Südkoreas Wirtschaft in Seenot

Die Krise der Containerschifffahrt hat Reedereien weltweit erwischt, am spektakulärsten derzeit Südkoreas Hanjin Shipping. Deren Insolvenz könnte das traditionelle Chaebol-System in Frage stellen.

Seit die Reederei Hanjin am 30. August Insolvenz angemeldet hat, spielt sich auf den Weltmeeren ein logistischer Super-Gau ab: Ausgerechnet im Vorfeld der Weihnachtssaison müssen 45 südkoreanische Frachter mit rund 540.000 Containern auf offener See dümpeln. In den meisten internationalen Häfen dürfen die Schiffe ohne Vorkasse nicht anlegen, oder sie liegen fest, ohne abgefertigt zu werden, wie es auch im Hamburger Hafen der Fall war (s. Artikelbild). Zudem befürchtet der Mutterkonzern Hanjin, dass Gläubiger die Schiffe an Land beschlagnahmen würden. Wie eine sinnvolle Lösung ausschauen könnte, lässt sich nur schwer vorhersagen, schließlich stellt die Pleite des weltweit siebtgrößten Schifffahrtsunternehmens einen Präzedenzfall von bisher nie dagewesenem Ausmaß dar.

Bereits seit fünf Jahren in Folge schreibt Hanjin-Shipping rote Zahlen, Ende Juni betrug der Schuldenberg umgerechnet knapp 4,8 Milliarden Euro. Zwar hat die südkoreanische Regierung zugesagt hat, mit mindestens 80 Millionen Euro an günstigen Krediten einzuspringen. Und auch der Hanjin-Mutterkonzern schießt eine ebenso große Summe als Finanzspritze zu, von denen rund 32 Millionen aus dem Privatvermögen vom Vorstand Cho Yang Ho stammen sollen. Dennoch bleibt dies kaum mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn eine Besserung der unter Überkapazitäten und schwachem Seehandel leidenden Schifffahrtsbranche ist nicht in Sicht. Weiteres Geld in Hanjin zu stecken wäre wie "Wasser in einen kaputten Krug zu gießen", sagte vor kurzem Lee Dong Geol, Vorstand der koreanischen Entwicklungsbank, Hauptkreditgeber von Hanjin-Shipping.

Südkoreas Präsidentin Park ist auf gute (Wirtschafts)-beziehungen zu China angewiesen

Südkoreas unantastbare Konzerne

Solch harsche Worte gegenüber einem heimischen Marktriesen sind in Südkorea ungewohnt. Bis heute gelten diese als "too big to fail": In den meisten Fällen springt der Staat in die Bresche, um marode Konglomerate vor dem Konkurs zu retten. Zu sehr hängt die Volkswirtschaft des Tiger-Staats von seinen "Chaebols" ab, den familiengeführten Unternehmen.

Beim Aufstieg vom bitterarmen Agrarstaat zur mittlerweile elftgrößten Volkswirtschaft bildeten sie den zentralen Motor. Als der Militärdiktator Park Chung Hee, Vater der amtierenden Präsidentin Park Geun Hye, 1961 an die Macht putschte, erneuerte er mit militärischem Drill und hochambitionierten Fünfjahresplänen die Infrastruktur des Landes von Grund auf. Dabei halfen ihm vor allem eine Handvoll auserlesener Familienbetriebe, die im Gegenzug zu absoluter Regimetreue lukrative Aufträge und günstige Kredite zugesichert bekamen. Unter der schützenden Hand des Staats konnten sie ohne großes Risiko in aufkeimende Branchen einsteigen und dort ihre Marktführerschaft sichern.

Es war dies die Geburtsstunde von Konzernen wie Samsung, LG und Hyundai, die schon bald von Computerchips über Autos bis hin zu Immobilien die wichtigsten Industrien des Landes dominierten. Einer Schlüsselrolle kam dabei auch dem Logistikriesen Hanjin zu, der seit jeher die heimischen Produkte rund um den Globus verfrachtet. Exporte stellen immerhin rund die Hälfte des südkoreanischen Bruttonationalprodukts.

Auch andere, größere Reedereien als Hanjin wie Maersk Line leiden unter Überkapazitäten

Wirtschaft ohne Mittelstand

Seit 20 Monaten in Folge sind diese jedoch stetig gesunken. Erst im August konnten die Ausfuhren erstmals leichten Aufwind verzeichnen. Die Exportkrise hängt dabei vor allem mit dem verlangsamten Wachstum Chinas zusammen, dem mit Abstand wichtigsten Handelspartner Südkoreas. Die wirtschaftlichen Beziehungen zum Reich der Mitte könnten jedoch wegen des Streits um das moderne Raketenabwehrsystems THAAD weiter belastet werden. China betrachtet nämlich das vom US-Militär auf südkoreanischem Boden geplante Raketenabwehrsystem wegen seines weitreichenden Radars als Eingriff in seine nationale Souveränität.

Zur Wiederbelebung der Wirtschaft will Präsidentin Park Geun Hye unter dem Motto "creative economy" Startups und mittelständische Unternehmen fördern. Bei gleichzeitiger Dominanz der Chaebols können diese jedoch nicht nachhaltig gedeihen. Sobald erfolgreiche Firmen in Südkorea eine gewisse Größe erreicht haben, werden sie von den Marktriesen geschluckt. Gleichzeitig geben die Chaebols der Gesellschaft trotz massiver Steuervergünstigungen zu wenig zurück. Die fünf größten Unternehmen erwirtschaften mehr als 60 Prozent des südkoreanischen Bruttonationalprodukts, stellen jedoch nur 8,5 Prozent der Arbeitskräfte ein.

Zudem sind die Verflechtungen zur politischen Elite derart eng, dass die Familiendynastien allzu oft außerhalb des Gesetzes stehen. Scheinbar endlos ist die Liste an Korruptionsfällen, die letztendlich ungeahndet blieben. Die etablierten Tageszeitungen greifen die Missstände oft nur mit Samthandschuhen an, schließlich hängen sie meist selbst am wirtschaftlichen Tropf der Chaebols – entweder direkt über die Eigentümerverhältnisse oder als einflussreiche Anzeigenkunden. Vielleicht könnte die drohende Pleite der Hanjin-Reederei nun einen Wendepunkt einläuten: Für die 1400 koreanischen Angestellten wäre sie zweifelsohne ein persönlicher Schicksalsschlag. Um die Wirtschaft des Landes nachhaltig umzustrukturieren, könnte sie jedoch eine wichtige Signalwirkung haben.

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