Polens Klerus und der Missbrauch an Minderjährigen

Auch das ur-katholische Land Polen muss sich mit dem Thema Missbrauch von Priestern an Minderjährigen befassen. Der Druck auf die Kirche wächst. Im Frühjahr wollen die Bischöfe einen Bericht vorlegen.

Auf einer Landkarte Polens markiert Marek Lisiński die Orte, an denen sexueller Missbrauch durch Geistliche stattgefunden hat. 150 dunkelrote Punkte sind schon eingetragen. 50 schwarze Punkte stehen für bestrafte Täter, weitere für angezeigte Fälle, die Marek noch überprüfen muss. In seinem Archiv hat er noch weit mehr Aussagen von Opfern gespeichert.

Seinen Lebensunterhalt verdient der 50-jährige Handwerker mit Fensterreparaturen. Doch sein Engagement gilt der vor fünf Jahren gegründeten Stiftung "Fürchtet euch nicht", mit der er den Opfern helfen will. "Ich tue das, weil ich weiß, wie einsam und ratlos sich ein Missbrauchsopfer fühlt", sagt er im Gespräch mit der DW.

Leidensweg im Pfarrhaus

Er weiß genau, wovon er spricht. Sein eigenes Drama hat sich in einem kleinen Dorf nördlich von Warschau abgespielt. Mit zwölf Jahren wurde er, wie viele andere Jungen im Dorf, Ministrant der Dorfkirche. Nach der Sonntagsmesse wurde er oft ins Pfarrhaus gelockt, wo er auch immer wieder übernachtete. Der Pfarrer bot ihm dort Süßigkeiten an, die in der damaligen Mangelwirtschaft besonders begehrt, aber selten waren. Seinen Vater kannte Marek nicht und die alleinstehende Mutter hat die Besuche des Kindes beim Pfarrer schweigend akzeptiert. "Der Pfarrer hat die emotionalen Defizite in meiner Familie ausgenutzt. Er hat mich an sich gebunden und mich monatelang sexuell missbraucht", sagt Marek.

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Als er den Täter nach 30 Jahren beim Bischofsgericht anklagte, erlebte er sein Trauma erneut. "Vor den Priestern in ihren schwarzen Röcken musste ich alles wiedergeben, was mir damals passierte. Jedes Detail musste ich in Anwesenheit dieser Herren genau durchgehen. Das war schrecklich", erinnert sich Marek. Der Geistliche, der ihn missbraucht hatte, wurde für drei Jahre von seiner Tätigkeit in seinem Heimatdorf suspendiert. Heute arbeitet er wieder als Pfarrer. "Er hat so gut wie keine Strafe bekommen", empört sich Marek verbittert. Er hat ihn auch vor Gericht verklagt und wartet jetzt auf die Entscheidung.

Recht und Justiz | 19.10.2018

Toleranz für die Täter

Nach polnischen Medienberichten wurden knapp 30 katholische Priester in den Jahren 2002 bis 2012 von Bischofsgerichten verurteilt. Die Dunkelziffer mag höher liegen, doch die Zahlen erfährt man nicht, weil die Kirchenakten geschlossen bleiben. In einem der krassesten Fälle durfte ein Pfarrer, der für den Missbrauch an sechs Mädchen rechtskräftig verurteilt wurde, trotzdem weiter in seinem Dorf arbeiten. Der Bischof hat ihn verteidigt, indem er die Schuld auf die Kinder abwälzte, die angeblich "eine Nähe zum Pfarrer" gesucht hätten.

Bestrafungen gegen Missbrauchs-Priester sprechen auch staatliche Gerichte aus, doch zumeist werden milde Urteile gefällt. Nur knapp 60 Fälle sind aus den letzten Jahren bekannt. Wenn eine Gefängnisstrafe verhängt wird, dann meistens auf Bewährung. Die Opfer bekommen in der Regel keine angemessene Wiedergutmachung. Wenn Geld ausgezahlt wird, dann geschieht es unter dem Motto der "christlichen Güte" - und nicht, weil dem Opfer Leid zugefügt wurde.

Deshalb wirkte ein Urteil eines polnischen Gerichts im Oktober wie eine Sensation: Zum ersten Mal wurde eine Ordensgemeinschaft und nicht ein einzelner Priester zur Zahlung einer Entschädigung in Höhe von 250.000 Euro verurteilt. Das Geld wurde ausgezahlt, doch jetzt will der Orden es zurückhaben und hat beim Obersten Gerichtshof gegen das Urteil geklagt. Der Klerus beruft sich dabei auf das polnische Kirchenrecht, welches den Tätern und nicht der Institution die Verantwortung zuweist. Die katholischen Kirchen in Westeuropa, Australien oder den USA, übernehmen hingegen die Haftung und entschädigen die Opfer.

Ein Bruch mit Tabus

Doch die polnische Kirche steht zunehmend unter Druck. In diesem Herbst lief in den polnischen Kinos der Film "Klerus", der erstmalig mit Kirchentabus bricht und Machtgier, Korruption, Sex und Missbrauch in den Reihen des Klerus thematisiert. Den Blockbuster haben über fünf Millionen Polen gesehen - Kinobesucherrekord für das Land. Im Herbst haben in Warschau tausende Menschen unter dem Motto "Hände weg von den Kindern" gegen die Toleranz für Missbrauchspriester protestiert. Im Rahmen der Aktion "Baby shoes remember" wurden an Kirchenzäunen in ganz Polen Kinderschuhe gehängt, symbolisch für den Kindermissbrauch. In den meisten Orten wurden sie aber schnell wieder von den Gottesdienstbesuchern entfernt.

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Die Kirche will sich dem Problem stellen, heißt es seitens der polnischen Bischofskonferenz. "Wir bitten Gott, die Opfer des Missbrauchs und ihre Famlien und die Kirchengemeinschaft um Verzeihung für die Leiden, die den Kindern und jungen Menschen und ihren Nächsten zugefügt wurden", heißt es in einer Erklärung der Bischöfe vom November. Im Zuge der aufgeheizten Debatte haben bereits einige der 41 polnischen Diözesen nun Zahlen veröffentlicht. Es handelt sich jeweils um eine Handvoll anonymer Täter, die entweder bestraft wurden oder sich in Therapie befänden.

Die Bischöfe wollen weitere Daten zum Missbrauch durch Geistliche sammeln und im Frühjahr 2019 einen Bericht vorlegen. Wieviel dann über das Ausmaß des Kindermissbrauchs und über den Umgang mit beschuldigten Priestern bekannt werden könnte, hängt davon ab, wie viele Bischöfe transparent sein wollen. Eine Einsicht in Kirchenakten wird nicht möglich sein. Laut Kirchenrecht müssen sie geschlossen bleiben.

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