RIAS-Medienpreise: Lob für kritische Journalisten

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24.05.2019

RIAS Medienpreis

Was machen die sozialen Medien mit uns? Schaffen wir es noch, Wahrheit und Lüge auseinanderzuhalten? In Berlin sind Journalisten ausgezeichnet worden, die sich mit dem Einfluss von Facebook & Co. befassen.

"Wenn Facebook ein Land wäre, wäre es das bevölkerungsreichste der Erde. Rund 2,2 Milliarden Nutzer loggen sich derzeit mindestens einmal pro Monat auf Facebook ein." Dieser Satz stammt aus dem Dokumentarfilm "Facebook außer Kontrolle", der im November 2018 erstmals im ARD-Programm "Das Erste" ausgestrahlt wurde. Der Film zeigt, was für eine Weltmacht das soziale Netzwerk inzwischen ist und wie gezielt Facebook seine Nutzer erreichen kann - mit Werbung, aber auch mit Meinungen.

Zwei deutsche und zwei US-amerikanische Journalisten haben den Film gemeinsam gemacht. In Deutschland arbeiteten die NDR-Investigativ-Journalisten John Goetz und Barbara Biemann an dieser internationalen Koproduktion mit PBS Frontline. Anya Bourg recherchierte mit James Jacoby in den USA. Für ihre Arbeit wurden die vier Journalisten jetzt mit dem TV-Medienpreis der RIAS Berlin Kommission ausgezeichnet.

Ein Preis für transatlantisches Verständnis

In der Begründung der Jury heißt es, der Film "Facebook außer Kontrolle" schaffe es, auf eine sehr kluge und konzentrierte Weise zu zeigen, wie viel Macht hinter dem sozialen Netzwerk stecke. Wie viel Einfluss das Unternehmen bereits auf den politischen Diskurs habe und wie wenig Verantwortung der Gründer Marc Zuckerberg bis heute übernehmen wolle. "Als befände er sich noch immer auf einer digitalen Spielwiese und nicht in einer Gesellschaft, die in Spaltung begriffen ist."

Die NDR-Journalisten Barbara Biemann und John Goetz nahmen den TV-Preis für alle vier Autoren entgegen

Seit 1995 vergibt die Kommission jedes Jahr Medienpreise für herausragende TV- Radio- und digitale Produktionen, die einen besonderen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis zwischen den Menschen in Deutschland und den USA geleistet haben. Mit der Auszeichnung erinnert die RIAS-Kommission an den früheren, von den USA gegründeten Berliner Nachkriegssender "Rundfunk im amerikanischen Sektor", der in den Jahren 1946 bis 1993 aus West-Berlin sendete.

Nie wichtiger als jetzt

Die Förderung der deutsch-amerikanischen Völkerverständigung im Medienbereich forciert die RIAS Kommission außerdem mit Austauschprogrammen für Journalisten. Wenn es die Kommission nicht gäbe, dann müsste man sie genau jetzt erfinden, so DW-Intendant Peter Limbourg, der Vorsitzender der RIAS-Kommission ist. Was sie für die transatlantischen Beziehungen tue, sei enorm wichtig. "Das ist eine Zeit, in der die enge Freundschaft, die wir in den vielen Jahrzehnten aufgebaut haben, pflegen müssen. Auch wenn es manchmal rau ist und wir nicht alles verstehen, was aus Washington kommt."

Journalisten seien jetzt besonders gefragt, so Limbourg. "Wenn wir auch in fundamentalen Fragen die Dinge unterschiedlich sehen, so müssen wir uns trotzdem unvoreingenommen mit den Sachfragen auseinandersetzen." Journalisten dürften keine Lautsprecher sein, sondern sich immer nur fragen, was an den Vorwürfen, "an der Story" dran sei. "Man wird genug finden, aber man muss es versachlichen."

Nazis auf dem Vormarsch

Viel gefunden für ihre Reportage haben auch Alexander Epp, Roman Höfner und Roman Lehberger. Sie erhielten den Rias-Medienpreis für digitale Medien für ihre Visual Story"Das Hass-Netzwerk". Der Multimedia-Bericht erschien auf der Website "Spiegel.de". Er zeigt, wie die brutale amerikanische Nazi-Terrorgruppe "Atomwaffen Division" nicht nur in den USA Hass und Hetze verbreitet, sondern inzwischen auch in anderen Ländern Kontakte knüpft, Strukturen aufbaut und sich bedrohlich ausbreitet - auch in Deutschland.

RIAS: Rundfunk im amerikanischen Sektor

Die drei Journalisten recherchierten die Geschichte und erhielten Einblick in eine schockierende Parallelwelt. "Wir haben versucht, das so professionell zu betrachten, wie das irgendwie möglich war", so einer der Autoren bei der Preisverleihung. Das sei angesichts der Story nicht einfach gewesen. Sie schafften es sogar, den Kopf der Terrorgruppe zu einem Interview zu bewegen. Da sich die Journalisten nicht selbst in Gefahr bringen wollten, führten sie das Gespräch vorsichtshalber in einem öffentlichen Bus.

Viel Geld mit Fake News 

Vor 200 Gästen und früheren Teilnehmern des RIAS-Austauschprogramms aus Deutschland und den USA wurde auch der NDR-Journalist Tom Schimmeck ausgezeichnet. In dem Radio-Feature"Fake-Fabriken - Der Profit mit Falschmeldungen" zeigt Schimmeck, wie Millionen User via Facebook, Twitter und WhatsApp jeden Tag mit Falschmeldungen manipuliert werden. Die Produktion von "Fake news" floriert weltweit. Damit werden Stimmungen und Wahlen beeinflusst, Produkte beworben und Anzeigenhonorare kassiert.

Der Radio-Journalist Tom Schimmeck mit seinem Preis

Ob in Russland, Indien oder im Balkanstädtchen Veles, überall auf der Welt wird inzwischen professionell daran gearbeitet, "alternative Wahrheiten" zu produzieren. Über Webseiten und soziale Medien werden so jeden Tag Millionen Menschen gezielt desinformiert. Das Feature fragt, warum viele Menschen nach Verschwörung und Empörung geradezu süchtig zu sein scheinen? Wer profitiert? Lässt sich die Fake-Flut eindämmen? "In jeder Hinsicht überzeugend, technisch, sprachlich wie dramaturgisch", so urteilt die Jury über den Beitrag.

Wohnen im Rattenloch

Neben den drei klassischen Medienpreisen wurde am Donnerstagabend auch der "RIAS Fellow Award" vergeben. Eberhard Schade von Deutschlandfunk Kultur erhielt ihn für sein Radio-Feature "Co-Living in den USA - Die All-Inclusive WG der Träume?" Es ist die neue Form des Zusammenwohnens in den USA. Firmen wie Mindspace oder WeWork managen das Leben in Retorten-Wohngemeinschaften für gleichgesinnte Kreativ-Arbeiter.

Schade hat sich in New York und San Francisco Häuser angeschaut und zeigt, was es bedeutet, wenn Menschen weit jenseits des Studentenalters gezwungen sind, zusammen zu leben, weil es keine Alternative gibt. "Clever und dreist" seien die Firmen, die horrende Mieten "für ein Feldbett und Kakerlaken in der Küche" verlangten, so Schade. "Dieses warnende Beispiel über die Technologie- und Immobilienbranche in San Francisco und New York ist für andere Großstädte - auch in Deutschland - hochrelevant", urteilt die Jury.

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