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Oper kämpft für Freilassung Osman Kavalas

Cristina Burack woj
24. Juni 2020

Der türkische Aktivist sitzt seit fast 1000 Tagen in Einzelhaft, nur zwei Schnecken leisten ihm Gesellschaft. Sein Schicksal wurde nun als Oper aufgeführt - im Corona-Modus.

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Porträtfoto zeigt Osman Kavala lächelnd. Er trägt einen schwarz-grauen Bart und ein weißes Hemd
Aktivist Osman Kavala sitzt seit fast 1000 Tagen in Einzelhaft im Hochsicherheitsgefängnis SilivriBild: Privat / Screenshot from Osman Bey and the Snails

Als der türkische Philanthrop Osman Kavala am 18. Februar nach 840 Tagen Einzelhaft aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat er zwei Gefährten mit in die Freiheit genommen: kleine Schnecken. Entdeckt hatte er sie auf einem Salatblatt seines Essens, das ihm im Hochsicherheitsgefängnis in die Zelle gebracht worden war. Seit der Isolationshaft hat er sich um seine neuen Haustiere gekümmert.

Doch nur wenige Stunden nach Kavalas Entlassung wurde der Kulturförderer und Mäzen unter höchst fragwürdigen Vorwürfen erneut festgenommen. Diese Ungerechtigkeit und die kleine Geschichte über die zwei Schnecken inspirierte die britische Operngesellschaft Opera Circus. Während des globalen Coronavirus-Lockdowns schuf sie eine digitale Oper, um auf die nun fast 1000 Tage andauernde Einzelhaft aufmerksam zu machen.

Die zehnminütige Oper "Osman Bey and the Snails", von der es auch eine Version mit türkischen Untertiteln gibt, wurde am 21. Juni auf den Videoplattformen Vimeo und YouTube veröffentlicht. Die Musik komponierte Nigel Osborne, dessen Werke bereits von renommierten Orchestern wie dem Berliner Konzerthausorchester oder den Londoner Philharmonikern gespielt wurden.

Kultur-Mäzen Kavala in Einzelhaft

Der Komponist Osborne und der Kulturförderer Kavala trafen erstmalig 2014 während eines Seminars zur Friedensbildung mithilfe von Kunst in Salzburg aufeinander. "Ich lernte dort einen Menschen kennen, der genauso war, wie er mir zuvor beschrieben worden war", sagt Osborne der DW. "Man hatte mir von seiner Großzügigkeit, seiner Freundlichkeit und seiner Würde erzählt. All das bewahrheitete sich. Und ich schätzte auch seine großartige Arbeit, und wie er es verstand, Brücken mithilfe von Kultur zu bauen."

Kavala galt vor seiner Inhaftierung als einer der bedeutendsten Unterstützer der türkischen Zivilgesellschaft. Seine Stiftungen förderten unter anderem Kulturprojekte in vernachlässigten Regionen der Türkei. Besonders aktiv zeigte er sich 2013 während der Proteste am Gezi-Park in Istanbul. Damit gelangte er ins Visier des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der Kavala zu einem der Hauptverantwortlichen der Protestwelle erklärte.

Lockdown-Oper übers Eingesperrt-Sein

Der Zufall wollte es, dass Osborne bereits lange mit dem Gedanken gespielt hatte, eine Oper über Schnecken zu schreiben. Als der Komponist von Kavala und seinen Gefängnis-Schnecken erfuhr, sprang der Funke direkt über. Osborne las, wie sich Kavala um sie kümmerte und sie nach seiner nur wenige Stunden andauernden Freilassung seinem Anwalt anvertraute. Für Osborne war diese Geschichte beispielhaft für Kavalas Fürsorge und Liebe zur Natur.

Im Vordergrund steht eine Person mit Ohrstöpseln im Ohr, im Hintergrund eine weiß Geschminkte - angedeutete Gitterstäbe sind ganz vorn zu sehen (Foto: privat / Screenshot von "Osman Bey and the Snails")
Singende Schnecken - die Sängerinnen Lore Lixenberg (l.) und Nadine Benjamin hinter angedeuteten GitterstäbenBild: Privat / Screenshot from Osman Bey and the Snails

"Dieser Mann, der den schrecklichsten Umständen ausgesetzt ist, findet die Zeit, sich um zwei Schnecken zu kümmern, die in seinem Salat aufgetaucht sind", sagt Osborne. "Und die Tatsache, dass er sich später Sorgen um sie macht, als er für nur wenige Stunden frei gelassen und dann wieder inhaftiert wurde (...)." Die Oper sei eine nette Art, zu vermitteln, wie Osman Kavala sei. "Osman hat der Welt mithilfe von Kultur geholfen, also ist es an der Zeit, dass die Kulturwelt nun ihm hilft", fügt der Komponist hinzu.

Osborne komponierte die Musik in zwei Nächten Anfang April. Während des vorübergehenden Höhepunkts der Coronavirus-Pandemie arbeitete er tagsüber als Freiwilliger für den nationalen Gesundheitsdienst (NHS). Mit dem Projekt wandte er sich an seine langjährige Mitarbeiterin und Freundin Tina Ellen Lee, Direktorin von Opera Circus. Ohne zu zögern, stellte sie ein Kreativ- und Technikteam zusammen.

So fühlt sich Isolation an

Während der Produktion befanden sich alle Beteiligten wegen der Pandemie im Lockdown. Die Sängerinnen und Sänger erhielten in verschiedenen Ländern die Partitur und eine aufgenommene Klavier-Tonspur. Dann filmten sie sich selbst mit ihren Smartphones und sangen zu einem digitalen Metronom, das es Filmemacher Robert Golden später möglich machte, alle Gesangparts zusammenzufügen.

Mann hat Ohrstöpsel im Ohr und den Blick nach unten gewandt. Im Hintergrund sind Gitterstäbe zu sehen (Foto: privat / Screenshot von "Osman Bey and the Snails")
Sänger und Kameramann: Darren Abrahams als inhaftierter Kavala, steuerte seinen Part aus dem englischen Brighton hinzuBild: Privat / Screenshot from Osman Bey and the Snails

Die isolierten Produktionsbedingungen bedeuteten, dass Osborne und Golden viele Stunden am Telefon verbrachten und die Einzelbilder der Filme zählten, um sicherzustellen, dass alles auf die Sekunde genau passte. Osborne schätzt, dass 500 bis 600 Stunden in der zehnminütigen Produktion stecken. Alle Beteiligten verzichteten auf ein Honorar.

Die Tatsache, dass die Operninszenierung über die Einzelhaft mit der globalen Abriegelung zusammenfiel, habe zu einer unerwarteten Resonanz geführt, meint Produzentin Lee. So hätten die Leute "nur einen kleinen Eindruck davon vermittelt bekommen, wie sich diese (Gefangenschaft) anfühlt". Sie fügte hinzu: "Es lässt einen sehr intensiv über die gegenwärtige Situation und die Welt nachdenken."

Der inhaftierte Kavala hat die Oper selbst nicht gesehen. Doch er hatte seine Erlaubnis dazu gegeben - das Team konnte über seine Frau mit ihm kommunizieren. Auf diesem Weg habe er auch mitteilen lassen: "Ich finde den Text der Schnecken recht realistisch, aber über die Darstellung der Zustände hier im Gefängnis kann ich das nicht sagen." So ließ er ausrichten, "dass die Gefängniswärter viel freundlicher sind. Er habe im Gefängnis nur Höflichkeit erfahren", erklärte Osborne. "Die Gefängnisangestellten behandeln ihn gut, nicht so die Regierung."

Hoffnung auf zukünftige Live-Aufführung

Während tausende Gefangene aus Angst vor dem Coronavirus in der Türkei freigelassen wurden, wird Osman Kavala weiterhin im Hochsicherheitsgefängnis Silivri festgehalten. Das Opern-Team glaubt zwar nicht, dass die Inszenierung zu einem radikalen Wandel führen wird. Dennoch glauben sie, dass die Schilderung von Kavalas Schicksal neue Zielgruppen erreichen, sie berühren oder gar zum Umdenken veranlassen könnte.

Mann mit Schnurrbart im Anschnitt steht in einer offenen Tür (Foto: privat / Screenshot von "Osman Bey and the Snails")
Andy Morton als Gefängniswärter - eine "Monsterfigur" im "märchenhaften" Sinne, so Komponist OsborneBild: Privat / Screenshot from Osman Bey and the Snails

"Keiner von uns hat die Arroganz, anzunehmen, dass eine zehnminütige Oper die Welt verändert. Aber schließlich weiß man nie, auf wessen Handy sie auftaucht", sagt Lee und fügt hinzu: "Mithilfe einer Oper kann man über Dinge sprechen, die die Menschen anders eventuell nicht verarbeiten könnten." Osborne ergänzt, dass die Oper sicherlich nicht die Welt verändere, "aber sie kann helfen, emotionale Wahrheiten zu vermitteln. Und sie kann auch dazu beitragen, Menschen Kraft und Unterstützung zu geben".

Gegenwärtig gibt es keine weiteren Pläne für "Osman Bey and the Snails". Doch eine Hoffnung hat Komponist Osborne: Sollte Kavala frei kommen, so möchte er für ihn die Oper auf dem Schlossgelände in Salzburg aufführen - an dem Ort, wo sie sich zum ersten Mal getroffen haben.