigungen

Der Ölmulti Shell steht in Nigeria seit Jahrzehnten in der Kritik. Beobachter werfen dem Konzern und früheren Militärregierungen vor, mutwillig die Gesellschaft zu spalten: Einige Wortführer in der Region würden auf die eigene Seite gezogen, hartnäckige Kritiker hingegen ausgegrenzt, so der Vorwurf. Immer wieder zahlt der Konzern Millionen - um sein Image zu retten und Gerichtsprozesse zu verhindern: 2009 15,5 Millionen US-Dollar an die Hinterbliebenen von Ken Saro-Wiwa und die anderen acht Hingerichteten - offiziell nicht als Schuldanerkennung, sondern als menschliche Geste. 2015 flossen 84 Millionen US-Dollar an die Bewohner des Dorfes Bodo, wo 2008 und 2009 Öl aus den Pipelines von Shell austrat. Denn auch nach dem Ende der Ölförderung durch Shell in Ogoniland laufen die Pipelines des Konzerns weiter durch das Gebiet.

Im Zentrum der Kritik: Shell in Nigeria (Foto: Adrian Kriesch, DW)
Im Zentrum der Kritik: Shell in NigeriaBild: DW/A. Kriesch

In Bodo ist die Umweltkatastrophe noch immer überall sichtbar. Auf dem Wasser der Flüsse schillern Ölteppiche, der Sand am Ufer ist voller Dreck und Öl. „Hier kann man kaum noch etwas fangen“, sagt Fischer Sinebari Bonwa. „Früher gab es hier sogar Austern - aber die Zeiten sind vorbei.“ Kaum eines der Fischerboote am Ufer wird noch regelmäßig genutzt.

Gedämpfte Hoffnungen für die Zukunft

Einige Menschen hier seien durch die Zahlungen von Shell zu Wohlstand gekommen, sagt Dorfbewohner Emmanuel Adakobane. „Manche machen jetzt Stimmung dafür, dass auch das Geld für die Umweltsäuberung einfach unter ihnen verteilt werden soll. Aber das kann doch nicht funktionieren“, sagt Adakobane. Er hofft, dass sich Industrien ansiedeln könnten und Arbeitsplätze entstehen, sobald die Umweltschäden beseitigt sind. Viele aber dächten nicht so weit, sondern nur an ihren eigenen Vorteil: „Das Problem der Leute hier ist: Wenn es 100 Menschen sind, wollen sie auch sofort Jobs für alle 100. Aber das ist unmöglich.“

Zurück am Grab von Ken Saro-Wiwa. Sein Bruder Harry blickt verhalten optimistisch in die die Zukunft: „Ich bete und hoffe, dass eines Tages alles erreicht wird, wofür Ken gestorben ist“, sagt er. „Das zumindest die nächsten Generationen vom Öl profitieren werden - und dieser Ort nicht mehr so trostlos ist.“ Harry Saro-Wiwa weiß aber auch, dass die Vorzeichen nicht gut stehen: Der Weltmarkpreis für Öl ist im Keller, die Investitionsbereitschaft von Firmen ist gering und dem klammen nigerianischen Staat fehlen die Einnahmen und die Kontrolle über seinen Ölreichtum: Im ganzen Niger-Delta verdienen noch immer zahlreiche Rebellengruppen an Öldiebstahl und Entführungen. Besserung ist nicht in Sicht, denn Ende des Jahres läuft ein Abkommen zwischen Regierung und einigen militanten Gruppierungen aus, die gegen Geld und Jobs vorübergehend ihre kriminellen Aktivitäten in der Region eingestellt haben.

Der nigerianische Aktivist Ken Saro-Wiwa (Foto: dpa)
Aktivist Ken Saro-WiwaBild: picture-alliance/dpa