NSU-Aufarbeitung bei der Videonale

Die Videonale zeigt in einer Ausstellung Videoinstallationen aus aller Welt. Der Kurzfilm "Tiefenschärfe" arbeitet die NSU-Morde auf und kritisiert zugleich die mediale Berichterstattung.

Als Studenteninitiative gegründet, ist sie nun eines der renommiertesten Festivals für Videokunst in Europa: die Videonale. Internationale Künstler unter anderem aus Taiwan, Indien, Israel, aus Deutschland und Europa stellen hier aus. Insgesamt 29 audiovisuelle Beiträge: Videoinstallationen, Kurzfilme, experimentelle Kunstfilme. Klassische, lineare Formate? Fehlanzeige. Aber diese Filme befassen sich oft mit relevanten Themen.

"Wir zeigen viele Arbeiten, die ganz direkt auf Berichterstattungen aus den normalen Medien zurückgreifen und sie wiederaufarbeiten", sagt Kuratorin Tasja Langenbach. Als Beispiel nennt sie das Werk "Tiefenschärfe" von den beiden deutschen Filmemacherinnen Alexandra Gerbaulet und Mareike Bernien. Der knapp 15-minütige Film setzt sich mit den NSU-Morden auseinander. Zu sehen sind Orte in Nürnberg, die mit den drei Morden in Verbindung stehen, die der NSU zwischen 2000 und 2005 begangen hat. Schlichte Bilder von einer Häuserfront, einem Wald, einer Straße machen die Aussagen über juristische Verfehlungen und die Problematik der medialen Berichterstattung umso kraftvoller.

Die Bilder werden immer wieder gekippt, die Normalität wird aufgebrochen. Kritisiert wird unter anderem, dass lange nur in Richtung der betroffenen Familien ermittelt wurde, die selbst zu "Tätern imaginiert wurden", wie die Künstlerinnen sagen. Die Medien hätten dieses Bild weiter verbreitet. Namen waren lange in den Nachrichten nicht präsent, sagt auch Tasja Langenbach. Das Video gibt den Opfern jetzt ihre Namen zurück. Die beiden Künstlerinnen sagen, ihr Film sei aus "Ärger, Wut und Unwohlsein sowie einer langjährigen Beschäftigung" mit den NSU-Morden entstanden. 

Motto: Gebrochene Wirklichkeiten

Das Motto in diesem Jahr ist "Refracted Realities" (dt. "Gebrochene Wirklichkeiten"). Insbesondere wird die Fragestellung aufgegriffen, wie künstlerische Medien sich kritisch mit der eigenen Rolle auseinandersetzen können. Aus 1100 Einsendungen aus 66 Ländern hat eine Jury die 29 Ausstellungsstücke ausgesucht. "Der Auswahlprozess ist tatsächlich sehr subjektiv. Wir haben wenige formale Vorgaben; die Arbeiten dürfen nicht älter als zwei Jahre sein, sonst ist es aber sehr offen", so Langenbach. "Wir fragen uns eher: Was gefällt uns? Was hat für uns eine relevante Aussage? Bei welchem Künstler haben wir das Gefühl, er oder sie arbeitet auf eine neue Art und Weise mit dem Material und der Kamera?"

Kunst | 06.10.2018

Filme laufen in Dauerschleife

Die Videonale zeigt die Filme nicht wie andere Filmfestivals im Kino, sondern im Kunstmuseum in Bonn. In der Videonale-Ausstellung laufen die Filme in Dauerschleife und teilen sich den Raum mit anderen Beiträgen. Insgesamt sind es 13 Stunden und 44 Minuten Bildmaterial. Kaum möglich, sich bei einem Besuch alles anzuschauen. Aber so sei es auch gewollt, erklärt Tasja Langenbach. Die meisten Arbeiten seien so konzipiert, dass man auch durch die bruchstückhafte Wahrnehmung des Werkes seine Bedeutung und Intention erfassen könne. Kaum eine Arbeit sei linear gedacht.

Museumsintendant Stephan Berg und die Kuratorin der Ausstellung Tasja Langenbach

"Auch eine Malereiausstellung, die man locker in 15 Minuten durchlaufen kann, hat man danach nicht wirklich wahrgenommen. Man hat sie einmal kurz gescannt, aber längst nicht alles verinnerlicht. Erst eine längere Betrachtung ermöglicht bestimmte ästhetische Erlebnisse", sagt Stephan Berg, der Intendant des Kunstmuseums.

Bedrückende Stimmung: "Ich sehe dich"

Die französische Künstlerin Stéphanie Lagarde verknüpft in ihrem Film "Déploiements" (dt. "Einsätze") Videoaufnahmen realer Soldaten mit einer virtuellen Menschenmasse, die demonstrierend durch Straßen zieht. Irgendwann stellt die Polizei sich dem Mob in den Weg. Militärische Befehle erklingen aus dem Off, gepaart mit einem unheilvollen "I see you" (dt. "Ich sehe dich"). Virtualität in Videospiel-Optik verschwimmt hier mit der Realität. Lagarde spielt mit ihrem Film auf die Überwachung im öffentlichen Raum sowie die Transparenz in sozialen Medien an.

Viel zu entdecken: Videonale präsentiert knapp 14 Stunden Film in einer Ausstellung

Immer wieder Thema: Digitalisierung und soziale Medien

"Wir haben mehr Arbeiten als in der Vergangenheit, die sich inhaltlich mit sozialen Medien auseinandersetzen, viele Rückgriffe auf Medien, mit denen wir tagtäglich interagieren. Sowohl inhaltlich als auch ästhetisch auf der Bildfläche. Die Künstler verwenden Bilderwelten aus dem Internet wie ein Töpfer Ton." Das sei ein Thema gewesen, auf das sich in diesem Jahr viele Künstler konzentriert hätten - egal in welchem Alter und von welcher Nationalität.

Einer dieser Künstler ist Stefan Panhans. In "Hostel", der Mini-Serie des Deutschen, interagieren fünf Darsteller in einem Mehrbettzimmer miteinander und mit den Sprachassistenten Siri und Alexa. Die Performance erinnert an ein Theaterstück, die Darsteller tragen ihre realen Namen und lassen persönliche Einstellungen und Erfahrungen einfließen. Alltagsrassismus, Geschlechterrollen und Sprache sind vorherrschende Themen, aber auch die Digitalisierung und soziale Medien, die zunehmend zu einer Überforderung der Menschheit führen würden.

Indischer Beitrag gewinnt Videonale-Preis

Bei der Eröffnung der Videonale hat Panhans von der Jury eine ehrende Erwähnung erhalten, der mit 5000 Euro dotierte Videonale-Preis ging aber an Sohrab Hura aus Indien, dessen fast 120-minütiger Beitrag der längste in der Ausstellung ist und dessen voyeuristische, immer schneller aufeinander folgenden Bilder die sozio-politischen Entwicklungen in Indien hinterfragen. 

Die Ausstellung rund um das Videonale-Festival ist vom 21. Februar bis 14. April 2019 im Kunstmuseum in Bonn zu sehen.

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