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Protest bis zum letzten Tintentropfen

Roxana Isabel Duerr27. Juni 2016

Für seine regierungskritischen Karikaturen drohen ihm 43 Jahre Haft, doch Malaysias berühmtesten Zeichner Zunar schreckt das nicht ab. Seine Arbeit sieht er als Pflicht gegenüber seinem Land an.

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Zulkiflee Anwar Haque Zunar (Foto: Getty Images)
Bild: Getty Images/AFP/M. Rasfan

Egal, wo Zunar in der Welt unterwegs ist, die Handschellen und sein lilafarbenes Gefängnishemd müssen immer mit ins Gepäck. Auch hier in Berlin, bei einer Konferenz von Friedrich-Naumann-Stiftung und "Reporter ohne Grenzen" hat er sie dabei.

"Diese Accessoires stehen für meinen grenzenlosen Aktivismus," sagt der 52-jährige Cartoonist aus Malaysia, mit einem Zwinkern hält er die Handschellen hoch. "Sie können meine Hände anketten, meine Beine, meinen Nacken oder meinen ganzen Körper. Aber ich werde nicht aufhören, zu zeichnen," betont Zunar und präsentiert dem Publikum eines seiner letzten Werke. Es zeigt ihn selbst, halb in der Luft baumelnd, Ketten am ganzen Körper - nur der Malstift hängt ihm noch zwischen den Zähnen. Malaysias bekanntester Zeichner benutzt seinen Humor, um politische Missstände, wie Machtmissbrauch, Korruption der Eliten und moralische Krisen in Gesellschaft und Justizsystem Malaysias aufzuzeigen.

Zeichnen gegen politische Missstände

Weil er sich auf Twitter kritisch über die Verurteilung des Oppositionsführers Anwar Ibrahim geäußert hat, drohen ihm nun bis zu 43 Jahre Gefängnis wegen Volksverhetzung. Zunar ist den Behörden schon lange ein Dorn im Auge, die Polizei durchsuchte mehrfach sein Büro. Er wurde immer wieder drangsaliert und inhaftiert. Trotz internationaler Preise ist die Veröffentlichung von Zunars Arbeiten in Malaysia verboten. "Es ist doch ganz eindeutig," sagt Zunar und kichert, "die malaysische Regierung leidet unter akuter Cartoon-o-phobie".

Seine Karikaturen veröffentlicht Zunar nun im Netz, auf Facebook, Twitter und auf seiner Website - ganz urheberrechtsfrei. Für seinen Mut wurde er zuletzt mit einem Preis von der schweizerischen Stiftung "Cartoons für den Frieden" geehrt, deren Ehrenpräsident der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan ist. Nachdem Zunar über eine Crowdfunding-Plattform 15.000 US-Dollar einsammeln konnte, wurde er auf Bewährung freigelassen und konnte seinen Preis in Genf persönlich entgegennehmen.

Dunkle Zeiten für die Pressefreiheit

Grundlage für Zunars Anklage ist das sogenannte "Gesetz gegen staatsgefährdende Aktivitäten" - ein Relikt aus der Kolonialzeit. Die malaysische Regierung griff in den letzten Jahren häufig darauf zurück, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen und öffentliche Debatten zu unterbinden.

Es sind dunkle Zeiten für die Pressefreiheit in Malaysia. Im letzten Bericht von "Reporter ohne Grenzen" nahm das Land Platz 146 von 180 ein, hinter Myanmar und Bangladesch. Allein im ersten Halbjahr 2015 wurden laut Amnesty International mehr als 40 Journalisten, Akademiker, Anwälte und Aktivisten wegen "staatsgefährdender Aktivitäten" verhört, inhaftiert oder angeklagt. Zunars nächster Gerichtstermin findet am 8. September statt.

Fehlende Unabhängigkeit der Justiz

"Wir haben einen Justizminister, einen Obersten Richter und einen Justizpalast - aber wir haben keine Gerechtigkeit", beklagt Zunar. Auch zwei seiner Anwälte wurden unter dem Volksverhetzungsgesetz angeklagt. "Unter dem autoritären Regime von Premierminister Mahathir wurde die Macht der Justiz stark eingeschränkt und diese Entwicklung wurde in den letzten Jahren immer drastischer," betont der Malaysia-Experte Andreas Ufen vom GIGA-Institut in Hamburg. Trotz Malaysias föderaler Verfassung zentralisierte Mahathir während seiner Amtszeit zwischen 1981 und 2003 die Staatsmacht und galt als "Superpräsident". Der mittlerweile 90-jährige Mahathir fordert angesichts von vermehrten Korruptionsskandalen den Rücktritt des jetzigen Premierministers Najib.

"Verantwortung ist größer als Angst"

Ufen ist jedoch zuversichtlich, dass eine Reformbewegung stattfinden könnte, denn: "Die Korruptionsskandale des Premierministers Najib haben die Regierung geschwächt. Auch die zivilgesellschaftlichen Bewegungen im Land sehe ich als eine mögliche Chance für die malayische Demokratie." Zunar teilt diesen Optimismus nicht, fordert jedoch den politischen Wandel und eine "totale Reform". Dabei ist Lachen und Humor für ihn "die beste Art des Protests". Seine Arbeit sieht der Zeichner als Pflicht gegenüber der malaysischen Bevölkerung. "Verantwortung ist größer als Angst, und ich trage Verantwortung für mein Land und die künftigen Generationen." Mit einem Lächeln fügt Zunar hinzu: "Ich werde weiterhin zeichnen, bis zum letzten Tintentropfen."