Ruinen des Zweiten Weltkriegs

Wie ein hohler Zahn

Kaum zu glauben, dass deutsche Städte 1945 so zerbombt waren, wie aktuell manche im Irak oder in Syrien. Im Krieg zerstört und nie wieder aufgebaut - mitten im Herzen deutscher Großstädte zeugen einzelne Ruinen noch immer vom Grauen des Krieges. Viele solcher steinernen Zeitzeugen gibt es nicht mehr - zumeist sind es Sakralbauten, wie die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Schönheit mit fünf Türmen

Im neoromanischen Stil entworfen und 1895 eingeweiht, geriet die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nach einem Luftangriff der Alliierten am 23. November 1943 in Brand. Die 71 Meter hohe Ruine des Hauptturms blieb nach Kriegsende als Mahnmal erhalten. Das sie umgebende vierteilige Bauensemble mit der neuen Gedächtniskirche wurde Ende 1961 eingeweiht. Alt und Neu – alles ist denkmalgeschützt.

Ruinöse Nutzung

Die Geschichte der Franziskaner-Klosterkirche in Berlin-Mitte reicht zurück bis ins Jahr 1250. Im Zuge der Reformation wurde das Kloster 1539 aufgelöst. Am 3. April 1945 fiel Feuer vom Himmel. Die Kirchenruine musste gesichert werden und überdauerte als einziges Gebäude die Zeit. Nach einer Restaurierung wird die Ruine seit 2004 für Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerte genutzt.

Unbedacht am Rhein

St. Alban heißt diese zerstörte, nicht wieder aufgebaute Kirche in der Kölner Altstadt. Hier der Blick in die Überreste des Chors. Der nach oben offene ehemalige Kirchenraum dient als Gedenkstätte für die Toten des Krieges. Im Innenraum des ehemaligen Gotteshauses mahnen die "Trauernden Eltern" zum Frieden - eine Skulptur von Ernst Barlach nach einer Zeichnung von Käthe Kollwitz.

Rest-Werte

Unweit von St. Alban befand sich die Kirche St. Kolumba, eine der ältesten Pfarrkirchen der Domstadt. Die Grundsteinlegung war im Jahr 980. Nach der fast völligen Vernichtung der Kirche 1943 blieb neben wenigen Teilen der spätmittelalterlichen Außenmauer lediglich eine Marienstatue im Trümmerschutt erhalten.

Museal umbaut

Für diese Marienfigur wurde bereits von 1947-1950 in den Ruinen an selber Stelle eine achteckige Marienkapelle errichtet. Die Kölner nannten sie fortan auch "Madonna in den Trümmern“. 1956/57 wurde die Marienkapelle um eine quadratische Sakramentskapelle erweitert. Das Außergewöhnliche: St. Kolumba wurde 2007 komplett in den Neubau des Erzbischöflichen Diözesanmuseums integriert.

Vesunkene barocke Pracht

Das Schloss Zerbst in Sachsen-Anhalt war Residenzschloss der Fürsten von Anhalt-Zerbst. Ein Neubau im 17. Jahrhundert wurde als dreiflügelige Anlage geplant. Schloss Zerbst zählte zu den bedeutendsten Barockbauten Mitteldeutschlands. Die spätere russische Zarin Katharina II., geboren als Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst, war als Kind immer wieder zu Besuch bei den Verwandten.

Noch ein Funke Hoffnung

Im April 1945 wurde Schloss Zerbst von Bomben getroffen und brannte vollständig aus. Die kostbare Innenausstattung ging verloren. Ein Wiederaufbau wäre möglich gewesen, wurde jedoch aus politischen Gründen abgelehnt. Nur die Ruine des Ostflügels entging dem Abriss. Ein Förderverein sorgt für die Sicherung. Ziel bleibt aber die originalgetreue äußere Wiederherstellung des östlichen Schlossflügels.

Betoniert für die Ewigkeit

Keine Ruine, dennoch ein Mahnmal – der Düsseldorfer Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg wurde Anfang der 1940er Jahre aus Gründen der Tarnung wie eine Kirche gestaltet. Seit 1949 ist er tatsächlich eine. Das unter Denkmalschutz gestellte Gebäude ist einzigartig und gilt als das stabilste Gotteshaus der Welt. Der Bunker ist heute nicht nur Kirche, sondern auch Mahnmal und Kunstort.

Kraftwerk-Mahnmal

Ebenfalls weltweit einzigartig ist dieser Hochbunker in Hamburg-Wilhelmsburg. Nach Kriegsende verfielen viele der riesigen Betonbauten. Dieser frühere Flakbunker wurde vor wenigen Jahren umfangreich saniert – und zu einem "Energiebunker" umgebaut. Ausgerüstet mit Solarhülle sowie einem regenerativen Kraftwerk mit Großwärmespeicher, versorgt der Koloss die Menschen mit Wärme und Strom.

Warnender "Zeigefinger"

Die Ursprünge der Hamburger Hauptkirche St. Nikolai gehen bis ins Jahr 1195 zurück. Nach einem Brand 1842 entstand ein völlig neues Gotteshaus. Komplett fertiggestellt wurde das imposante neugotische Gebäude 1874. Der 147 Meter hohe Turm war zeitweise das höchste Bauwerk der Welt. Dann kam der 28. Juli 1943. Der Turm diente alliierten Bombern als Zielmarkierung. St. Nikolai brannte nieder.

Hamburg und "Gomorrha"

Nur Turm und Kellergewölbe überlebten - offene Wunden bis heute. Nach dem Krieg beschloss der Hamburger Senat, die Kirche nicht wieder aufzubauen. Die Ruine von St. Nikolai wurde "den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945" gewidmet. In den Kellerräumen entstand ein Dokumentationszentrum. Eine Dauerausstellung zeigt "Gomorrha 1943 – Die Zerstörung Hamburgs im Luftkrieg".

Manches Ende ist ein Anfang

1945 lag die Frauenkirche, Perle des barocken Dresden, prachtvolles Zeugnis protestantischen Sakralbaus in Schutt und Asche. Die verheerenden Luftangriffe vom Februar 1945 hatte sie zwar überstanden. Doch am Tag nach dem Feuersturm brach die mächtige Steinkuppel in sich zusammen. Der Trümmerhaufen diente lange als Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung. Für den Wiederaufbau fehlte der DDR das Geld.

Mit Hoffnung gegen die Ruine

Nach der Deutschen Vereinigung begann 1996 der neun Jahre dauernde Wiederaufbau. In das neue Mauerwerk wurden Steine des ursprünglichen Bauwerks integriert. An der Finanzierung des 180 Millionen Euro teuren Mammut-Projekts waren auch 16 Fördervereine im In- und Ausland und Spender aus aller Welt beteiligt. Sie setzten damit ein unübersehbares Zeichen der Hoffnung und Völkerverständigung.

Trümmerteile für eine neues Ganzes

Die Pforzheimer Auferstehungskirche war 1947 die erste, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gebaut wurde. 30 000 Backsteine waren ausgegraben, gesammelt und mühsam geputzt worden. Errichtet aus den Trümmern der umliegenden Häuser, wurde sie nicht nur ein Zeichen des Neubeginns. Für weitere 46 sogenannte Notkirchen in kriegszerstörten deutschen Städten diente sie als Muster.

Da und dort sieht man sie noch – Kriegsruinen in Deutschland, die den Frieden überlebt haben. Einige wenige sollen die Menschen eindringlich davor bewahren, jemals wieder mit dem Feuer des Krieges zu spielen.