Robert Dölger: "Wir sind für eine geordnete Migration"

Wirtschaftszusammenarbeit, Migrationspolitik und Anti-Terror-Kampf gehören zu Deutschlands Kernthemen in Westafrika. Die DW sprach darüber mit dem Afrikabeauftragten im Auswärtigen Amt.

DW: Herr Dölger, Sie haben in Abidjan mit 15 deutschen Botschaftern über deutsch-afrikanische Beziehungen diskutiert. Wie stellt sich die wirtschaftliche Zusammenarbeit Deutschlands mit den 15 Staaten Westafrikas in Zahlen dar?

Politik | 03.05.2019

Robert Dölger: Leider sind wir noch weit davon entfernt, unser Potenzial in der Region auszuschöpfen. Der gesamte Außenhandel mit Westafrika macht etwa ein Prozent des deutschen Außenhandels aus. Die deutschen Unternehmen sind dabei, das große Potenzial zusammen mit afrikanischen Partnern zu entdecken. Wir hoffen, dass wir die deutsche Wirtschaft in Zukunft auch mit neuen Instrumenten noch stärker dabei unterstützen können, in Westafrika Fuß zu fassen. Denn Westafrika wird in 20 bis 30 Jahren etwa eine Milliarde Menschen umfassen. Das ist ein riesiger Markt, den wir nicht ignorieren können. Wir müssen rechtzeitig einsteigen.

Immer mehr Migranten machen sich von Westafrika auf den Weg nach Europa, insbesondere nach Deutschland. Welche Strategien setzen Sie dem entgegen?

Wir arbeiten eng mit unseren Botschaften und über unsere Botschaften mit den Herkunftsländern zusammen. Wir arbeiten auch mit der afrikanischen Diaspora aus den Ländern Westafrikas in Deutschland zusammen, um Aufklärungskampagnen zu machen, um Migration zu verhindern. Wir sind nicht gegen Migration, aber für eine geordnete Migration. Wir arbeiten ebenfalls mit den Ländern zusammen, wenn es darum geht, dass sie irreguläre Migranten aus Deutschland zurückzunehmen, also Menschen, die keinen Anspruch auf Daueraufenthalt, auf Asyl oder subsidiären Schutz haben. Dafür arbeiten wir zusammen mit Partnern vor Ort, aber auch mit der GIZ, an Projekten, wie diese Menschen in ihre Herkunftsländer wieder integriert werden können, sodass es auch würdig für sie ist. Denn es ist ja auch oft mit dem Verlust eines sozialen Status verbunden, wenn jemand aus Deutschland wieder zurückkommt - oder zurückgebracht wird. Wir müssen natürlich schauen, dass es auch politisch akzeptabel ist für die Länder, in die wir Menschen zurückführen.

Immer wieder werden westafrikanische Länder zum Ziel von Terrorangriffen. Besteht nicht die Gefahr, dass sich der Terror weiter ausbreitet?

Wir beobachten die Entwicklung mit großer Sorge. Leider ist der dschihadistische Terrorismus eine globale Plage. Wir müssen mit unseren internationalen Partnern und auch mit den Staaten in der Region Lösungen finden. Wir haben ein großes gemeinsames Interesse, dass der Dschihadismus sich in Westafrika nicht weiter ausbreitet, sondern dass er besiegt wird. Und wir müssen vor allem an den Ursachen arbeiten. Wie kann man verhindern, dass Menschen sich radikalisieren? Wie kann man die Probleme lösen, die oft als Basis für diese Radikalisierung dienen, etwa die Konflikte zwischen verschiedenen Gemeinschaften? Dabei möchten wir mit den Ländern zusammenarbeiten. Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, das zu tun. Unsere Botschaften sind ein Instrument für den Datenaustausch, für die gemeinsame Analyse oder auch für die Organisation von Projekten, wie man die Sicherheitsstrukturen in den jeweiligen Staaten stärken kann. Es gibt hier viel zu tun. Aber ich glaube, wir sind gut aufgestellt, mit den afrikanischen Staaten zu arbeiten.

Robert Dölger ist Beauftragter des Auswärtigen Amtes für Subsahara-Afrika und den Sahel.

Das Interview führte Julien Adayé.

Aufbruch aus Agadez

Warteraum

Sie kommen aus Benin und sind erschöpft von der Reise in die Wüste. Auf dem Boden schlafen diese Männer in einem Zentrum für Flüchtlinge in Agadez. Sie warten auf das nächste Fahrzeug nach Norden, durch die Wüste über die poröse Grenze nach Libyen und weiter bis ans Mittelmeer.

Aufbruch aus Agadez

Stadt der Ghettos

Warteraum für Flüchtlinge aus Westafrika ist die ganze Stadt Agadez. In rund 70 so genannten Ghettos leben hier Migranten aus Nigeria, Senegal, Ghana oder Mali, meist getrennt nach Herkunftsland. 100.000 Flüchtlinge sollen in diesem Jahr den Niger auf dem Weg nach Norden durchqueren.

Aufbruch aus Agadez

Am Friedhofstor

"Die Wüste war schon immer ein Friedhof der Migranten", sagt Rhissa Feltou, Bürgermeister der Stadt inmitten der Sahel. Er höre von Durchreisenden oft Geschichten über Leichen am Wegesrand, über Skelette im Sand. In der alten Karawanen-Stadt ist Menschenschmuggel heute eine wichtige Einnahmequelle, Touristen kommen fast keine mehr.

Aufbruch aus Agadez

Gebet vor dem Aufbruch

Wer seine Reise fortsetzt lässt sich oft noch segnen vom Imam in einer der Moscheen von Agadez. Nicht nur Hitze und Sand drohen den Reisenden, in der Wüste warten auch Banditen und Islamisten-Milizen auf die Migranten.

Aufbruch aus Agadez

Mut und Verzweiflung

"Es ist beängstigend", sagt der 16-jährige Fousseni Ismael. "Aber ich muss damit zurechtkommen, man muss mutig sein im Leben." Noch am selben Abend will der junge Mann aus Benin auf einem Pritschenwagen in die Wüste aufbrechen.

Aufbruch aus Agadez

Weiter, trotz allem

Auf dem Weg durch die Wüste sterben nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration ebenso viele Menschen wie bei der Überfahrt nach Europa übers Mittelmeer. Nur einen kleinen Rucksack mit dem Nötigsten packen die Männer aus Benin vor der Weiterreise. Es dauert oft Jahre, bis sie Europa erreichen.

Aufbruch aus Agadez

Wasser für drei Tage

19 Männer drängen sich auf einem Wagen, als die Fahrt beginnt. Vor ihnen liegen drei Tage Fahrt bis in den Süden Libyens. Mit nassen Säcken versuchen sie, Ihren Wasservorrat vor der Hitze zu schützen. Den Schmugglern in der Fahrerkabine drohen neuerdings 30 Jahre Haft, so will es ein Gesetz, verabschiedet auf Druck der EU.

Aufbruch aus Agadez

Kein fester Halt

Doch einige Polizisten verdienen mit am Menschenschmuggel durch die Wüste. Oft werden die Wagen gestoppt, die Flüchtlinge erpresst und ausgeraubt. Besonders gefährdet ist, wer einen Platz am Rand der Pritsche erwischt hat. An Holzstöcken halten sich die Männer fest, um nicht aus dem Wagen zu fallen. Das könnte den sicheren Tod in der Wüste bedeuten, lange bevor das Mittelmeer erreicht ist.

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