Kiew und Moskau liegen über Kreuz

Die Orthodoxe Kirche in der Ukraine pocht auf Eigenständigkeit. Nach 300 Jahren will sie sich von Moskau lösen - nicht zuletzt aufgrund der russischen Annexion der Krim. Die russische Mutterkirche reagiert empört.

Im Istanbuler Stadtviertel Fener könnte christlich-orthodoxe Geschichte geschrieben werden. Seit Dienstag trifft sich dort die Synode des Patriarchats von Konstantinopel, das unter 14 orthodoxen Landeskirchen den Status "Erster unter Gleichen" genießt. Es geht um die so genannte Autokephalie, die völlige Eigenständigkeit der orthodoxen Kirche in der Ukraine, die bisher Teil des Moskauer Patriarchats ist.

Drohende Spaltung der Orthodoxie

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel hat bereits signalisiert, dass er dem Ersuchen stattgeben könnte, und Anfang September zwei Gesandte nach Kiew geschickt. Sollte Konstantinopel tatsächlich der Ukraine einen so genannten 'Tomos' ausstellen, eine Art Urkunde über die Eigenständigkeit, wäre eine mehr als 300-jährige Dominanz russischer Kirche in der Ukraine gebrochen. Der Patriarch von Konstantinopel argumentiert, seine Kirche habe die Hoheit über die orthodoxe Ukraine im Jahre 1686 nicht für immer, sondern nur temporär an die russische Kirche übergeben.

Moskau reagierte darauf mit einer Mischung aus Wut, Widerstand und Verzweiflung. Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche sprachen von "einem tückischen Plan" Konstantinopels und drohten, die Beziehungen abzubrechen. Die Kirche in Moskau verbot ihren Bischöfen unter anderem die Konzelebration mit Bischöfen von Konstantinopel, also das gemeinsame Feiern von Messen am Altar.

Patriarch Kirill von Moskau und Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel

"Moskau spricht die Sprache des Kriegs", sagt der renommierte russische orthodoxe Theologe und Erzdiakon Andrej Kurajew gegenüber der DW. Tatsächlich "kann es zu einer Spaltung kommen", meint Regina Elsner, Orthodoxie-Expertin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin. Die scharfe Kritik aus Russland zeige, dass das Moskauer Patriarchat in der Ukraine-Frage "zurzeit völlig machtlos" sei.

Neue Kirche nach der Unabhängigkeit

Das war noch vor kurzer Zeit anders. In der Ukraine gab es zwar wiederholt Bestrebungen nach einer eigenständigen orthodoxen Kirche, doch scheiterten diese immer wieder am "Njet" aus Moskau. Das führte infolge der Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre zu einer Aufsplitterung der ukrainischen Kirche. Heute gibt es im Land drei orthodoxe Kirchen. Die größte und bis vor kurzem auch einflussreichste ist die Ukrainische Orthodoxe Kirche, die zwar Moskau der Russischen Orthodoxen Kirche untersteht, dort aber einen Autonomiestatus besitzt. Die anderen beiden Kirchen haben sich von ihr losgesagt, werden aber von Konstantinopel bislang nicht anerkannt. Über die genaue Zahl der Kirchenmitglieder gibt es keine zuverlässigen Angaben. Nach einigen Schätzungen soll die Ukrainische Orthodoxe Kirche über 10.000 Pfarreien verfügen, die anderen, unabhängigen Kirchen über deutlich weniger.

2018 feierte die Ukraine den 1030. Jahrestag ihrer Christianisierung

Doch warum hat die Ukraine ausgerechnet jetzt eine Chance auf Autokephalie? Kirchenexperten nennen insbesondere drei Faktoren. Zum einen habe sich die Stimmung nach der russischen Krim-Annexion und dem Krieg in der Ostukraine stark verändert: Russland ist für viele Ukrainer kein Bruderland mehr, sondern ein Aggressor. Diese Einstellung überträgt sich auch auf die Russische Orthodoxe Kirche, die seit Jahren ein enges Verhältnis zum Kreml pflegt und dessen Politik gutheißt. "Man kann heute schon sagen, dass nicht ein Politiker und nicht eine Gruppe Gläubiger, sondern die Ukraine als Ganzes um Autokephalie bittet", sagt Erzdiakon Kurajew.

Zum anderen spielt auch der Machtkampf innerhalb der orthodoxen Kirche zwischen Moskau und Konstantinopel eine große Rolle. Als ein Schlüsselereignis nennen viele Experten das von Bartholomaios I. mitorganisierte Panorthodoxe Konzil auf Kreta 2016, zu dem die Russische Orthodoxe Kirche nicht angereist war. Als möglicher Hintergrund wird in Fachkreisen der Machtanspruch Moskaus genannt, das sich als die größere und stärkere Kirche innerhalb der Orthodoxie wahrnimmt. Mit dem Verlust von Millionen Gläubigen in der Ukraine dürfte dieser Anspruch einen herben Rückschlag erleiden.

Schließlich dürfte auch die Politik eine Rolle gespielt haben. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko unterzeichnete im April einen Appell der beiden kleineren, bislang nicht anerkannten orthodoxen Kirchen mit der Bitte um Anerkennung und Eigenständigkeit. Das Parlament segnete den Appell an den Patriarchen von Konstantinopel ab. Es gehe um eine endgültige Unabhängigkeit von Moskau, so Poroschenko: "Hier geht es nicht nur um Religion, sondern auch um Geopolitik".

Sollte Konstantinopel jetzt der ukrainischen Autokephalie zustimmen, wäre das ein starker Trumpf in Poroschenkos Wahlkampf bei der Präsidentenwahl im März 2019.

Hoffnung auf Aufbruch und Angst vor Gewalt

Noch ist unklar, wie und wann sich die neue orthodoxe Kirche formieren soll und wie ihr Verhältnis zur russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine sein wird. Langfristig dürfte es wohl auf zwei parallel existierende orthodoxe Kirchen hinauslaufen, die eine unter dem Dach der Moskauer Kirche, die andere unter dem Konstantinopels.

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Das Kloster in Potschajew in der Westukraine gehört der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats - noch.

Dabei wird befürchtet, dass es zu Spannungen und Gewalt kommen könnte. Die unabhängige ukrainische orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats hat bereits angekündigt, Anspruch auf das berühmte Kiewer Höhlenkloster aus dem 11. Jahrhundert oder das Kloster in Potschajew in der Westukraine zu erheben. Beide sind heute in der Hand der russisch dominierten Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. "Es wird eine große Herausforderung für den ukrainischen Staat sein, Religionsfreiheit für alle Beteiligten zu gewährleisten", sagt Regina Elsner. Auch Andrej Kurajew warnt vor "schwierigen Jahren", die auf die Ukraine zukommen.

Viele Gläubige teilen diese Sorgen und wünschen sich, dass das neue Kapitel in der Geschichte ukrainischer Orthodoxie friedlich verläuft. Einen "Kirchenkrieg", soviel sei klar, dürfe es nicht geben.

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