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Stammzellen gegen AIDS nur für Krebspatienten

18. Februar 2022

Eine HIV-Infizierte wurde durch eine Stammzellenspende geheilt. Doch das riskante Verfahren ist nur etwas für Menschen, die gleichzeitig an Leukämie oder Lymphkrebs leiden, sagt Arzt Christoph Boesecke im DW-Interview.

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Die Blutzellen des Menschen: Erythrozyten (rot), Leukozyten (gelb) und Thrombozyten (grün).
Ob jemand gegen das HI-Virus immun ist, hängt von der Oberfläche der weißen Blutkörperchen (gelb) ab. Bild: picture-alliance/dpa/Max-Planck-Gesellschaft

Deutsche Welle: Herr Dr. Boesecke, Sie haben diese Woche an einer virtuellen Retrovirus-Konferenz in den USA  teilgenommen. Dort wurde der Fall einer New Yorker Patientin vorgestellt, die nach einer Stammzellentransplantation vom HI-Virus  geheilt worden war. In den vergangenen Jahren war das auch schon bei drei Männern gelungen . Alle vier hatten auch Leukämie. Dürfen sich jetzt HIV-Infizierte  Hoffnung machen?

Christoph Boesecke: Prinzipiell darf man immer Hoffnung haben, aber nicht aufgrund des hier beschriebenen Falles. Es gibt drei Männer, die mit dieser Strategie von HIV geheilt worden sind. Der erste war der Berliner Patient, Timothy Brown. Danach gab es einen Londoner Patienten und seitdem auch noch einen Fall aus Düsseldorf.

Interessant ist, dass es hier erstmalig bei einer Frau gelungen ist. Das ist deshalb wichtig, weil Frauen in der HIV-Forschung und in den Zulassungsstudien immer unterrepräsentiert sind, obwohl die Infektion sie global genauso häufig betrifft wie Männer.

Was den inneren Heilungsprozess angeht, ist es eine gute Nachricht für HIV-Patienten, die zusätzlich noch das Pech haben, eine Leukämie zu bekommen. Dann ist diese Strategie mit der Stammzellentransplantation eine gute Chance, die Leukämie zu heilen und die HIV-Infektion zumindest versuchsweise auch in die Heilung zu bringen.

Für alle anderen HIV-Patienten, die keine Krebserkrankung haben und insbesondere keine Leukämie oder kein Lymphom, ist das aber keine empfohlene Strategie. 

CCR-5 Gen macht Spender immun gegen HIV

Die Heilung tritt ja vor allem deshalb ein, weil die Stammzellenspender eine besondere Eigenschaft haben: Sie sind immun gegen das HI-Virus.  Bei der New Yorker Patientin waren es auch Stammzellen aus dem Nabelschnurblut eines Säuglings, der genau diese Immunität hatte. Können Sie das erklären?

Porträt von Dr. Christoph Bosecke, Oberarzt der Infektiologie am Universitätsklinikum Bonn.
Für die meisten HIV-Infizierten sind antiretrovirale Medikamente ein sehr gutes Mittel der Wahl, sagt Dr. Christoph BoeseckeBild: R. Müller/Universitätsklinikum Bonn (UKB)

Man weiß schon relativ lange, dass es bei wenigen Menschen, häufig nordeuropäischer Herkunft, eine Mutation gibt, die sogenannte CCR5-Delta-32-Mutation. Die sorgt dafür, dass ein Oberflächenmolekül auf weißen Blutkörperchen – der CCR5-Rezeptor – so verändert ist, dass HIV dort nicht andocken und damit die Zelle auch nicht infizieren kann.

Das ist schon in den 1990er Jahren herausgekommen, weil es Berichte über Menschen gab, die sich trotz vieler Expositionen nicht mit HIV infiziert hatten.

Dann kam bei den ersten Stamzellentransplantationen  die Idee auf: Wenn wir sowieso bei den HIV-infizierten Leukämie-Patienten das Immunsystem auslöschen müssen, weil sie keine andere Therapie mehr bekommen können, dann könnte man doch gleich nach einem Stammzellenspender schauen, der diese Mutation hat.

Die Idee dahinter ist, dass das Virus, das vielleicht noch irgendwo im Körper verblieben ist, diese Zellen nicht mehr infizieren kann und dann unter Umständen ein virusfreier Mensch entsteht.

Ich bin selbst Stammzellspenden-Kandidat. Das bedeutet: Die Daten über mein Blut sind bei der Stefan Morsch-Stiftung oder dem Deutschen Knochenmarksspenderdatei (DKMS), hinterlegt. Das sind die beiden großen Spenderregister in Deutschland. Bei Stammzellen ist ja das Problem, dass man sehr viele Spenden-Kandidaten braucht, um irgendwann den seltenen passenden Spender für den jeweiligen Patienten zu finden. Wenn man aber schon so intensiv nach einem passenden Stammzellenspender suchen muss und der dann auch noch die CCR5-Genmutation haben soll, ist das dann nicht wie ein Sechser im Lotto?

Von der statistischen Wahrscheinlichkeit ist das sicherlich vergleichbar. Man nimmt an, dass wahrscheinlich nur etwa 20.000 Menschen weltweit diese Genmutation haben. In den nordeuropäischen Ethnien, wo das überhaupt vorkommt, sind es weniger als ein Prozent.

Dazu kommt, dass leider ja viele Menschen nicht bei den Spenderregistern registriert sind. Das wäre auch mal ein Anlass dazu aufzurufen, sich registrieren zu lassen.

Ein normales Leben trotz HIV-Infektion

Was das schwierig macht, ist zum einen die Suche nach den sogenannten HLA-Übereinstimmungen,  also den genetischen Übereinstimmungen des Spenders und des Empfängers. Allein diese Übereinstimmungen in den Oberflächenmarkern der weißen Blutkörperchen zu finden ist schon nicht ganz einfach. Und die Suche nach der CCR5-Mutation macht es natürlich noch unwahrscheinlicher. 

Stammzellen aus Nabelschnurblut nimmt der Körper besser an

Deshalb ist der Fall der New Yorker Patientin ganz interessant: Die Ärzte standen vor demselben Problem und haben sich dann überlegt, dass sie Nabelschnurblut für die Transplantation benutzen. Das Blut ist nämlich noch nicht so ausspezialisiert wie das Blut in unserem Körper. Da ist die Verträglichkeit mit dem HLA-System nicht so streng erforderlich wie bei den Stammzellen Erwachsener Spender.

Das Immunsystem der Neugeborenen wächst ja erst noch. Und deshalb haben die Ärzte das Nabelschnurblut als Austausch für das Immunsystem der Leukämie-Patientin angeboten. Weil aber die Immunzellen aus dem Nabelschnurblut noch nicht so ausgereift sind, und es etwas dauert bis das anwächst, haben die Mediziner auch noch von einem erwachsenen Spender klassische Stammzellen dazugegeben, als Überbrückung.

Große Risiken bei der Transplantation

Und die New Yorker Patientin hat die Therapie gut vertragen, was bei Stammzellentransplantationen gar nicht immer der Fall ist. Stammzellentransplantationen sind deshalb bei Leukämie auch nicht das erste Mittel der Wahl, erst Recht nicht bei HIV-Patienten.

Die Patienten sind nach dem Auslöschen des vorhandenen Immunsystems sehr, sehr infektanfällig. Es gibt eine kurze Phase, wo gar kein Immunsystem mehr da ist. Die Patienten müssen deshalb unter Hochisolierung im Krankenhaus bleiben, weil jeder Keim sie umbringen könnte. Dann kann es auch noch zu Unverträglichkeiten und Abstoßungen kommen, wenn das neue Immunsystem sich gegen den neuen Wohnort wehrt. Deshalb sind auch die Sterberaten relativ hoch.

Die Therapie kann auch schwer krank machen. So war es auch bei Timothy Brown. Er hatte nach der Transplantation Folgeschäden behalten und letztlich noch einen Schub seiner Leukämie erlitten, an der er dann verstorben ist.

HIV-Positive können heute auch mit Medikamenten gesund alt werden

Deshalb würden Mediziner eine Stammzellspende auch nie bei HIV-Patienten einsetzen, die nicht auch noch eine Leukämie oder ein Lymphom zusätzlich haben. 

Die große Masse der HIV-Infektionen auf dieser Welt findet ja in Ländern statt, wo die Gesundheitssysteme gar keine so aufwendigen Stammzellentransplantationen leisten könnten,  selbst wenn es Stammzellenspender-Register gäbe. Worauf soll sich der Kampf gegen HIV also konzentrieren?

Das Hauptaugenmerk sollte gerade in der COVID-Pandemie darauf liegen, dass einerseits HIV-Tests angeboten werden. Es wissen einfach noch viel zu wenig Menschen weltweit – und auch in Deutschland – von ihrer HIV-Infektion.

Und dann müssen die Menschen Zugang zu Therapien haben. Das ist in Deutschland kein Problem, aber in anderen Ländern durchaus. Und das ist durch COVID-19 noch schlechter geworden.

Auf der Retrovirus-Konferenz haben wir auch gesehen, dass viele Gesundheitssysteme durch die Pandemie an ihre Grenzen gestoßen sind. Kliniken mussten schließen, weil das Personal entweder selbst erkrankt ist oder sich in der COVID-19-Versorgung einbringen musste.

Das Testen und die medikamentöse Therapie sind unsere Hauptwerkzeug, um die AIDS-Epidemie weiterhin zu bekämpfen. Wenn die Therapie dann vorhanden ist, ist sie sehr gut verträglich und sehr gut wirksam. Man kann den Betroffenen eine normale Lebenserwartung versprechen. Und wenn das Virus unter die Nachweisgrenze fällt – das klappt eigentlich immer –, sind sie auch nicht mehr ansteckend. 

Dr. Christoph Boesecke arbeitet als Oberarzt der Infektiologie am Universitätsklinikum Bonn und als wissenschaftlicher Sekretär bei der Deutschen AIDS Gesellschaft (DAIG).

Das Interview führte Fabian Schmidt