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"Spielabbruch als Präzedenzfall nötig"

19. Februar 2020

Es kommt immer noch vor: Fußballer werden wegen ihrer Hautfarbe beleidigt. Experte Gerd Wagner sieht zwar Fortschritte im Kampf gegen Rassismus, plädiert im DW-Interview aber dafür, deutlichere Zeichen zu setzen.

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Portugal | Fußball | Vitoria SC vs FC Porto Guimaraes
Moussa Marega vom FC Porto (l.) verließ nach rassistischen Beleidigungen gegen ihn den PlatzBild: imago images/GlobalImagens/M. Pereira

Trainer Peter Bosz vom Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen hat angekündigt, dass seine Mannschaft im Falle einer rassistischen Beleidigung gegen einen seiner Spieler geschlossen das Feld verlassen würde. "Dann gehen wir alle mit", sagte Bosz vor dem Europa-League-Spiel gegen den  FC Porto, dessen Spieler Moussa Marega am vergangenen Wochenende im portugiesischen Liga-Spiel bei Vitoria Guimarães nach Affenlauten und Beleidigungen der Heimfans den Platz verlassen hatte. "Das gehört nicht in den Fußball und nicht in die Gesellschaft», sagte Bosz über Rassismus: "Und das müssen wir auch nicht akzeptieren. Wir müssen ganz deutlich sein und sagen: Das wollen wir nicht. Wir akzeptieren das nicht. Punkt. Wir sind alle gleich. Und wenn man es auf einen bezieht, bezieht man es auf uns alle." Der Bayer 04-Trainer findet sich damit auf einer Linie mit dem Rassismus-Experten Gerd Wagner von der Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt am Main, der im DW-Interview Stellung nahm.

DW: Herr Wagner, fast im Wochentakt gibt es derzeit Meldungen über Rassismusvorfälle in Fußballstadien. Steigt wirklich die Zahl der Zwischenfälle oder liegt es daran, dass die öffentliche Sensibilität für das Thema gewachsen ist?

Gerd Wagner: Ich glaube, letzteres. Wir haben leider - zumindest ist es mir nicht bekannt - keine verlässlichen Zahlen über die Vorfälle, die während einer Saison passieren. Was sich gesteigert hat ist die Aufmerksamkeit von Spielern, von Verantwortlichen und - wie das Drittliga-Spiel von Preußen Münster zeigt - auch von den Zuschauern, auf solche Vorfälle zu reagieren. Die Medien spielen da auch eine positive Rolle, weil sie jetzt darüber berichten. Vor zehn oder 20 Jahren, als die sozialen Netzwerke noch keine so große Rolle spielten, blieben solche Vorfälle oft unbemerkt. Das hat sich geändert.

SC Preußen Münster - FC Würzburger Kickers  Leroy Kwadwo
Würzburgs Spieler Leroy Kwadwo bedankt sich bei ZuschauernBild: picture-alliance/dpa/nordphoto

Beim Spiel in Münster halfen die Zuschauer dabei, den Täter zu identifizieren, der einen Spieler mit Affenlauten beleidigt hatte. Würden Sie das bereits als ein Indiz für ein verändertes Verhalten auf den Zuschauerrängen werten?

Ja, keine Frage. Das Beispiel in Münster kann Vorbildcharakter haben für andere Vereine, wie man reagieren kann: dass es eben nicht nur bei dem betroffenen Spieler bleibt, wie im Falle von Moussa Marega in Porto, der [nach rassistischen Beleidigungen gegen ihn - Anm. d. Red.] alleine den Platz verließ. Sondern dass es auch eine Solidarität unter den Mitspielern und den Zuschauern geben kann. Das finde ich positiv und bemerkenswert.

Eine solche Entwicklung sehen wir auch bei anderen Vereinen. Nehmen wir Eintracht Frankfurt, wo Präsident Peter Fischer klar und deutlich gesagt hat, dass aus seiner Sicht eine Mitgliedschaft in der AFD nicht vereinbar mit den Werten des Vereins ist. Das alles sind kleine Mosaiksteine, aber dennoch deutliche Signale, die sicher auch abfärben auf das Verhalten von Zuschauern. Sie merken, dass der Verein von seinen eigenen Mitgliedern erwartet, ein bisschen Zivilcourage zu zeigen.  

Sie haben den Fall Marega angesprochen. Seine Mitspieler haben an ihm herumgezerrt, um zu verhindern, dass er den Platz verließ. Da war von Solidarität wenig zu sehen. Müssten sich die Spieler eindeutiger positionieren?

Auf jeden Fall. Ich versuche, mich in Maregas Position zu versetzen: Ihm wird durch das Verhalten seiner Mitspieler ja geradezu vorgeworfen, einen Spielabbruch zu provozieren, weil er das Spielfeld verlässt. Die Verantwortung wird auf ihn alleine abgewälzt. Da hätte ich mir eine solidarischere Reaktion gewünscht. Seine Mitspieler hätten gemeinsam das Feld verlassen oder auch den Schiedsrichter darauf hinweisen können, entsprechend der FIFA-Regularien zu reagieren. Dass der Schiedsrichter Marega sogar mit Gelb verwarnt hat, zeigt, dass er nicht gerade sensibel reagiert hat.

Seit 2017 hält die FIFA alle ihre Mitglieder an, bei einem rassistischen Vorfall die "Drei-Schritte-Prozedur" einzuleiten: Der Schiedsrichter soll zunächst das Spiel unterbrechen und den Stadionsprecher zu einer Durchsage auffordern. Bei weiteren Vorfällen soll er die Teams vorübergehend in die Kabinen schicken. Fruchtet auch dies nicht, hat er die Partie abzubrechen. Glauben Sie, dass die Zuschauer auf den Rängen einen solchen Spielabbruch schlucken würden?

Rassismusexperte Gerd Wagner von der Koordinationsstelle Fanprojekte
Gerd Wagner: "Verantwortung nicht auf einen Spieler abwälzen"Bild: Schmidtbild/KOS

Man müsste natürlich diese drei Eskalationsstufen über den Stadionsprecher erläutern. Wenn einer oder wenige sich rassistisch verhalten, werden auch die anderen 50.000 Zuschauer im Stadion mit hinein gezogen, obwohl sie nichts dafür können. Aber so sind die Regularien. Die Verbände und Vereine sind gefordert, viel häufiger und offener zu kommunizieren, dass ein Spielabbruch möglich ist. Wenn es sich nicht bessert, muss man es auch mal durchziehen. Ich glaube, es muss einen Präzedenzfall geben, um deutlich zu machen, dass ein Spiel nicht nur abgebrochen oder unterbrochen wird, wenn Pyrotechnik gezündet wird, sondern auch, wenn es rassistische Vorfälle gibt.

Gerd Wagner arbeitet, mit Unterbrechungen, seit 2004 für die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Die KOS, finanziert je zur Hälfte vom Bundesfamilienministerium sowie von DFB und DFL, begleitet die sozialpädagogisch arbeitenden Fanprojekte in Deutschland. Der 60-Jährige ist ein Experte für Rassismus im Fußball. So leitete Wagner zwei Jahre lang das Projekt „Am Ball bleiben – Fußball gegen Rassismus und Diskriminierung", das sich besonders an den Amateurfußball wendet.

Das Interview führte Stefan Nestler.

DW Kommentarbild Stefan Nestler
Stefan Nestler Redakteur und Reporter