Stalingrad als Wende im Zweiten Weltkrieg

Vor 75 Jahren endete die Schlacht von Stalingrad mit der Kapitulation der 6. Armee der deutschen Wehrmacht. Der große Wendepunkt des 2. Weltkrieges. Noch heute spielt der Sieg für viele Russen eine wichtige Rolle.

Eigentlich war die Industriestadt an der Wolga für die Wehrmacht nur als Etappenziel gedacht, um die Ölfelder des Kaukasus zu erobern. Wegen des Namens hatte Stalingrad aber sowohl für Adolf Hitler als auch für Josef Stalin eine Bedeutung, die über das Strategische hinausging.

Wegen der sehr langen Nachschubwege war die deutsche Offensive der 6. Armee unter General Friedrich Paulus auf Stalingrad von vornherein riskant. Sie beginnt Mitte August 1942, gut ein Jahr nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion. Hitler sagt damals: "Die Russen sind am Ende ihrer Kraft." Das sollte sich als großer Irrtum erweisen. Zwar kann die Wehrmacht trotz starker Widerstände bis Mitte November den größten Teil der Stadt einnehmen. Gleichzeitig beginnt die Rote Armee aber einen Zangenangriff. Bereits Ende November sind die gesamte 6. Armee und Teile der sie unterstützenden 4. Panzerarmee eingeschlossen, fast 300.000 Mann. Auf Befehl Hitlers müssen sie aber unbedingt die Stellung halten. Ähnlich hatte auch Stalin bereits im Juli den Befehl „Keinen Schritt zurück" ausgegeben.

Zweiter Weltkrieg Schlacht um Stalingrad

Soldaten entladen ein Transportflugzeug: Die Luftbrücke war von Anfang an völlig unzureichend

Weil keine Seite von ihrer Position zurückweicht, entsteht eine Art "Kessel". In diesem Kessel verschlechtert sich die Lage rapide. Mit einer großangelegten Luftbrücke werden die Soldaten wochenlang versorgt. Doch zu keinem Zeitpunkt reichen die Transporte aus. Mit der vorrückenden Roten Armee kommt immer weniger an. Im Laufe des Winters wird es bis zu minus 30 Grad kalt. Daher sterben die meisten der eingekesselten Soldaten nicht durch Kampfhandlungen, sondern durch Unterernährung und Unterkühlung. Die immer wieder versprochene so genannte "Entsatzoffensive" scheitert.

Erst ganz zum Schluss widersetzt sich Paulus

Trotzdem hält sich General Paulus immer noch an Hitlers strikten Befehl, "bis zum letzten" auszuharren, und lehnt am 8. Januar ein sowjetisches Kapitulationsangebot ab. Noch am 29. Januar - die Lage ist bereits völlig aussichtslos - funkt Paulus an Hitler: "Zum Jahrestage Ihrer Machtübernahme grüßt die 6. Armee ihren Führer. Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad. Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der hoffnungslosesten Lage nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen. Heil mein Führer!"

Deutschland | 22.06.2016

Doch Paulus' Treue ist nicht grenzenlos. Als die Rote Armee am 31. Januar in sein Hauptquartier im Keller eines Kaufhauses eindringt, geht der Kommandeur in Gefangenschaft. Er hatte auch seinen Offizieren den Selbstmord verboten, weil sie das Schicksal der einfachen Soldaten teilen sollten. Die deutschen Truppen kapitulieren. Inzwischen ist der Kessel auch geteilt. In einen Süd- und einen Nordkessel. Ende Januar geben die deutschen Soldaten im Süden auf. Am 2. Februar auch die im Norden. Gemeinsam werden die Männer von den russischen Streitkräften gefangen genommen. Hitler ist außer sich, als er das erfährt.

Zweiter Weltkrieg Schlacht um Stalingrad

Das Schicksal der Soldaten teilen: General Paulus begibt sich in Gefangenschaft

Unglaublicher Blutzoll

Die Bilanz der Schlacht: mehr als eine halbe Million Tote auf sowjetischer Seite, darunter zahlreiche Zivilisten. Stalin hatte eine Evakuierung der Zivilbevölkerung lange verhindert. Auf die eigenen Bürger nimmt auch die Rote Armee keine Rücksicht. Bereits in den ersten Tagen kommen mehr als 40.000 von ihnen durch Luftangriffe ums Leben. Von den rund 75.000, die bis zum Ende der Kämpfe bleiben, verhungern oder erfrieren viele. Auf deutscher Seite schwanken die Schätzungen der Gefallenen zwischen 150.000 und 250.000. Von den fast 100.000 Deutschen, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft kommen, kehren bis 1956 nur etwa 6.000 Überlebende nach Deutschland zurück, darunter Paulus.

Es war für die Wehrmacht nicht einmal die verlustreichste, rein militärisch auch nicht die wichtigste Schlacht, doch "die psychologische Bedeutung von Stalingrad ist immens, und in dieser Hinsicht war sie kriegsentscheidend", sagt der Historiker Jochen Hellbeck von der Rutgers-Universität in New Jersey, USA, auch deswegen, "weil die Schlacht von vornherein von beiden Seiten als Entscheidungsschlacht deklariert wurde". Hellbeck, der Aussagen deutscher und russischer Stalingrad-Veteranen auf der Webseite "facing Stalingrad" gesammelt hat, sagt, die Rote Armee habe danach der ganzen Welt zeigen wollen, "dass sie die beste Armee der Welt geschlagen hatte".

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Soldatenfriedhof in Rossoschka: Deutsche und russische Soldatengräber nur geteilt durch eine kleine Straße

Stalingrad, das 1960 in Wolgograd umbenannt wurde, ist auch heute voller Erinnerungen an die Schlacht. Das Stalingrad-Museum ist eine der meistbesuchten Ausstellungen Russlands. Wie stark die Folgen der Schlacht bis heute andauern, zeigt auch der Streit in Russland um die britische Komödie "Stalins Tod". Der Diktator wird für den Tod von Millionen Sowjetbürgern verantwortlich gemacht. Doch er steht auch für den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland. Kulturminister Wladimir Medinski hat den Film in russischen Kinos verboten mit der Begründung: "Viele Menschen (…) werden ihn als beleidigende Verhöhnung der sowjetischen Vergangenheit (...) betrachten." Und es sei besonders unangemessen, so Medinski, den Film am Vorabend der Gedenkfeiern zur Schlacht von Stalingrad am 2. Februar zu zeigen.

Noch fehlt die Bereitschaft zu einer 'Verdun'-Geste

Gibt es nach 75 Jahren Versöhnung? Im kleinen ja. Mehr als 700.000 Menschen - Soldaten und Zivilisten - starben bei den Kämpfen. Noch immer werden bei Bauarbeiten in der Stadt und ihrer Umgebung Leichen und ganze Massengräber gefunden. Natürlich auch Leichen deutscher Soldaten. Dank der Zusammenarbeit zwischen dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge und den russischen Behörden werden die sterblichen Überreste auf offizielle Soldatenfriedhöfe wie etwa Rossoschka außerhalb von Wolgograd umgebettet. Hier sind Soldaten der deutschen Wehrmacht und Angehörige der Roten Armee begraben, getrennt zwar von einer Straße, aber doch auf einem gemeinsamen Friedhof.

Verdun Historische Geste Helmut Kohl Francois Mitterrand

Eine historisch fast unglaubliche Geste: Mitterand (l.) und Kohl 1984 in Verdun.

Bis zu einer Versöhnungsgeste ähnlich dem Handschlag zwischen dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem französischen Präsidenten François Mitterand 1984 auf den ehemaligen Schlachtfeldern von Verdun ist es wohl noch ein weiter Weg. Der Historiker Jochen Hellbeck vermisst auf beiden Seiten die Bereitschaft dazu. In Russland bestünden nach wie vor Vorbehalte. Aber auch in Deutschland gebe es "keine Bereitschaft und kein Empfinden, das dem Empfinden gegenüber den westlichen Nachbarn - den Franzosen, Briten oder Amerikanern - entspräche". Man müsse immer auch ein Stück des Erinnerns des anderen anerkennen, meint Hellbeck. "Man kann nicht Stalingrad als ein sinnloses Massenschlachten zum verbindlichen deutsch-russischen Erinnern machen." Denn sinnlos sei es für die russische Seite eben nicht gewesen. Doch Hellbeck sagt: "Ich hoffe, das noch zu erleben, dass sich ein deutscher Staatsmann und ein russischer Präsident über den Gräbern von Stalingrad die Hand reichen."

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