Starkbierfeste in Bayern: Wo die Fastenzeit am schönsten ist

Der Fasching ist vorbei, das nächste Oktoberfest noch weit. Harte Zeiten, könnte man meinen. Nicht so in Bayern: Die Starkbiersaison hat begonnen. DW-Reporter Tankred Gugisch unterwegs in süffiger Mission.

Die Säle der bayrischen Wirtshäuser sind schon wieder festlich geschmückt, Dirndl und Lederhosen werden bereitgelegt. Mit Beginn der Fastenzeit fließt aus den Zapfhähnen in ganz Bayern wieder der süffige Salvator oder Maximator, Triumphator oder Aviator.

Welche dieser Starkbiersorten letztlich in den Maßkrug kommt, das hängt von der Brauerei ab, aus der es stammt. Ein "-ator" ist es ganz gewiss, so will es die Tradition, seitdem die Paulaner-Mönche mit ihrem Salvator den "Urvater alle Starkbiere" gebraut haben. Und das ist schon gut 375 Jahre her.

8,30 Euro kostet die Maß Maximator im Augustinerkeller

Maßvoller Genuss, gute Musik und etwas Bewegung

Meine Freunde und ich haben einen Tisch im Münchener Augustinerkeller reserviert. Hier wird der Maximator ausgeschenkt. Ein malzig-dunkler Doppelbock, der mit Blick auf die schlanke Linie etwas zu gut mit einer deftigen Brotzeit oder einer kross gebratenen Ente harmoniert.

Seinen Alkoholgehalt von 7,5 Prozent weiß der Maximator zunächst gut zu verstecken. Kaum aber ist die erste Maß die Kehle hinunter geronnen, schafft es das Fastengetränk dann doch irgendwie, in den Kopf zu steigen. Hier angekommen, lockert es die Glieder und das Mundwerk.

Zum Unterhalten ist es im Festsaal viel zu laut. An diesem Abend spielt die "Harthauser Musi", die ersten zwei Stunden ohne Pause. Die einen im Publikum stimmen lauthals in Klassiker wie Cordula Grün oder 99 Luftballons mit ein, während die anderen gleich das Tanzbein schwingen. Ob Paartanz oder Polonaise, solange sich ein Plätzchen zwischen den langen Tischen findet, ist alles erlaubt. Und dazwischen heißt es natürlich immer wieder: "Ein Prosit der Gemütlichkeit" und "Oans, zwoa - gsuffa!".

Fein gemacht zum Biergenuss: Dirndl und Lederhose gehören dazu 

Auch wenn das Bier seine Wirkung nicht verfehlt, wirklich Betrunkene sehen wir an diesem Abend nicht. Restaurantleiter Thomas Walkusch erzählt, es sei in der Vergangenheit natürlich immer wieder mal zu lautstarkem Streit gekommen. Mit dem Rauchverbot, das in bayerischen Restaurants seit 2008 gilt, habe sich das jedoch weitgehend erledigt. "Die Leute gehen ab und zu vor die Tür, schnappen hier frische Luft und kühlen sich ab." Das hilft offenbar.

Starkbierzeit ist Dirndlzeit

Erfreut zeigt sich Walbusch auch, dass das Tragen von Dirndl und Lederhose derzeit wieder richtig "in" ist. Traditionen wie die Tracht und das Starkbierfest würden sich nämlich wechselseitig beflügeln. So sei es, erzählt der Restaurantchef, noch in den 1980er-Jahre eher schwer gewesen, die Säle zur Starkbierzeit zu füllen, da die Trachten bei jungen Leuten aus der Mode gewesen seien. Selbst aufs Oktoberfest ging man damals eher im Anzug, im Kleid oder eben in der Jeans.

Schaut man heute auf den Reservierungsplan, wird aus Gästesicht schmerzlich klar: Schon Wochen im Vorfeld ist es schwierig, einen Platz neben den feierwütigen Starkbierliebhabern zu ergattern - zu denen an unserem Abend übrigens ebenso viele Frauen wie Männer gehören.

Die Übung macht’s: Gute Kondition ist gefragt

So mancher vernünftige Zecher, ob männlich oder weiblich, steigt allerdings schon nach der ersten Maß Starkbier wieder aus - oder zumindest auf Helles um. Zwei, drei oder gar noch mehr Liter an Starkbier sind tatsächlich schwer zu verkraften, wenn der Weg zur S-Bahn noch gefahrlos bewältigt werden soll. Zum Vergleich: Das Paulaner im Laden oder in der Kneipe nebenan hat 4,9 Prozent Alkohol. Beim Oktoberfestbier sind es schon 6,0 Prozent, was man den Gesängen auch anhört. Beim Salvator kommt man auf 7,9 -da fällt das Singen nach der dritten Maß eher aus.

10 der stärksten Biere der Welt

Samuel Adams "Utopias": 28 %

Form und Farbe eines kupfernen Braukessels - schon die Flasche beeindruckt. Der Inhalt wurde bis zu 22 Jahre in den unterschiedlichsten Fässern gelagert, von Sherry, Brandy, Cognac und Bourbon bis Scotch. Alle zwei Jahre bringt die Brauerei aus Boston neue Starkbiere heraus. Mit einem saftigen Ladenpreis von rund 190 Euro pro Flasche ist der begehrte Tropfen das teuerste Bier in ganz Amerika.

10 der stärksten Biere der Welt

BrewDog "Tactical Nuclear Penguin": 32%

Die schottische Brauerei BrewDog stellt seit Jahren Rekorde auf. 2009 war "Tactical Nuclear Penguin" das stärkste Bier der Welt. Der Prozess: Imperial Stout Bier wird gefroren, durch Wasserentzug wird der Alkohol konzentriert - daher der "antarktische" Name. Das Bier sollte in kleinen Mengen genossen werden, schreiben die Brauer, "wie ein guter Whisky oder ein Frank Zappa-Album".

10 der stärksten Biere der Welt

Struise "Black Damnation VI-Messy": 39%

De Struise Brouwers ist eine belgische Mikrobrauerei. Die "Black Damnation"-Serie basiert auf dunklem Russian Imperial Stout-Bier, und mit einem Alkoholgehalt von 39% ist "VI-Messy" die stärkste Variante. Im Handel ist es nicht zu bekommen. Bierkenner, die das Gebräu auf Bierfesten kosten durften, erzählen, es schmecke, anders als viele andere Starkbiere, wirklich wie Bier.

10 der stärksten Biere der Welt

Schorschbräu "Schorschbock 40": 40%

Einer der zwei Top-Wettbewerber um den Titel des stärksten Biers der Welt war 2009 die fränkische Brauerei Schorschbräu, mit ihrem Schorschbock - Alkoholgehalt 31%. Als es 2008 auf den Markt kam, enthielt es mehr Alkohol als jedes andere Bier. Die Version mit 40 Prozent Alkohol übertraf ein Jahr später den nuklearen Pinguin von BrewDog.

10 der stärksten Biere der Welt

BrewDog "Sink the Bismarck!": 41%

Nur wenige Monate später brachte BrewDog ein noch stärkeres Bier auf den Markt - und benannte es werbeträchtig nach dem größten Nazi-Schlachtschiff "Bismarck". Die Brauerei beschreibt es als "vierfaches IPA (India Pale Ale) mit viermal so viel Hopfen, viermal so bitter und viermal gefroren". Mit 100 Euro pro Flasche ist es rund 50 Mal so teuer wie normales Bier.

10 der stärksten Biere der Welt

BrewDog "The End of History": 55%

Im Kampf um den Titel "Stärkstes Bier der Welt" braute BrewDog dieses helle belgisches Ale mit 55% Alkoholgehalt. Als besonderer Clou wurden die Flaschen in präparierte Tierkörper gesteckt. 2010 waren es ganze 12 Flaschen, 2016 wurden im Zuge einer Crowdfunding-Kampagne neue Editionen herausgebracht. Wer 20.000 Dollar in die Firma investierte, bekam ein solch kurioses "Liebhaberstück" geschenkt.

10 der stärksten Biere der Welt

Schorschbräu "Schorschbock 57": 57%

Schorschbräu gab 2011 den "Schorschbock 57" heraus. Der Name verrät den unglaublich hohen Alkoholgehalt von 57 %. Mehr sei nicht möglich, ohne gegen das 500 Jahre alte Reinheitsgebot zu verstoßen, meinten die fränkischen Brauer. Von dem Tropfen gab es nur 36 Flaschen zu einem Preis von 200 Euro das Stück.

10 der stärksten Biere der Welt

't Koelschip "Start the Future": 60%

Die niederländische Brauerei 't Koelschip ("Kühlschifff") mischt auf dem Starkbiermarkt auch kräftig mit. "Start the Future" kam einen Monat nach BrewDogs "End of History" heraus - die Geschichte des stärksten Bieres war offensichtlich noch lange nicht zu Ende! Auch hier eine übersichtliche Anzahl Flaschen, aber mit 35 Euro deutlich günstiger als BrewDogs bizarr verpackte Flaschen zu 750 Euro.

10 der stärksten Biere der Welt

Brewmeister "Armageddon": 65%

Im Rennen um das stärkste Bier präsentierte die schottische Brauerei Brewmeister 2012 die "Armageddon"-Serie. Allerdings zeigten Untersuchungen, dass Ethanol, also reiner Alkohol, zugesetzt worden war. Das "Jüngste Gericht" verschwand aus dem Angebot.

10 der stärksten Biere der Welt

Brewmeister "Snake Venom": 67.5%

Ein Jahr später trumpfte Brewmeister mit einem noch stärkeren Bier auf: "Snake Venom" (Schlangengift). Eine Flasche enthält so viel Alkohol wie 15 Schnäpse. Auf dem Label wird empfohlen, nicht mehr als 35 ml auf einmal zu trinken. Für Bierpuristen ist es eher nichts. Die Website "RateBeer" bewertet das Schlangengift erst gar nicht, denn auch hier wurde der Alkoholgehalt mit reinem Alkohol erhöht.

Nicht ohne ein gewisses Staunen darf man in diesem Punkt auf die Mönche blicken, denen wir das Starkbier zu verdanken haben. Schließlich geht es hier in aller Strenge um die Fastenzeit - eine fette Ente als Grundlage war für die Ordensbrüder absolut tabu. Im Gegenteil, das Getränk musste im arbeitsreichen Alltag das Essen ersetzen. Trinken durfte man - und das sogar mit päpstlichem Wohlwollen. Es gilt bis heute der schöne Leitspruch: Flüssiges Brot bricht das Fasten nicht.

Kulturgut Starkbier: Mit dem Segen des Papstes

Da sich allerdings die Mönche nicht ganz sicher waren, ob ein Starkbier wie der Salvator dem Fasten noch gerecht wurde, schickten sie ein Fässchen von ihrem neuen Bier quer über die Alpen zum Papst nach Rom, um sich den obersten Segen zu holen. Als das Bier nach Wochen dort ankam, durchgeschüttelt und von Hitze und Kälte ausgelaugt, war es allerdings längst ungenießbar geworden. Der Papst war daher hocherfreut, welch schwere Bürde sich seine Ordensbrüder zur Fastenzeit auferlegten - und gab bereitwillig seine Zustimmung. Fünf Mal am Tag durften die Glaubensbrüder in den Klöstern ihr Krüglein angeblich füllen. Und diese "Krüglein" waren klug erdacht: Ein Liter passte getrost hinein, in manche wohl auch bis zu zwei.

Während wir unseren starkbierseligen Abend im schönen Saal des Augustinerkellers zu genießen wissen - was soll’s, heiser ist man am nächsten Tag ohnehin - schweifen die Gedanken voraus: Noch knapp 24 Wochen bis zum Oktoberfest.